In einem herbstlichen Park läuft die 82jährige Berlinerin Karin Schilff, sie läuft auch gerne Marathon

Raus und bewegen, egal welches Wetter: die 82-jährige Karin Schilff läuft auch Marathon Foto: Doro Zinn

Senior:innen und die Coronakrise:Alter, da geht was!

Seit Corona existieren alte Menschen nur noch als Risikogruppe. Dabei ist Altsein so viel mehr. Sechs Protokolle von Berlinern zwischen 74 und 82.

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6.12.2020, 15:20 UHR

Das Alter gehört zum Leben wie Geburt und Tod. Keiner entgeht ihm. Und trotzdem ist keine Lebensphase so tabubesetzt. Selbst Hochbetagte unterliegen noch dem gesellschaftlichen Jugendwahn, hat Elke Schilling festgestellt. „In eine Begegnungsstätte für Senioren gehe ich nicht,“ hätten ihr 87-Jährige erzählt. „Da sind ja nur alte Leute.“

Schilling, mittlerweile selbst 76, war Seniorenvertreterin im Bezirk Mitte. 2018 hat sie Silbernetz ins Leben gerufen – ein telefonisches Gesprächsangebot für alte Menschen. Zunächst hieß das Telefon Einsamkeitstelefon. Aber da rief kaum jemand an. Einsam? Ich doch nicht! Dann könnten Leute ja denken, man habe ein soziales Defizit. Erst die Coronapandemie und das Zurückgeworfensein auf die eigenen vier Wände hat Einsamkeit bei Jung und Alt gesellschaftsfähig gemacht. 40.000 Anrufe hat Silbernetz seit März dieses Jahres verzeichnet.

Aber auch das hat Covid-19 bewirkt: Alte Menschen existieren vorrangig als Risikogruppe. Von den vielen Dingen, die das Altsein eigentlich ausmachen, spricht niemand mehr. Die taz hat sechs Berlinerinnen und Berliner zwischen 74 und 82 aus unterschiedlichen Milieus gefragt, wie es sich anfühlt, alt zu sein. Ist es wirklich so, wie es einem die Alten erzählt haben, als man jung war? Was ist von Belang, und wie wird man von der Umgebung wahrgenommen?

Wie groß ist der Anteil der über 65-Jährigen, die Grundsicherung/Hartz IV erhalten? An erster Stelle liegt der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg mit 12,7 Prozent, gefolgt von Mitte (12,5). Das sind mehr als doppelt so viele wie im Berliner Durchschnitt mit 6,1 Prozent. Am besten geht’s Rentnern in Treptow-Köpenick (2,2) und Pankow (3,2). Quelle: Sozialbericht des Bezirksamts Mitte 2020. (plu)

Berichtet wird in den Gesprächen auch von körperlichen Veränderungen und Gebrechen und von angsteinflößenden Erlebnissen in der unmittelbaren Nachbarschaft. Einsam, vergessen, tot: Dass zwei alte Leute wochenlang in ihrer Wohnung gelegen haben, bis es auffällt. Wie oft in Berliner Haushalten Menschen verwesen, darüber wird offenbar keine Statistik geführt. Weder die Polizei noch die Senatsverwaltung für Gesundheit konnte der taz da­rüber Auskunft geben.

Berlinweit haben 19,1 Prozent der Bevölkerung die 65 überschritten. Nach Hamburg ist die Hauptstadt das zweitjüngste Bundesland. In Sachsen-Anhalt gibt es mit 27 Prozent am meisten Alte.

„Je ärmer, umso kränker“

Glück und Zufriedenheit im Alter hängen von unzähligen Faktoren ab. Eine große, wenn nicht die größte Bedeutung für das Wohlbefinden im Rentenalter spielen die materielle Situation und die Gesundheit. Das Bezirksamt Mitte hat in seinem 2020 veröffentlichten Sozialbericht die Altersarmut untersucht: In Mitte beziehen 12,5 Prozent der über 65-Jährigen Altersgrundsicherung – was Hartz IV entspricht. Das sind mehr als doppelt so viele wie im Berliner Durchschnitt, der 6,1 Prozent beträgt.

