Shitstorm nach Grünen-Antrag: Queere Ampelpaare lösen Hasswelle aus
Ein Antrag der Grünen-Fraktion in Elmshorn hat einen Shitstorm verursacht. Die Fraktion will mehr Vielfalt bei den Ampelmännchen.
Die Elmshorner Grünen wünschen sich mehr queere Repräsentation im Straßenverkehr – und sehen sich deshalb mit einer Welle an Hass und Hetze im Netz konfrontiert. Auslöser war ein Antrag für mehr Vielfalt bei den Ampelmännchen in der Stadt Elmshorn in der vergangenen Woche. Über den Antrag sollte am Donnerstagabend im Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt verhandelt werden.
Konkret schlägt die Fraktion vor, künftig beim Austausch von Ampelfiguren Motive einzusetzen, die sowohl heterosexuelle als auch queere Paare abbilden. Angesichts der finanziellen Lage der Stadt soll der Austausch im Rahmen der ohnehin anstehenden, regelmäßigen Erneuerung der Ampelfiguren erfolgen, wie die Elmshorner Grünen in ihrer Ankündigung berichten. Der finanzielle Aufwand hält sich somit in Grenzen.
Trotzdem löste die Ankündigung des Antrags durch die Fraktion auf Facebook und Instagram neben Zuspruch eine Welle an Hasskommentaren aus. In der Kommentarspalte auf Instagram finden sich Aussagen wie „Geistige Verblödung im Endstadium“ und „Echt krank dieser ganze Quark“.
Der Stadtverordnete und Fraktionsvorsitzende der Elmshorner Grünen, Björn Hildebrand, äußerte sich gegenüber der taz zu den Hasskommentaren: „Natürlich versuche ich, diese nicht so stark an mich ranzulassen. Aber belastend und anstrengend ist die Situation schon.“ Die Tage nach der Ankündigung seien herausfordernd gewesen, erklärte er. Auf die Frage, was er sich von dem Antrag erhofft, erwiderte Hildebrand: „Die Sichtbarkeit von Vielfalt soll verdeutlichen, dass queere Menschen ein selbstverständlicher Teil unserer Stadtgesellschaft sind.“
Vielfalt: nicht überall gern gesehen
Hildebrand richtet klare Worte an diejenigen, die sich gegen den Antrag aussprechen: „Es geht um eine kleine Maßnahme, die große Symbolkraft hat und kaum was kostet. Solange selbst ein kleiner Beitrag zur Sichtbarkeit und gesellschaftlichen Teilhabe queerer Menschen ein derart negatives Echo erzeugt, werde ich an dem Thema dranbleiben. Von ein paar Beleidigungen werde ich mich nicht abschrecken lassen.“
Björn Hildebrand, Fraktionsvorsitzender, Bündnis 90/Die Grünen Elmshorn
Dabei ist die Forderung nach gleichgeschlechtlichen Ampelpaaren – und die Umsetzung der Idee – nicht neu: In vielen deutschen Städten sind queere Ampelpaare seit Jahren ein fester Bestandteil des Straßenverkehrs. Doch auch dort stößt die Vielfalt an den Ampeln nicht nur auf Zuspruch.
So ging im Juli 2022 beim Verwaltungsgericht München eine erfolglose Klage gegen die gleichgeschlechtlichen Ampelpaare in der Stadt ein. Die Kläger gingen vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Berufung, doch der wies die Klage ebenfalls ab. Der VGH begründete seine Entscheidung damit, dass die Ampelpaare „eine Botschaft der Sympathie“ sowie „eine Aufforderung an die Mehrheitsgesellschaft zu Toleranz“ senden.
Im September 2025 klagte ein Ratsherr in Hildesheim gegen die queeren Ampelzeichen in der Stadt. Er gab an, sich in seiner sexuellen Selbstbestimmung und in seiner Identität als Mann eingeschränkt zu fühlen, wie das Verwaltungsgericht Hannover dem NDR mitteilte. Außerdem sei der Mann von einem Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung ausgegangen. Das Gericht wies die Klage ab.
Mehr Bedrohungen, weniger Sichtbarkeit
Queere Sichtbarkeit gewinnt vor dem Hintergrund der aktuellen Bedrohungslage für queere Personen zunehmend an Bedeutung. Laut einem gemeinsamen Lagebericht des Bundeskriminalamtes (BKA) und dem Bundesministerium des Innern aus dem Jahr 2024 hat sich die Zahl queerfeindlicher Straftaten seit 2010 fast verzehnfacht.
Wie real diese Bedrohung ist, zeigte sich im vergangenen Juli. Ein Transporter fuhr am Rande des Berliner CSDs in eine Menschenmenge. Eine Frau wurde dabei getötet, 31 Personen teilweise schwer verletzt. Das Attentat zeigt, wie kritisch die Sicherheitslage für queere Menschen in Deutschland ist.
Diese Entwicklung schlägt sich auch auf politischer Ebene nieder: Der 2022 von der Ampelkoalition ins Leben gerufene Aktionsplan „Queer leben“ wird von der aktuellen Bundesregierung nicht weiter verfolgt. Zudem kürzte die Merz-Regierung in diesem Jahr bei den Förderungen von Projekten zum Schutz queerer Menschen in Deutschland.
Queere Ampelpaare in Elmshorn können diese Kürzungen zwar nicht ausgleichen, aber zumindest stellenweise mehr Sichtbarkeit für queere Lebensrealitäten schaffen. Davon abgesehen senden sie die gleichen Signale wie Standard-Ampelfiguren: Stehen bleiben oder Gehen im Straßenverkehr.
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