Siegfried-Lenz-Stück in Wilhelmshaven: Ein autoritärer Käptn ist auch keine Lösung
Mit Siegfried Lenz' Erzählung „Das Feuerschiff“ analysiert die Landesbühne Nord kühl die Möglichkeit von Widerstand. Hinter den Kulissen brennt's.
Foto: Volker Beinhorn/Landesbühne Nord
Es rumort in Wilhelmshaven. Verantwortungsvolles Handeln in Führungspositionen wird unterschiedlich interpretiert. Auf und hinter der Bühne. Aber erst mal geht es auf das Feuerschiff „Norderney“, das in „Wilhelmshaven“ ungetauft wurde, weil es dort seit 2025 als Museumsschiff am immer noch nach dem Kriegsverbrecher Friedrich Bonte benannten Kai liegt.
Der NS-Kommodore war als Mitglied eines rechtsextremen Freikorps 1919 an der Niederschlagung der Münchener Räterepublik beteiligt. Als „Führer der Zerstörer“ war er in der deutschen Kriegsmarine für die völkerrechtswidrige Besetzung Norwegens zuständig. Das Theaterpublikum groovt sich ohne solche Hinweise auf die Lebensbedingungen an Bord eines Feuerschiffs ein.
Anschließend bekommt es schräg gegenüber in der kleinen Spielstätte der Landesbühne Niedersachsen Nord die dramatisierte Novelle „Das Feuerschiff“ von Siegfried Lenz vorgeführt. Ausstatter Thomas Rump hat auf die Bühne eine Tribüne aus Stühlen bauen lassen.
Das Feuerschiff von Michael Uhl nach Siegfried Lenz. Landesbühne Nord. Aufführungen in Emden, Vechta, Leer, Witmund und Neumünster ab 9.9., in Wilhelmshaven wieder am 11. 9.
Den ähnlich platzierten Zuschauer*innen auf der Gegenseite vermittelt das: Hier wird etwas aus ihrem Leben gespiegelt. Zentral ist die zeitlose Auseinandersetzung, wann in einem Rechtsstaat mit Gewalt auf Gewalt geantwortet, wann Gewalt zur Konfliktlösung gerechtfertigt werden darf. Auslöser der Fragen sind an Bord geholte Schiffbrüchige.
Sie erweisen sich als schwer bewaffnete Kriminelle auf der Flucht. Sie wollen fix weiterziehen. Da aber ihr Kahn wie auch das Rettungsboot des Feuerschiffs defekt sind, soll dieses die Anker lichten. Die Mannschaft propagiert aktiven Widerstand. Kapitän Freytag fürchtet, dabei könnte von Waffen tödlicher Gebrauch gemacht werden.
Außerdem will er verhindern, dass das Schiff seine Position verlässt, da sonst die sichere Fahrt anderer Schiffe nicht mehr garantiert sei. Die zu gewährleisten, ist seine Pflicht. Wenn aber Freytag weder den Verbrechern noch der Besatzung nachgibt, macht sich Caspary, Chef der Terror-Clique, die Tatsache zunutze, dass jede:r bestechlich ist. Er prahlt mit Unmengen von Geld und holt die rebellische Crew auf seine Seite. Freytag verliert die Kontrolle. Die Wasserschutzpolizei wird Tote auf dem Schiff vorfinden.
Die Textfassung und Inszenierung von Michael Uhl kommen wie die Vorlage daher: klar, ruhig, sachlich, konkret, verständlich laufen die Szenen auf gewichtige Aussage zu. Die Aufführung widmet sich ganz dem inneren Konflikt des Kapitäns in der Kammerspielform eines Psychokrimis.
Die Figuren bleiben Typen. Nur fürs zentrale Duell werden lebensnahe Charaktere angedeutet. Andreas Möckel spielt die Zerrissenheit des Kapitäns überzeugend, gibt den erfahrenen Seemann unbeirrbar anständig zwischen Zaudern, verbaler Selbstbehauptung und körperlicher Auflehnung.
Intellektuelle Eleganz des Bösen
Reizvoller ist wie immer die Inkarnation des Bösen. Simon Ahlborns Caspary glänzt in selbstsicherer Arroganz, ist gebildet und eloquent. Seine intellektuelle Eleganz kommt absolut gefühls- und daher ungehindert rücksichtlos daher.
Im Gegensatz zu dieser in geordneter Unordnung so präzise gelungenen Inszenierung herrschen hinter den Kulissen Unordnung und Empörung. Intendant Olaf Strieb habe dem Förderverein der Landesbühne mitgeteilt, dieser würde seiner Aufgabe, Mitglieder und Geld zu akquirieren, nicht mehr nachkommen, berichtet der Vorstandsvorsitzende Hans-Wilhelm Berner. Deswegen würde Strieb ab sofort den Vorstandssitzungen und Vereinstreffen fernbleiben und den Austausch meiden.
Laut Berner entbehren die Vorwürfe jedweden Realitätsgehalts. Der vor 13 Jahren gegründete Verein hat nach eigener Angabe inzwischen 360 Mitglieder. Bis Sommer 2026 seien rund 300.000 Euro ans Theater gespendet worden für technische Geräte, Projekte des Kinder- und Jugendtheaters sowie ermäßigte Schülertickets und den Jade-Ring-Preis.
Der Intendant schweigt
Ein Gespräch mit dem Intendanten darüber sei aber gescheitert und in der Folge sei der komplette Vorstand zurückgetreten. Deshalb lägen nun alle Förderanträge auf Eis. Es droht konkret die Auflösung des Vereins und damit das Ende der finanziellen und ideellen Unterstützung durch die gut vernetzte Theaterfreund:innenszene.
Wie kann ein Intendant das wollen? Berner vermutet einen Zusammenhang zwischen Striebs Konfrontationsstrategie und der Vereinsentscheidung, 200 Euro für den Grillabend zum Saisonabschluss gespendet zu haben. Eine Lapalie, aber Strieb habe sich gegen Unterstützung von Mitarbeiter:innen-„Bespaßungen“ ausgesprochen. Das Verhalten des Intendanten führte bereits zu Austritten aus dem Förderverein, so Berner.
Strieb möchte laut Theaterpressestelle den Vorwürfen und Vermutungen nicht entgegentreten, nichts richtigstellen, sondern vollumfänglich schweigen. In einer außerordentlichen Mitgliederversammlung fand sich vergangene Woche niemand bereit, für einen neuen Vorstand zu kandidieren und sich mit Strieb auseinanderzusetzen. Wird auf einer von einem Notvorstand einberufenen erneuten Mitgliederversammlung wieder kein Vorstand gewählt, muss der Förderverein abgewickelt werden.
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