Sparmaßnahmen im Suchthilfesystem: Hamburg will zwei Drogenhilfe-Einrichtungen schließen
In Hamburg stehen zwei Einrichtungen der Drogenhilfe vor dem Aus. Die Stadt will beide Projekte nicht mehr länger fördern, die Kritik daran ist groß.
Erst seit 20 Minuten hat die Palette geöffnet. Draußen regnet es, Passant*innen eilen am Donnerstagvormittag mit Regenschirmen in der Hand an dem unscheinbaren Eckhaus mit der offenen Glastür vorbei. Zwei Männer hingegen bleiben stehen und begrüßen eine Frau, die gerade noch eine Zigarette raucht. Nach einem kurzen Gespräch gehen sie hinein ins Trockene.
Rund 20 Menschen sitzen dort drin schon an mehreren Tischen. Einige halten dampfende Teetassen in den Händen, andere greifen zu geschmierten Brötchenhälften, die auf dem Tisch vor ihnen liegen. Manche führen leise Gespräche.
In Hamburg-Altona sollen in diesem Jahr gleich zwei Einrichtungen der Drogenhilfe schließen: So stellt die zuständige Sozialbehörde die Förderung für eine Unterkunft für obdachlose, drogenabhängige Männer im Stadtteil Bahrenfeld ein.
Zudem wurde am Dienstagabend bekannt, dass die Sozialbehörde und der Bezirk Altona auch die Finanzierung für die Hilfseinrichtung Palette einstellt. Die Anlaufstelle für Drogenabhängige und Obdachlose war vor sechs Jahren geschaffen worden, um eine niedrigschwellige Unterstützung an der S-Bahn-Haltestelle Holstenstraße zu bieten.
Sozialbehörde verteidigt Pläne
Das Umfeld hatte sich in den Jahren zuvor zu einem Treffpunkt Drogenabhängiger entwickelt, teils aufgrund der Vertreibung von anderen Orten in Hamburg, berichteten Sozialarbeiter:innen. Vor allem die Hamburger Polizei und ihre Taskforce Drogen sind seit zehn Jahren in mehreren Stadtteilen auf Patrouille, um die dortigen Drogenszenen „einzudämmen“, wie es heißt.
Als Reaktion auf diesen neuen Treffpunkt hatte der städtische Sozialträger Fördern & Wohnen gemeinsam mit dem Verein Palette die Einrichtung eröffnet. Der Verein bietet in Hamburg seit den 1980er Jahren an mehreren Standorten akzeptierende soziale Hilfen für Drogenabhängige an.
Durchschnittlich 50 Klient:innen werden von den Sozialarbeiter:innen in Altona täglich betreut. „Allein diese Zahl zeigt schon, wie wichtig dieser Standort ist“, sagt Palette-Geschäftsführerin Mandy Dombeck-Herrmann. Viele der Klient:innen würden bei anderen Einrichtungen durchs Raster fallen: „Wir erreichen hier viele, die nirgendwo sonst angegliedert sind“, sagt sie.
Seitdem die Sozialbehörde und das Bezirksamt am Dienstagabend im Altonaer Sozialausschuss das Ende der Finanzierung zum Jahresende bekanntgegeben haben, ist die Aufregung darüber groß.
Die Grünen halten die Entscheidung für „unverantwortlich“. Die Drogenszene, die hier überwiegend aus Crackkonsumierenden besteht, habe das Hilfsangebot der Straßensozialarbeit sehr gut angenommen, sagt deren Bezirksabgeordnete Nadine Neumann. Die Einrichtung habe dazu beigetragen, „den sozialen Frieden vor Ort wiederherzustellen“.
Auch die Linke in Altona fordert den Erhalt der Palette. „Im Blindflug nimmt die SPD-geführte Sozialbehörde damit den suchtkranken Menschen eine zentrale Anlaufstelle im Bezirk – ohne Ersatz im Stadtteil zu schaffen“, kritisiert deren Abgeordneter Ricardo Bolaños González.
Wolfgang Arnhold, Sprecher der Sozialbehörde, betont, dass die Einrichtung ohnehin nur als temporäre Lösung gedacht gewesen sei. Im Frühjahr ist in der unmittelbaren Nähe eine neue Tagesaufenthaltsstätte eröffnet worden, in der bis zu 100 obdachlose Menschen sich gleichzeitig aufhalten und beraten lassen können. Die Behörde räumt jedoch ein, dass es dort kein niedrigschwelliges Suchthilfeangebot gebe, wie es in der Palette angeboten wird.
„Insbesondere Crack konsumierende Menschen sollen stärker an die spezialisierten Suchthilfeangebote Stay Alive und Drob Inn herangeführt werden“, sagt Arnhold. Das Stay Alive befindet sich ebenfalls in Altona, das Drob Inn jenseits des Hauptbahnhofs. Dass diese beiden Hilfsangebote die Schließung der Palette auffangen können, bezweifeln Grüne wie Linke. Die Behörde betont, dass zusätzliche Stellen für Straßensozialarbeiter:innen in Altona geschaffen werden sollen.
Spardruck trifft Schwache
Doch die Behörde streicht auch noch an anderer Stelle: Schon im Oktober soll auch das Malteser Nordlicht im benachbarten Stadtteil Bahrenfeld schließen. Seit 30 Jahren gibt es dort Unterkünfte für 26 obdachlose, drogenabhängige oder substituierte Männer. Die Sozialbehörde beschloss, die Förderung für die Containerunterkunft einzustellen, die zuletzt bei etwas über einer Million Euro lag. Wie die Palette sieht sich auch das Nordlicht betroffen „von den Sparmaßnahmen im Suchthilfesystem“.
Der Eindruck, dass der SPD-geführte Hamburger Senat zunehmend beim Sozialen spart, verstärkt sich seit einigen Monaten: Schon im noch laufenden Haushalt werde zu wenig Geld für die Offene Kinder- und Jugendarbeit bereitgestellt, was bereits zur Schließung von Projekten geführt habe, klagten Vertreter:innen.
Und seit der Vorstellung des kommenden Doppelhaushalts im Juni weiten sich die Klagen aus, etwa hinsichtlich der Schulbegleitung von Schüler:innen mit einer Behinderung, die künftig weniger Schüler:innen gewährt wird. Auch bei Hilfen für Geflüchtete will Hamburg weniger Geld ausgeben.
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