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„Spiegel“-Titel zu Sachsen-Anhalt Feigheit vor dem Feind

Ambros Waibel

Kommentar von

Ambros Waibel

Der „Spiegel“ bezeichnet den AfD-Kandidaten für Sachsen-Anhalt als „gefährlichsten Mann Deutschlands“. Ist das Werbung für die AfD oder ein wichtiges Statement?

S achsen-Anhalt“, belehrt einen Wikipedia im zugehörigen Artikel etwas überraschend als Erstes, „ist eine parlamentarische Republik“. Und in dieser Republik wird in zweieinhalb Wochen ein neues Parlament gewählt.

Bei einer normalen Wahl würde nicht die Frage im Raum stehen, ob dieser „teilsouveräne Gliedstaat der Bundesrepublik Deutschland“ (auch Wikipedia) am Montag nach der Wahl überhaupt noch eine Republik sein wird, ein Rechtsstaat, dessen Organe sich nicht nur den im Grundgesetz definierten Grundrechten verpflichtet fühlen, sondern bei Verstößen dagegen auch juristisch auf sie verpflichtet werden können.

Doch was in Sachsen-Anhalt passiert, ist keine normale Wahl. Grund dafür ist die nicht auszuschließende absolute Mehrheit für die AfD, eine rechtsradikale und von Kriminellen durchsetzte Putschorganisation, die noch dazu landesverräterisch wesentliche Interessen der faschistischen und völkermordenden Putin’schen Diktatur vertritt.

Es wäre daher Aufgabe der Bundesrepublik Deutschland, sich selbst und ihren eben nur teilsouveränen Staat von dieser Machtergreifung zu bewahren, ein Verbotsverfahren gegen die AfD einzuleiten (längst eingeleitet zu haben, klar!) und vorab alle Energien zu bündeln, um einen formverändernden Wahlsieg der AFD zu verhindern.

Feinde unseres demokratischen Zusammenlebens

Formverändernd: Inhaltlich setzen bestehende Mehrheiten bereits unmenschliche Abschiebungen zu den Taliban durch. Inhaltlich haben wir einen Kanzler, der den Klimanotstand weniger dringlich findet als sein Erholungsbedürfnis. So was gehört zum Tagesgeschäft auch demokratischer Parteien. Doch die AfD hat einen anderen Charakter. Sie ist, egal ob Funktionär oder Wähler, ein Feind unseres demokratischen Zusammenlebens.

Statt diese für uns alle existenzielle Bedrohung durch die AfD in den Vordergrund zu rücken, beschränkt man sich auf Kritik am Cover des aktuellen Spiegels. Es zeigt den Spitzenkandidaten der AfD für die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit der Unterzeile „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. „Das könnte nach hinten losgehen“ kommentiert die FAZ, es handle sich um „Wahlkampfhilfe für die AfD“, heißt es von einem Altkader der Linkspartei, und der abgebildete Politiker „weiß die Schlagzeile für sich zu nutzen“, weiß der Stern.

Gut, dass wir unseren Kindern nun erzählen können, wer schuld daran ist, dass eine Organisation, deren Programm gerade auch ihre eigenen Wähler nur ins ökonomische und ökologische Desaster führen wird, eine Regierung stellen konnte – der Spiegel war’s!

Wie erklärt sich eine so offensichtliche Fehl- und Überinterpretation des Covers? Ist es nicht schlichtweg eine sachlich korrekte Verkaufsaufmachung eines Medienprodukts? Und der Spiegel auch eigentlich ein nicht mehr gar so bedeutendes Nachrichtenmagazin?

In erster Linie

Für die Einordnung des Titels sind drei Aspekte wichtig: Der Schock darüber, dass bundesweit so viele verrohte Menschen eine menschenfeindliche Gruppierung wie die AfD wählen, lässt die immer noch beständige Mehrheit der AfD-Gegner in den Hintergrund rücken – obwohl gerade in ländlichen und ostdeutschen Gegenden Courage dazu gehört, sich zu positionieren, ohne dabei die Vernachlässigung durch die herrschende Politik wegzuwischen. Diese Menschen sind es in tatsächlich erster, vorderster Linie, die die Bundesrepublik Deutschland verteidigen. Sie haben mehr Aufmerksamkeit verdient. Kritik am Spiegel-Titel von dieser Seite ist nachvollziehbar.

Zweitens gibt es in der etablierten Politik eine seit Jahren praktizierte Verweigerung, das Offensichtliche anzugehen, also die sozialstaatliche Grundversorgung in Zeiten multipler Krisen zu sichern und weiterzuentwickeln, bei gleichzeitiger Bewahrung der durch die Klimaverschlechterung gefährdeten Lebensgrundlagen und bei gerechter Lastenverteilung. Um dieses Versagen zu kaschieren, ist dann eben auch mal ein Spiegel-Titel recht.

Drittens ist die AfD Vertreterin ökonomischer Interessen superreicher Systemsprenger von Elon Musk bis Theo Müller, die zur Durchsetzung ihrer Agenda die formalen Hindernisse der Demokratie gar nicht schnell genug loswerden können – auch hier handelt die blaue Truppe im Auftrag; und die Auftraggeber scheinen derzeit nicht greifbar, jedenfalls weniger als eine Titelei aus Hamburg.

Selbst in Italien versteht man die Dringlichkeit

Zusammengefasst gibt das ein tristes Bild, aus dem auch durch das x-te Pro & Contra zum AfD-Verbot keine Anleitung zum Handeln wird. Der Spiegel-Titel – und leider nur ansatzweise die ihn begleitende Story – macht deutlich, was auf dem Spiel steht. Das wird auch im Ausland beachtet, wie etwa ein Artikel in Italiens wichtigster Tageszeitung, dem Corriere della Sera, zeigt. Er greift den Spiegel-Titel auf und stuft eine mögliche AfD-Regierung in dem aus italienischer Perspektive sehr fern liegenden Sachsen-Anhalt als historischen Bruch ein.

Der Spiegel hat seinen Job gemacht. Wenn das alle oder zumindest ein paar mehr von sich sagen könnten, wir stünden besser da.

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Ambros Waibel

Ambros Waibel taz2-Redakteur

Geboren 1968 in München, seit 2008 Redakteur der taz. Er arbeitet im Ressort taz2: Gesellschaft&Medien und schreibt insbesondere über Italien, Bayern, Antike, Organisierte Kriminalität und Schöne Literatur.
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