Die finanzielle Lage hat große Auswirkungen auf das gesundheitliche Befinden. „Grundsätzlich gilt: Je ärmer, umso kränker“, sagt der Soziologe Jeffrey Butler, der den Sozialbericht regelmäßig erstellt. Unabhängig davon nehmen chronische Erkrankungen im Alter grundsätzlich zu. Berlinerinnen haben mit 83,4 Jahren im Durchschnitt eine um 5 Jahre höhere Lebenserwartung als Berliner. In der Altersgruppe der 85- bis 90-Jährigen ist das männliche Geschlecht laut Statistischem Landesamt Berlin-Brandenburg nur noch mit 36 Prozent vertreten. Ab 95 wird es für die Frauen richtig einsam: In dieser Altersgruppe gibt es nur noch 19 Prozent Männer.

Folgt man einer Studie des Deutschen Instituts für Altersvorsorge, fühlen sich die Deutschen im Schnitt allerdings 10 Jahre jünger, als sie sind. Mehrheitlich werden erst über 70-Jährige als „alt“ angesehen. Große Unterschiede gibt es bei den Berufsgruppen. Während ungelernte Arbeiter am häufigsten sagen, dass das „Alter“ schon mit 60 Jahren einsetzt, beginnt es für jeden fünften Freiberufler sogar erst ab 80 Jahren.

Wie halten die Über-60-Jährigen Kontakt mit der Welt? Zum Beispiel in Form von persönlichen Kontakten – täglich: 69,0 Prozent, mehrfach die Woche: 18,2 Prozent, 1x pro Woche oder seltener: 12,7 Prozent. Oder in Form von E-Mail, in der Altersgruppe von 60 bis 70 Jahren: 68,8 Prozent, Altersgruppe 70 bis 80: 58,0 %, Altersgruppe 80 plus: 35,5 %. Quelle: Noch nicht veröffentlichte Seniorenbefragung des Bezirksamts Mitte von 2019. Die Zahlen sind auf Berlin übertragbar. (plu)

Der Ausstieg aus dem Erwerbsleben in den Ruhestand ist für die meisten ein großer Sprung. Man muss sich neu definieren. Die einen empfinden das als Freiheit, andere fallen in ein tiefes Loch. Nicht jeder ist in einer Partnerschaft aufgehoben, hat Familie und/oder Freunde.

Dazu kommt die große Frage: Was passiert, falls wir nicht mehr so können, wie wir wollen, oder gar nicht mehr wissen, wie wir heißen und wer wir sind? Wer sorgt für uns, wo finden wir ein Zuhause?

Der Lebensort Vielfalt

Noch immer gibt es viel zu wenige Angebote, die sich an den individuellen Bedürfnissen der Bewohner:innen ausrichten, sagt Dieter Schmidt vom Netzwerk Anders Altern der Berliner Schwulenberatung. Für den Lebensort Vielfalt etwa, in dem seit acht Jahren vor allem schwule ältere Männer wohnen und auch gepflegt werden können, gibt es eine Warteliste von 400 Menschen – bei gerade mal 24 Wohnungen und einer Pflege-WG. Weitere Angebote sollen nun folgen.

„Es geht uns hier aber nicht um eine Extrawurst für unsere Community“, sagt Schmidt. „Sondern generell um diversitätssensible Pflege, um gelebte Vielfalt.“ Wenn man diese Vielfalt in den Fokus nehme, werde es plötzlich ganz leicht, sagt Schmidt. „Dann kann man wirklich anders altern.“

