Spielwissenschaft: Warum wir auch als Erwachsene noch spielen sollten
Eine Freundin hat sich zum Geburtstag gewünscht, dass wir den Tag mit Spielen verbringen – ungewöhnlich für Erwachsene. Aber sehr gesund!
J eder zieht eine Spielkarte, dann haben Team Herz, Pik, Kreuz und Karo zehn Minuten Zeit, um sich eine Choreografie auszudenken. Es ist das erste von zahlreichen Mini-Games bei denen wir in Teams gegeneinander antreten. Eine Freundin hat sich zum Geburtstag gewünscht, dass wir den Tag mit Spielen verbringen.
Wie kann sich Team-Karo in einer kurzen Choreografie präsentieren? Unsere Körper könnten ein Karo bilden oder unsere Füße? Wir springen erst zusammen, dann auseinander, werfen die Karten in die Luft und rufen „Karooo“. Team Herz gewinnt die erste Challenge – mit Abstand. Zwei Leute können mit den Armen aber auch wirklich gut ein Herz formen.
Ein anderes Spiel heißt Memory-Extreme. Einige Meter entfernt liegen Fotopaare umgedreht auf dem Boden. Ein Spieler rennt los und sucht ein Paar. Im Team kann man sich Tipps geben, wo das zweite Foto sein könnte, auf dem A. am Strand liegt. Wir schreien, „liinkss, nein weiter oben“ und jubeln, wenn wir ein Paar finden. Als seien es 100 Euro, die da auf der Straße liegen, nicht zwei identische Fotos.
Das hier ist kein Kindergeburtstag. Wir sind längst erwachsen. Aber wir freuen uns, als wäre es 2002 und wir auf Schnitzeljagd. Warum ist das so? Warum spielen wir immer noch?
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Spiele sind konsequenzfreie Räume
Für diese Frage rufe ich Jens Junge an. Er ist Direktor des Instituts fürs Ludologie, wie Spielwissenschaft auch heißt. Nicht nur wir Menschen würden spielen, sagt Junge, Tiere auch. „Spielen ist ein Grundphänomen des Lebens.“ Kinder könnten gar nicht lernen, ohne zu spielen. Grob- und Feinmotorik, auch die Sprache erlangten Kinder so. Wie Kinder sich entwickeln, hänge deshalb viel mit spielen zusammen.
„Spielen ist ein konsequenzfreier Erfahrungsraum“, sagt Junge. So habe ich noch nicht darüber nachgedacht. Wenn wir dreimal hintereinander beim gleichen Mitspieler ziehen, wird er sauer. Wenn wir uns hämisch freuen, weil die Mitspielerin eine Extrarunde drehen müssen, schlägt sie bestimmt zurück. Freuen wir uns aber über den Sieg der anderen, ist das großzügig. All das können wir im Spiel fühlen, ohne direkt ernsthafte Konsequenzen fürchten zu müssen. Magic Circle nennt Junge diesen Raum, der von Spielen geschaffen wird.
Und warum sollte ich als Erwachsene spielen? Jens Junge lacht, als sei das eine absurde Frage. „Wer viel spielt, ist resilienter und optimistischer“, sagt er. Im Spiel merken wir, dass es immer eine nächste Chance gibt, eine nächste Partie, in der man nach einer Niederlage gewinnen kann. Wir würden lernen, negative Emotionen zu händeln. „Im Leben hat man ständig mit Verlust zu tun“, sagt Junge, „beim Spielen trainiert man, damit umzugehen.“
Auch für das Teamgefühl sei es hilfreich zu spielen, sagt Junge. Man lerne, wann man sich zurücklehnen kann und wann man gebraucht werde. Und es stimmt, jedes Spiel eines Mini-Game-Turniers bringt die unterschiedlichen Talente in den Teams hervor. Die einen können Lieder schon nach drei Tönen erraten, andere sind besonders gut darin, kleine an einer Schnur hängende Brezeln mit dem Mund zu schnappen.
Wer spielt, bleibt kreativ, denke ich – und nimmt sich selbst wahrscheinlich nicht allzu ernst. Wie auch, wenn die Aufgabe darin besteht, Wasser von einem Eimer in einen meterweit entfernten zweiten Eimer zu transportieren, nur mithilfe eines Strohhalms. Die Hände bleiben dabei hinter dem Rücken. Probieren Sie das mal aus.
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