Strategien gegen das Baumsterben: Neue Wälder braucht das Land

Der Klimawandel macht den Wäldern zu schaffen. Doch die sterbenden Fichten einfach durch amerikanische Douglasien zu ersetzen, ist keine Lösung.

Nahaufnahme einer Douglasie, von unten nach oben fotografiert

Hoffnungsträgerin: Die Douglasie kann dem Klimawandel trotzen Foto: Thomas Eisenkrätzer

NEUMÜNSTER taz | Kahle Fichten, getötet von Trockenstress und Borkenkäfern – das Baumsterben im Harz zeigt, wie der Klimawandel dem Wald zu schaffen macht. Bundesweit müssen rund 180.000 Hektar Wald neu aufgebaut werden. Doch wie?

Die traditionelle Forstwirtschaft setzt auf „Hire and fire“: Wo die deutsche Stieleiche vertrocknet, wird die amerikanische Roteiche gepflanzt, Fichten werden durch ihre amerikanischen Verwandten, die Douglasien, ersetzt. Der Naturschutz und alternative Forst­wir­t*in­nen sehen diesen Austausch von Arten kritisch. Um das Ökosystem Wald zu retten, bräuchte es ihrer Meinung nach neue Formen der Bewirtschaftung statt angeblicher „Wunderbäume“.

Auch die Fichte galt lange als eine Art Wunderbaum: Sie wächst schnell und gerade, ihr Holz ist leicht und vielseitig verwendbar. Rund Dreiviertel des Waldes bestehen aus Fichten, obwohl der Baum natürlich viel seltener und auf vielen Flächen gar nicht vorkäme, wäre er nicht von Menschen gepflanzt worden. Deshalb sei es weder ein Problem noch ein Wunder, dass die Nadelhölzer massenhaft stürben, meint der Direktor der Lübecker Stadtforsten, Lutz Fähser: Monokulturen, in denen Bäume in weiten Abständen stehen, nennt er „magersüchtig“.

Fähser hat ein eigenes Modell für naturgemäßen Waldbau entwickelt, heute ist er beim BUND Schleswig-Holstein engagiert und Mitherausgeber des Buches „Der Holzweg“. Er und seine Mit­strei­te­r*in­nen fordern einen neuen Blick auf das Ökosystem Wald, von den Pilzen im Boden über das Leben im Unterholz bis zu den Blattspitzen. Fähser glaubt, dass heimische Hölzer am besten für den Wald der Zukunft geeignet seien.

Fichte raus, Douglasie rein

Die Bundesregierung verfolgt den entgegengesetzten Kurs: „Wir wollen Wälder, die leistungsfähig sind“, hieß es in einem Eckpunktepapier des Bundeslandwirtschaftsministeriums zum Waldgipfel 2019. Zwar solle es mehr Mischwälder geben, in denen aber sollten „nicht-heimische Baumarten berücksichtigt werden“ – Fichte raus, Douglasie rein. Nur ein kleiner Teil der Wälder solle einer natürlichen Entwicklung überlassen bleiben.

Rund 800 Millionen Euro stehen dafür bereit, überwiegend vom Bund gestellt und kofinanziert durch die Länder, die mit ihren Forstgesetzen und Landesforsten wichtige Player in der Zukunft des Waldes sind.

Schleswig-Holstein ist mit rund zehn Prozent Waldfläche das waldärmste Bundesland, dennoch setzen die Landesforsten auch dort stark auf Holzgewinnung – in Einklang mit dem grün geführten Umwelt- und Landwirtschaftsministerium: Die Forsten würden nach „wirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt“, teilt das Haus mit.

Landesforstdirektor will nicht auf heimische Hölzer setzen

Auf heimische Hölzer zu setzen, kommt für den schleswig-holsteinischen Landesforstdirektor Tim Scherer nicht infrage: „Es interessiert mich relativ wenig, nur darauf zu schauen, wie die Vegetation früher war, weil ich weiß, dass sie künftig anders aussehen wird“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa.

Auch er will künftig mehr Mischwald, aber diesem sollen nicht heimische Gewächse wie Douglasie, Küstentanne, Roteiche und Japanlärche „beigemischt“ werden. Die Forderungen, dem natürlichen Bewuchs den Vorrang zu lassen, hält er angesichts des Klimawandels für „rückwärtsgewandt“.

„Herr Scherer hat wohl eine Kristallkugel, dass er genau weiß, was kommt“, spottet Lutz Fähser aus Lübeck. Schließlich bringe der Klimawandel nicht nur Hitze, sondern auch Frostperioden und Stürme. Auf diesen raschen Wandel könne der Mensch nie so schnell reagieren wie ein – gesunder – Wald das schaffe. „Wir pflanzen einen Baum. Ein Ahorn oder eine Eiche verteilen Tausende Samen.“

Die Wahrscheinlichkeit, dass Klima-angepasste Gewächse dabei seien, sei unendlich viel größer, wenn der Wald das selbst erledige, meint Fähser – Forschungen zeigten, dass sich ältere Bäume auf neue Anforderungen wie Trockenheit einstellen und diese Information an den Samen weitergeben könnten. „Es lässt sich feststellen, dass Pflanzen und Tiere sich rascher an klimatische Veränderungen anpassen, als es nach der klassischen Vererbungslehre zu erwarten wäre“, sagt Fähser. Er schlägt daher vor, größere Flächen sich selbst zu überlassen, um die ideale Mischung zu finden.

Dafür könnte die Politik mit anderer Gesetzgebung helfen. Bereits jetzt setzen einige Wald­be­sit­ze­r*in­nen auf das naturgemäßere Dauerwald-Konzept, bei dem die Bäume länger stehen bleiben.

Niedersachsen hat ein Entwicklungsprogramm für den Wald

Niedersachsen hat vor dreißig Jahren, als die Grünen unter dem damaligen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder (SPD) mit an der Regierung waren, mit der „Langfristigen Ökologischen Waldentwicklung“ („Löwe“) begonnen, einem Programm, das bis heute fortgesetzt wird. „Wo vorher Fichten standen, sorgen wir für Vielfalt und mischen zahlreiche Baumarten miteinander“, sagte Klaus Merker, Präsident der Niedersächsischen Landesforsten, bei einer Waldbesichtigung im vergangenen Herbst.

Auch die Douglasie gehört zum Konzept – irgendwoher muss das Holz schließlich kommen. Sie speichere viel CO2 und leiste damit auch einen Beitrag zum Klimaschutz, so Merker. Wichtig sei die Mischung: „Nur auf wenige Baum­arten zu setzen und andere zu verteufeln, ist angesichts des Klimawandels falsch.“

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