Sexuelle Gewalt gegen Kinder: Wo bleibt die Bazooka?
Scho wieder ein Fall sexueller Gewalt gegen Kinder, bei dem Jugendämter versagt haben. Es fehlen: systematische Schulung und behördliche Vernetzung.
D ie Parallelen zum Fall Lügde drängen sich auf: Wieder haben mehrere Männer systematisch Kinder aus ihrem Umfeld sexuell ausgebeutet, wieder war der Tatort eine Parzelle an einem kleinbürgerlichen Erholungsort. Und wieder steht die Arbeit der Jugendämter im Fokus: Das Jugendamt Münster beobachtete eine der drei betroffenen Familien schon vor Jahren, weil der „soziale Kindsvater“ mehrfach wegen Besitz und Vertrieb von kinderpornografischem Material aufgefallen war.
Dennoch sah man keinen Anlass, das Kind aus der Familie zu nehmen. Eine Entscheidung, die für das Leben dieses und zweier anderer Jungen schlimme Konsequenzen hatte: schwere sexuelle Gewalt zwischen November 2018 und Mai 2020; davon gehen die Ermittler derzeit aus. Eineinhalb Jahre Martyrium, weil das Jugendamt die Gefahr nicht ernst genug nahm? Und weil die Polizei, die 2019 erneut Material bei dem Verdächtigen entdeckte, die Erkenntnisse nicht umgehend weiterleitete?
Bitter, dass sich so ein Fall ausgerechnet in NRW wiederholt, wo Innenminister Reul nach dem Behördenversagen in Lügde und den Ermittlungspannen im Netzwerk von Bergisch-Gladbach den Kampf gegen Kindesmissbrauch zur „Chefsache“ erklärt hatte. Fairerweise muss man sagen, dass der letztgenannte sowie der aktuelle Fall auch andere Länder betrifft und sich die Ausstattung der Polizei verbessert hat.
Doch wo sind die systematische Schulung, die behördliche Vernetzung und die fachliche Begleitung derer, die von Amts wegen das Kindeswohl sicherstellen sollen? Deprimierend, dass die Bundesregierung trotz des offensichtlichen Bedarfs keine „Bazooka“ für den Kinderschutz auspackt. Die Lücken im Kinderhilfesystem sind unübersehbar.
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