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Sexualisierte GewaltMachos auf dem Vormarsch

Robert Misik
Kolumne
von Robert Misik

Breiten sich in Männerkulturen wieder mehr Rücksichtslosigkeit und Frauenverachtung aus? Oder erleben wir aktuell die zufällige Häufung von Skandalen?

Demonstration gegen digitale sexuelle Gewalt in Berlin am 22. März Foto: Fritz Engel/Agentur Zenit

I ch bilde mir ein, ein wacher Zeitgenosse zu sein und halte mich für weitgehend informiert über das, was so da draußen in der Welt vorgeht. Aber manchmal überfällt mich die Frage: Verstehst Du die Welt noch richtig? Die Fälle an Gewalt an Frauen der letzten Zeit erschüttern ein bisschen mein Weltbild. Natürlich bin ich nicht naiv und wusste, dass es das alles gibt – aber ich möchte Ihnen erzählen, warum es mein Weltbild erschüttert.

Es häuft sich ziemlich krass: Die irrsinnige Erfahrung, die Collien Fernandes machen musste; ein Musiker, der mutmaßlich mit Gewalt einer jungen Frau Kokain in den Mund schmierte; der österreichische ORF-Generaldirektor, der zurücktrat, weil er mutmaßlich eine Kollegin auf verschiedenen Kanälen bedrängt haben soll; die Causa Gisele Pelicot; die ganzen Epstein-Enthüllungen; alle paar Tage Femizide in den Nachrichten; dazu fast schon routinemäßige Prozesswellen gegen junge Männer und Jungs, die ihre Schulkolleginnen nötigen, zu Sex erpressen, sie verhöhnen, davon Bilder weiter schicken. Es ist endlos.

Die Nachrichten sind ein einziger Strom der Amoralität und des offensichtlichen Fehlens von jedem Mitgefühl und Unrechtsbewusstsein, Dokumente einer Verwahrlosung. Mal erfährt man von Taten, die wenig verwundern, weil man die Kultur kennt, in denen sie gedeihen, und dann aber auch von Handlungen, die einfach sprachlos machen, im Sinne von: What-the-Fuck? Warum tut jemand so etwas? Welchen Kick gibt einem das? Man ist mit krasser Scheiße konfrontiert, die man noch nicht einmal versteht. Aber auch das ist es nicht, was mein Weltbild erschüttert.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der alles immer allmählich besser wurde. Und dieses erlernte Zeitempfinden nährt bis heute das Restgefühl an Optimismus, das ich mir auch in eher weniger erfreulichen Zeiten bewahrt habe. In dieser Vergangenheit dominierten konservative Geschlechterbilder. In der Welt der männlichen Erwachsenen machte man sexistische Witze und redete höhnisch über „die Emanzen“, aber der Zeitgeist, der alle um mich herum prägte, war einer von Alternativkultur, Liberalisierung, post 68ertum und Wertewandel.

Bekloppte Neomaskulinität

Der ganze konventionelle Mist – da waren wir sicher – schleift sich so langsam aus. Das Empfinden war: Es wird immer Idioten geben, aber sie werden weniger. Es wird auch immer Gestörte geben, die verabscheuungswürdige Dinge tun, aber das wird weniger. Manchmal genügt man seinen eigenen Werten nicht, manchmal tut man vielleicht sogar selbst Dinge, die einem peinlich sind, aber für die schämt man sich wenigstens. In meiner ganzen Schulzeit bin ich keinem Jungen begegnet, der ein neomaskulinisches Weltbild verfochten hätte.

Schon deshalb, weil jeder gewusst hätte, dass er sich damit lächerlich macht. Er hätte wie ein bekloppter Kaspar aus einem anderen Jahrhundert gewirkt. Kurzum: Der Fortschritt mag zwar im Krebsgang seinen Weg gehen, aber er schlägt sich den Pfad frei. Und das war ja auch keine Einbildung. In den Chefetagen zogen im Zuge meines Berufslebens immer mehr Frauen ein und das änderte wenigstens ein bisschen den Ton, weg von dieser Jungmänner-Kameraderie.

Auch in anderer Hinsicht, etwa was die Akzeptanz von Lesben, Schwulen usw. anlangt, verwandelte sich das Klima. Alle Umfragen zeigten es, sogar global, wie etwa die World Values Surveys. Und #MeToo änderte auch etwas – dass gewohnheitsmäßiger Machtmissbrauch, blöde Sprüche, Übergriffigkeiten, Genie-Gigantomanie ihre Akzeptanz verloren. Aber jetzt? Ich bin auch heute kein Apokalyptiker und bin mir daher nicht sicher, dass neuerdings alles schlechter wird.

Aber ich bin plötzlich auch nicht mehr sicher, dass das nicht der Fall ist. Wir erleben schließlich in so vielen Hinsichten politische und gesellschaftliche Regressionen, man denke nur an den Aufstieg des Autoritären und des neuen Faschismus. Wir machen die Erfahrung, dass dieser Aufstieg mit dem Schüren von Aggression verbunden ist, mit der Verbreitung rassistischer Weltbilder, mit einem Kult der Härte, mit Gehirnwäsche, einer Erziehung zur Grausamkeit.

Prozess der Faschisierung

In den verschiedenen digitalen Subkulturen der Mannosphäre wird eine starke Männlichkeit gegen vermeintlich schwache Männlichkeit beschworen. Influencer predigen die Verachtung von Frauen als minderwertige Geschöpfe, die vor allem dem Mann zu Diensten zu sein haben, denn dieser repräsentiere das Prinzip Stärke und Leistung. Wer unter der Identitätsverwirrung verunsicherter Männlichkeit leidet, ist dafür ansprechbar. Gekränkt-aggressive Männlichkeit wird in Stolz verwandelt.

Wenn das in Subkulturen kursiert, wird es allmählich auf perverse Weise „hip“, brutal, empathielos und egoistisch-selbstsüchtig zu sein. Dann breiten sich Narzissmus und Sadismus aus. Es fügt sich in die emphatische Feier einer Freiheit, andere zu beherrschen, herabzusetzen und zu beleidigen, was den Kern zeitgenössischer Prozesse der Faschisierung darstellt.

In der schwächeren Ausprägung macht dieser Neomaskulinismus Angebote für eine Identitätspolitik weißer Männlichkeit, in einer krasseren Form wird den jungen Männern eingeredet, sie stünden in einem regelrechten Krieg gegen die Frauen. Dieser Irrwitz wirkt heute sogar rebellisch, weil er sich als Kontrast zu woker Empfindlichkeit darstellt oder als Gegenmodell zum Wertekanon der Elterngeneration und politischer Sonntagsredner. Das macht ihn womöglich noch attraktiver.

All das kreuzt sich auch noch mit den Menschenbenutzungs-Clips der Pornos, jedenfalls bei jenen, die nicht zwischen Video und Wirklichkeit unterscheiden können. Alles zusammen verrührt sich zu etwas, was oft schwächer ist als Ideologie, eher ein Nebel von Haltungen, der aber vielleicht umso infektiöser ist, je unideologischer er daherkommt.

Ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich mit all dem total recht habe. Aber es hat mich eine gewisse Unruhe erfasst. Womöglich erleben wir etwas Tiefergehendes als die zufällige Häufung von Skandalen oder die Rest-Misogynie im Rahmen der Fortschrittsgeschichte, nämlich einen Rückschritt. Verbrechen kommt nicht aus dem Nichts.

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4 Kommentare

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  • Naja heutzutage trauen sich auch (zum Glück) mehr Frauen an die Öffentlichkeit und auch die Berichterstattung zu dem Thema ist eine andere, als das noch vor sagen wir 20 Jahren der Fall war. Damit kommt es natürlich auch zu einer "Häufung" der Skandale. Das muss aber nicht zwangsläufig heißen, dass es mehr Skandale gibt, nur, dass mehr aufgedeckt werden und an die Öffentlich keit gelangen als früher. Das könnte sogar ein Hinweis auf eine leicht positive Entwicklung sein. An einen Zufall glaube ich hier in der Tat nicht

  • Wir befinden uns einfach nur gerade mitten in einer moralischen Panik. Was man auch sehr gut daran erkennen kann, das aktionistisch versucht wird Gesetze einzuführen, welche keine Rücksicht auf z.b. die Kunstfreiheit nehmen oder an der unreflektierten Verwendung von Kampfbegriffen wie „Schutzlücke“.

  • Auch wenn das die Gegenwart nicht besser macht: Ich hoffe und glaube, dass wir hier ein letztes Aufbäumen des misogynen Patriarchats erleben, bevor es überwunden sein wird.

    Danke für den klugen, nachdenklichen Kommentar, der nicht oberschlau und selbstgerecht daher kommt, sondern Zweifel und Unsicherheit zulässt.

  • "Verbrechen kommt nicht aus dem Nichts."

    Und Gewaltfreiheit ist ein Menschenrecht.

    Im WPS Index Frauensicherheit 25/26 belegt Deutschland Platz 21 und steht damit im unteren Drittel der EU.

    Die ersten fünf Plätze werden von Dänemark, Island, Norwegen, Schweden und Finnland belegt. In diesen Ländern liegt auch das Anzeigenverhalten um ein vielfaches höher als in Deutschland.

    Laut Dunkelfeldstudie werden in Deutschland gerade einmal 5-10% der Fälle von häuslicher Gewalt zur Anzeige gebracht.

    Nur 13% aller angezeigten Vergewaltigungen führen in Deutschland zu Verurteilungen. Damit rangiert Deutschland unter den letzten zehn der EU (Quelle Who).

    Vertrauen in den Rechtsstaat wirkt sich auch auf das Anzeigenverhalten aus. Dazu gehört eine sensibilisierte Justiz und aufgeklärte Strafverfolgungsbehörden, wie auch entsprechende Schutzmaßnahmen.

    Die Motive hinter Frauenhass zu hintergründen, wie derzeit überall in Deutschland zu lesen, lassen aus dem Blick geraten, das Strafe die bewährteste Form der Abschreckung darstellt, die kann aber nur erfolgen, wenn vertrauensbildende Maßnahmen zu einem erhöhtem Anzeigenverhalten führen. Kurz: Täter dürfen sich nicht mehr sicher fühlen.