Sonniges Wochenende: Energiewende-Experten verzweifeln wegen Stromüberschüssen
Ein Energieökonom riet Privatleuten, Solaranlagen temporär abzustellen. Die Solarbranche fordert bessere Bedingungen für Stromspeicher von der Politik.
Verzweiflung bei Energiewende-Experten: „Wenn ihr etwas Gutes für die Versorgungssicherheit und die Energiewende tun wollt, dann schaltet morgen eure PV-Anlage ab“, forderte Energieökonom Lion Hirth von der Hertie School in Berlin vor dem sonnigen Wochenende im sozialen Netzwerk Linkedin die fünf Millionen Besitzer von Solarstromanlagen in Deutschland auf.
Die Wetterprognose hatte einen Überfluss an Solarstrom nahegelegt. Und tatsächlich: Die Photovoltaik erzeugte zeitweise mehr Strom, als im ganzen Land verbraucht wurde oder in Stromspeichern eingelagert werden konnte. Entsprechend bekamen Käufer im Großhandel – etwa ausländische Energieunternehmen oder sonstige Kunden, die spontan ihren Verbrauch steigern – für die Kilowattstunde keine Rechnung, sondern bis zu 50 Cent Prämie.
Größere Solaranlagen lassen die Stromnetzbetreiber in solchen Zeiten abschalten. Viele kleine Solaranlagen sind aber noch nicht mit Smart Meter ausgestattet und nicht von außen steuerbar.
Von der Verbrauchsseite her argumentierte sarkastisch der Ökonom Justus Haucap von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, der als Energiewende-Kritiker bekannt ist: „Bitte alle von 10 bis 17 Uhr Sauna, Backofen und Haushaltsgeräte anschmeißen – der Strom muss entsorgt werden.“
Solarwirtschaft wendet sich an Politik
Ganz ohne Sarkasmus setzen Stromanbieter auf genau dieses Prinzip und bieten dynamische Stromtarife an. Philipp Schröder, Chef des Stromversorgers 1KOMMA5°, riet denn auch in eigener Sache, man möge sich „Steuerbox, Batterie und Smart Meter“ zulegen. Es sei „eine Schande, wie günstiger, sauberer Strom im Überschuss mitten in der Energiekrise weggeschmissen wird“.
Der Bundesverband Solarwirtschaft wendet sich an die Politik: Im ersten Quartal 2026 hätten die „Batteriespeicher-Investitionen in Deutschland neue Höchststände“ erreicht. Inzwischen gebe es Batterien mit 28 Gigawattstunden Kapazität. Trotzdem reichen sie gerade aus, den PV-Strom zu speichern, der in einer halben Stunde anfällt. Statt den Zubau von Solaranlagen zu bremsen, wie es Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant, propagiert der BSW Solar „beschleunigte Netzanschlussverfahren“ für Stromspeicher.
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