Sexuelle Belästigung live im TV: Den Ball nicht flach halten

Eine italienische Sportjournalistin wird nach einem Erstligaspiel von Fans begrapscht und beleidigt. Sie lässt die Sache nicht auf sich beruhen.

Eine Frau mit Mikrofon vor dem Eingang eines Stadions

Wurde vor laufender Kamera begrapscht: TV-Moderatorin Greta Beccaglia Foto: coalition for women in journalism

Kinderwagenschieben war nicht drin, so tief konnte ein Mann gar nicht sinken; in aller Öffentlichkeit die Hosen runterlassen, um sich die meist gelbverkrustete Feinrippunterwäsche zu richten, war hingegen überhaupt kein Problem: Es ist noch nicht so lange her, wie manche in ihrer Besoffenheit von der ach so aufgeklärten Gegenwart meinen, dass Männer vor aller Augen massenhaft, vollkommen selbstverständlich und unsanktioniert ekelhafte und gemeine Dinge sagten und taten.

Wenn man heute die Glotze einschaltet, sieht man statt der alten Hackfressen eher Charaktermasken à la Richard David Precht: Die reden zwar immer noch gefährlichen Querdenkerquatsch, sehen dabei aber doch wenigstens lieblicher aus. Das ist er, der glänzende Fortschritt der Emanzipation und Gleichberechtigung, der immer nur dann einen kleinen Kratzer bekommt, wenn mal wieder, wie etwa diese Woche in einem Münchner Waldstück, ein Mann erweiterten Suizid begeht, also in diesem Fall sich selbst und sein Kind tötet: In vielen anderen Fällen töten Männer zur Lösung ihrer persönlichen Probleme auch noch ihre (Ex-)Partnerinnen sowie weitere unschuldige Menschen aus dem familiären Umfeld. Und der Fortschritt liegt hier darin, dass bei solchen Verbrechen wenigstens immer weniger oft die Rede von einem „Familiendrama“ ist.

Alle Menschen können in Versuchung geraten, persönliche Niederlagen in Aggression gegen Unschuldige umzumünzen. Aber Männer liegen doch deutlich vorne, was Häufigkeit, Hasspotenzial und Uneinsichtigkeit angeht. Die italienische Sportreporterin Greta Beccaglia musste die Kombination von männlicher Frustration und kompensierender Erniedrigungsgeste am vergangenen Samstag am eigenen Leib erfahren – just an dem Wochenende, an dem der italienische Fußballbetrieb durch rote Striche im Gesicht seiner Protagonisten auf das Thema „Gewalt gegen Frauen“ aufmerksam zu machen sich vorgenommen hatte.

„Entschuldigung, das geht nicht!“

Beccaglia, die für den privaten Sender Toscana TV beim toskanischen Erstligaderby ­Empoli gegen Florenz dabei war, hatte nach dem für die Fio­rentina 1:2 verlorenen Auswärtsspiel vor dem Stadion auf die Fans gewartet, um Stimmen zum Spiel zu sammeln. Auf Filmaufnahmen im Netz ist zu sehen, wie ein Mann sich von hinten der Journalistin nähert, in seine Hand spuckt, Becca­glia begrapscht und dann schnell weitergeht.

Wenn Sie Suizidgedanken haben, sprechen Sie darüber mit jemandem. Sie können sich rund um die Uhr an die Telefonseelsorge wenden (08 00/1 11 01 11 oder 08 00/1 11 02 22) oder telefonseelsorge.de besuchen. Dort gibt es auch die Möglichkeit, mit Seel­sor­ge­r:in­nen zu chatten.

„Entschuldigung, das geht nicht!“, ruft die Reporterin dem Mann nach einem kurzen Moment des Schocks hinterher. In einem Interview der Gazzetta dello Sport sagte Beccaglia, dass das nicht der einzige Vorfall gewesen sei, sie sei noch von anderen Männern physisch und verbal angegangen worden, bis die Übertragung abgebrochen wurde.

Und nun? Giorgio Micheletti, der Moderator, der Beccaglia während der Schalte geraten hatte, die Sache nicht weiter zu beachten (und der seine Wortwahl bedauert, den aber Beccaglia nicht zum Sündenbock gemacht sehen will), legt nun auf Anweisung seines Arbeitgebers erst mal eine Pause ein.

Beccaglia selbst zeigt sich beeindruckt von der Welle der Solidarität, die sie erfahren habe. Der Grapscher, gegen den sie Anzeige erstattete, wurde ermittelt und zeigt sich, nun ja – reumütig? Er sei keine böse Person, sagte er im Zeitungs­interview, mit Sexismus habe sein Übergriff nichts zu tun, das sei einfach aus Übermut geschehen und wegen der Niederlage seines Teams. Das wird der 48-Jährige für die nächsten drei Jahre nun nicht live erleben können, er bekam ein nationales Stadion­verbot. Sein Anwalt werde sich mit dem von Bec­caglia in Verbindung setzten, damit er sich offiziell bei ihr entschuldigen könne, ließ er weiter mitteilen.

Solidarität und Gerechtigkeit

Die aber wird sich damit nicht zufriedengeben, die Justiz müsse ihren Weg gehen, sie habe nächtelang nicht geschlafen und könne „nicht in Ruhe zur Arbeit gehen, nur weil ich eine junge Frau bin. Ich bin schockiert und ich habe Angst. Manche Leute haben mir geraten, keine Anzeige zu erstatten, aber das sind sehr ernste und inakzeptable Dinge, die mich verletzt und zutiefst traurig gemacht haben.“

Am Dienstagabend, beim Heimspiel von Florenz gegen Salerno, war Greta Beccaglia dann wieder auf Arbeit, ihrer Arbeit, zu der zurückzukehren sie sich sehr gefreut habe. Gegen zumindest einen weiteren Angreifer wird ermittelt, Florenz hat die Partie gewonnen, und Greta ­Beccaglia ist eine mutige Frau, die es sich nicht bieten lässt, benutzt und belästigt zu werden. Für ihren Mut und ihre Hartnäckigkeit bekommt sie nun, was wir uns alle wünschen: Solidarität und Gerechtigkeit.

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