Sowjetische Avantgardekunst in Athen: Neuer Mensch in neuen Welten
Wenig wäre über die sowjetische Avantgarde bekannt ohne die Sammlung von George Costakis. Die visionäre Kunst ist nun in der Nationalgalerie Athen zu sehen.
Vor dreißig Jahren erregte eine Ausstellung in der Athener Nationalgalerie Aufsehen. Erstmals war die Sammlung frühsowjetischer Avantgardekunst von George Costakis im Mutterland des Sammlers zu sehen, nachdem sie Jahre zuvor bereits auszugsweise in Düsseldorf und im Guggenheim Museum New York gezeigt worden war. Bald nach der Athener Ausstellung engagierte sich der griechische Staat, bei der nationalen Ehre gepackt, dafür, die private Sammlung dauerhaft im Land zu halten. Es kam zum Ankauf für die nicht ganz geringe Summe von (umgerechnet) 33,5 Millionen Dollar. Und es entspann sich ein Streit, wo die Sammlung verbleiben sollte. Thessaloniki, nicht Athen erhielt schließlich den Zuschlag und ein eigenes Museum.
Durch mehrere Ausstellungstourneen mit Stopp unter anderem im Gropius Bau Berlin ist die Sammlung weithin zum Begriff geworden. Und doch ist sie nicht leicht fassbar. 1.277 Arbeiten umfasst sie insgesamt, Gemälde, Skulpturen, Grafisches bis hin zu kleinen Skizzen. Sie ist kein vollständiges Panorama der Avantgarde von 1910 bis 1930, deren künstlerisches Zentrum das zunächst spätzaristische und dann frühsowjetische Moskau war. Dafür ist sie voller Überraschungen an Künstlern und Werken, die die enorme Breite der Kunst in diesen aufwühlenden Jahren bezeugen.
Nun ist die Sammlung erneut in der Nationalgalerie Athen zu sehen, aber mit einem neuen und überzeugenden Ansatz. Keine strikte Chronologie, kein alphabetisches Künstlerverzeichnis, sondern vier Themen, die wie Sonden in die Sammlung gelegt sind: Stadt, Natur, Universum, überwölbt und zusammengehalten vom Humanum, dem Menschen und seiner Schöpferkraft.
„The Avant–Garde World. City, Nature, Universe, Human“. Nationalgalerie – Alexandros-Soutsos-Museum Athen, bis 27. September. Katalog: 50 Euro
Große Worte – aber sie entsprechen dem Geist Anfang des 20. Jahrhunderts, als alles möglich schien, alles erträumt wurde, umso mehr, als die tägliche Realität weithin von Krieg und Not geprägt war. Und doch entstanden nach- und nebeneinander Kunstrichtungen wie Kubofuturismus, Suprematismus, Konstruktivismus oder der über alles Irdische hinausgreifende Kosmismus. Mit dem heraufziehenden Stalinismus, mit Fünfjahresplan und Industrialisierung endete die künstlerische Freiheit, und letztmals war Avantgardekunst zum 15. Jahrestag der bolschewistischen Revolution zu sehen, 1932. Die Kunst wurde verfemt und verbannt.
Kunstwerke waren in Moskau für kleines Geld zu haben
George Costakis, 1913 als Sohn eines Tabakhändlers in Moskau geboren, blieb in Russland und arbeitete bei westlichen Botschaften, seit 1942 bei der von Kanada. Die harte Währung, in der sein Gehalt gezahlt wurde, ermöglichte es ihm, Kunst zu kaufen – und die Avantgarde, auf die er sich seit einem Erweckungserlebnis von 1946 kaprizierte, war bei den Künstlern selbst oder ihren Nachfahren für kleines Geld zu haben. Costakis füllte seine Wohnung mit immer weiteren Werken, seine Adresse wurde zum Anlaufpunkt ausländischer Besucher. Als er 1977 aus Moskau weggehen wollte, in die ihm unbekannte Heimat seiner Eltern, musste er für die Ausfuhrerlaubnis einen Gutteil seiner Sammlung dem sowjetischen Staat überlassen, 834 erstrangige Werke, die an die Moskauer Tretjakow-Galerie gingen. Costakis selbst starb 1990 in Athen.
Gleichwohl behielt Costakis, was als umfangreichste Sammlung russischer Avantgarde außerhalb des Ursprungslandes gelten darf. Im lichtgeschützten Untergeschoss des Athener Museums ist jetzt eine sinnreiche Ausstellungsarchitektur entstanden, die die Hauptkapitel sowohl voneinander trennt, als auch wechselseitig durchlässig macht. Denn welches Kunstwerk unter welchem Thema verortet wird, ist eine Entscheidung von heute aus; getroffen von Syrago Tsiara, der Direktorin, und der schon an der Athener Erstpräsentation beteiligten Maria Tsantsanoglu, heute Künstlerische Leiterin des Museums in Thessaloniki.
Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist die Erforschung der Eigenständigkeit der ukrainischen Kunst in den Fokus gerückt. Insbesondere die Wanderausstellung „Im Auge des Sturms“ unter anderem in Madrid und Köln hat den ukrainischen Beitrag zu der bis dahin umstandslos als „russisch“ rubrizierten Avantgarde deutlich gemacht, darunter den von Kasimir Malewitsch, der, in Kyjiw gebürtig, zuletzt bis 1930 am dortigen Kunstinstitut lehrte. Kleinere Arbeiten von Malewitsch sind durchaus in der Sammlung vertreten, darunter eine ganz frühe „Landschaft mit Haus“ von 1906 mit irritierend abstrakten Partien.
Ein neues räumliches Verständnis
Die Avantgarde suchte nach einem neuen räumlichen Verständnis. Die „Stadt“ steht metaphorisch für das Veränderliche des Konstruierten, für die Dynamik des Raumes und der darin agierenden Menschen. So bildet das Gemälde „Dynamische Stadt“ von Gustavs Klucis aus dem Jahr 1919 den Auftakt, eine Konstruktion aus Kreis und raumbildenden Flächen – und eben keine deskriptive Ansicht von Stadt. Die konstruierten Werke des Kubofuturismus folgen, wie Nadeschda Udaltsovas „Gelber Krug“ von 1914, aber auch mechanistische Bühnenbildentwürfe der tragisch früh verstorbenen Ljubow Popowa von 1923. Dazu der Entwurf eines Denkmals für den 1919 verstorbenen Bolschewisten (und Initiator des „Roten Massenterrors“) Jakow Swerdlow, den Alexej Babichev aus Metalldraht formte – wie so vieles in der Sammlung ein absolutes Unikat.
Das wohl späteste Werk der Ausstellung von 1940 zeigt einen abstrahierten Baum – von Wladimir Tatlin, der im Kapitel „Universum“ mit dem einzigen erhaltenen Originalteil seines wunderlichen Flugapparates „Letatlin“ um 1930 vertreten ist.
Die Visionen der Avantgarde reichten oft hinaus ins Kosmische, wollten die irdische Schwerkraft hinter sich lassen wie die Scheinarchitekturen von Gustavs Klucis, dem 1938 im Großen Terror hingerichteten lettischen Künstler. Er ist bei Costakis mit zahlreichen Arbeiten vertreten, wie auch Iwan Kljun, der zu einer ganz eigenen abstrakten Sprache fand, wie in „Rotes Licht – Sphärische Komposition“ von 1923. Die Beschäftigung mit Farbe und Licht, mit ihrem Eigenwert unabhängig von jeder darstellenden Funktion, war für die russische Avantgarde zentral. Ganz ins Geistige weist Michail Matjuschins „Malerisch-musikalische Konstruktion“ von 1918. Und dann ist in allen Kapiteln Ljubow Popowa vertreten, etwa mit der ihrem Titel gemäßen „Raum-Kraft-Konstruktion“ von 1921. Was Costakis aus Popowas so früh abgebrochenem Œuvre erwerben konnte, reicht für eine eigene Retrospektive.
Das gilt ebenso für den hierzulande unbekannten Solomon Nikritin, dessen Werk erstaunlich genug fast immer figurativ blieb, aber alles andere als naturalistisch oder gar heroisch. Seine „Schreiende Frau“ und vor allem die monochrome „Trinkende Frau“, beide von 1928, sind denkbar weit entfernt von den zunehmenden Vorgaben der kommunistischen Partei. Aber das gilt ebenso für die wie ein Puzzle zergliederte Malerei von Pawel Filonow, etwa den „Kopf“ von 1926. Überhaupt ist staunenswert, was Costakis an figurativer Malerei zusammengetragen hat. Die Werke im Kapitel „Human“ passen weder in die offiziöse Kunst noch in das bisherige, vor allem im Westen gepflegte Bild der Avantgarde der frühen Sowjetunion.
Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz hinzuzufügen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen.
Sie wollen Google lieber meiden? Dann nutzen Sie doch DuckDuckGo oder Ecosia.
Jede Präsentation der Costakis-Schätze weist über sich selbst hinaus auf die vielen unbekannten oder vergessenen Künstler, zumal jene, die in den Mahlstrom der sowjetischen Geschichte gerieten. So auch in Athen: Immerzu könnte man etwas ergänzen und anreichern. Ohne den „verrückten Griechen“, wie er in Moskau genannt wurde, wäre die Kenntnis der Avantgarde in Russland kaum zu ihrem heutigen Stand vorgedrungen, allein schon durch die zahllosen Ausstellungen, die mit Arbeiten aus seiner Sammlung bestückt wurden. Die konzentrierte Übersicht in Athen ist dabei ein Höhepunkt – und ein Modell, wie die künftige Dauerausstellung in Thessaloniki aussehen könnte, ja sollte.
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 360 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert