Späte Versöhnung: Eintauchen. Langmachen. Hochdrücken. Ausatmen
Freibad, das bedeutet Chlorwasser, Sonnenbrand und piksende Grashalme, dachte unsere Autorin. Dann bekam sie eine Mehrfachkarte geschenkt.
Vergangenen Sommer erbte ich unverhofft eine Mehrfachkarte für die Berliner Freibäder. Zwanzig Eintritte für sechs Wochen Restlaufzeit. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, mir eine zu kaufen. Geschweige denn so spät in der Saison.
Freibad, das war für mich: in der prallen Sonne auf einer vertrockneten Wiese liegen, deren Halme durchs Handtuch piksen. Mit nassen Oberschenkeln an den Plastikstühlen der Pommesbude kleben bleiben. Von irgendeinem Christopher so lange unters Wasser gedrückt werden, bis das Leben an einem vorüberzieht. Sich beim Gruppenrutschen eine Gehirnerschütterung holen. Zu viel Chlorwasser in Augen, Nase und Magen. Sonnenbrand, Sonnenbrand, Sonnenbrand. Einmal habe ich im Nichtschwimmerbecken eine Kackwurst treiben sehen.
Nun denn, dachte ich. Zwanzig durch sechs, das sind dreikommaperiodedreimal Freibad in der Woche. Wie alle anderen hatte ich „22 Bahnen“ gelesen, die Auslage meiner Buchhandlung war voll mit Frauen, die im roten Badeanzug durchs Wasser pflügen, vom Sprungturm rein ins Leben, vom Beckenrand ins Glück. Das könnte ich sein, dachte ich. Kaufte mir eine Badekappe, eine Taucherbrille, eine Nasenklammer und piepste mich mit dem QR-Code durchs Drehkreuz. Noch 19 Mal.
Den Badeanzug schon drunter, schmiss ich die Tasche auf die Wiese, pflatsch, pflatsch, mit Adiletten durch die Ekelbrühe des Durchschreitebeckens, zwei Sekunden unter die kalte Brause, rein ins Wasser. Abstoßen, langmachen, hochdrücken, einatmen, ausatmen, Armzug, Beinschlag, langmachen, hochdrücken, einatmen, ausatmen. Und natürlich fühlte ich mich dabei ein paar Bahnen lang wie die Heldinnen all dieser Schwimm- und Sprungturmromane, die ihren shit so was von together haben. Dann ging mir die Puste aus.
Schwimmhäute zwischen den Fingern und ein Viktor
In den darauffolgenden Wochen schaute ich mir Youtube-Tutorials für die richtige Wendetechnik an, übte Köpper und kurz sogar Kraulen, mir wuchsen Schwimmhäute zwischen den Fingern … nein, Spaß! Aber ich versöhnte mich mit der Institution Freibad, insbesondere mit dem bei mir um die Ecke, wo stets eine angenehme Aufbruchstimmung herrschte, wenn ich nach Feierabend noch für eine Stunde vorbeikam. Und wo ich im Wasser an nichts anderes dachte als „Bahn 3, Bahn 3, Bahn 3, Bahn 3“, weil ich mir ausnahmsweise keine Airpods in die Ohren stopfen konnte, um mein Gehirn mit Laberpodcasts zu betäuben.
Und dann passierte noch etwas richtig Schönes. Ich lernte einen Mann namens Viktor kennen, mit eisblauen Augen, der wie ich immer 22 Bahnen schwa… nein, noch mal Spaß! Viel schöner! Ich stellte mich in die Schlange fürs Dreimeterbrett, meinen absoluten Endgegner aus der Schulzeit. Was habe ich mich dort oben festgekrallt und vor Angst gewimmert. Aber weil ich vor den 35 Halbstarken hinter mir keine Szene machen will, laufe ich nach vorne und springe, ganz ohne zu zögern. Und dann direkt noch mal.
In diesen Wochen machen die Berliner Freibäder wieder auf. Meine Mehrfachkarte habe ich schon.
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