Wo leben die Alten? Der Anteil der Seniorinnen und Senioren in den Berliner Bezirken, die älter als 65 sind: Steglitz-Zehlendorf (25,8 Prozent) und Reinickendorf (23,5). In den Ostbezirken führt Treptow-Köpenick mit 21,9 Prozent die Riege der Alten an, gefolgt von Marzahn-Hellersdorf (20,7) und Lichtenberg (19,5 Prozent). Berlinweit haben 19,1 Prozent der Bevölkerung die 65 Jahre laut Sozialbericht des Bezirksamtes Mitte 2020 überschritten. (plu)

Dass sich die meisten Menschen mit diesen Fragen erst beschäftigen, wenn sich das Alter nicht mehr leugnen lässt, mag Verdrängung sein. Als ob die eigene Vergänglichkeit erst wahr würde, wenn man sich mit ihr befasst. Die Beschäftigung mit dem Alter und mit alten Menschen macht doch nicht alt, sagt die 82-jährige Karin Schilff. „Da wirste jung dabei.“

Elke Schilling von Silbernnetz geht noch weiter. Es gebe einfach Dinge, die könne man nur als alter Mensch tun. „Wenn ich das nicht sehe, weil mir meine Vorurteile im Weg stehen, versäume ich ganz viel.“

Die Berlinerin Karin Schilff läuft im Grunewald, sie ist 82 Jahre alt und läuft auch gerne Marathon

Raus und bewegen, egal welches Wetter: die 82-jährige Karin Schilff läuft auch Marathon Foto: Doro Zinn

„Ich laufe Marathon, um anzugeben“

Von Karin Schilff lässt sich wahrlich etwas lernen über innere Jugend. Die 82-Jährige ist viel mehr als nur Berlins älteste Marathonläuferin

1938 wird Karin Schilff geboren. Aus dem kleinen Dorf hinter Posen fliehen Großeltern, Mutter und drei Kinder im Winter 1944 in einem Flüchtlingstreck, die Familie wird um ein Haar erschossen. Ein Zimmer in Prenzlauer Berg wird zum Gefängnis der drei kleinen Schwestern, die Mutter schließt sie stundenlang ohne Essen und Trinken dort ein. Als der Vater aus der Kriegsgefangenschaft kommt, verschwindet die Mutter. Der Vater ist so gewalttätig, mit Siebenstriemer und Gürtel, dass die Kinder bei der Polizei bitten, ins Heim zu kommen. Ohne Erfolg.

Einen Schulabschluss wird Schilff nie machen, mit 16 beginnt für sie die jahrzehntelange Akkordarbeit in der Fabrik. Mit 17 begegnet Schilff dem Mann, der sie aus dem Haus des Vaters holt. 53 Jahre leben sie zusammen, bekommen einen Sohn, ziehen an den Rand des Grunewalds. Sie reisen in alle Welt, Indien, Südafrika, Brasilien, Ägypten. Gemeinsam trainieren sie für den Berliner Marathon, sind im Wanderverein. Vor 13 Jahren stirbt der Ehemann. Karin Schilff wollte in diesem Jahr eigentlich ihren 23. Berlin-Marathon laufen.

Heute bin ich losgelaufen, mit H. in den Grunewald, bei trübem Wetter, was soll’s. Und dann brechen da die Wolken auf, die Sonne kommt raus, und ich denke, was bin ich glücklich. Aber dann haben wir uns doch tatsächlich verlaufen im Grunewald, so was! Zurück beim Rad bin ich mit 100 Sachen hierher, sonst wäre ich doch zu spät gekommen, halb im Stehen bin ich gefahren. Und da freue ich mich. Mensch, was du noch machst mit deinen 82 Jahren! Dann bin ich auch ein bisschen stolz.

Laufen, um fit zu bleiben, den Gedanken habe ich bis heute nicht. Ich laufe Marathon, um anzugeben. Ja wirklich. Aber jetzt kommt es: Wenn die anderen immer sagen, wo sie überall studiert und gearbeitet haben, erste Tür vorm Chef. Haben ja auch alle zwei Autos. Und dann fragen die mich: „Wo haben Sie denn mal gearbeitet, was haben Sie denn gelernt?“

Mit offenen Augen, offenen Ohren

„Ich bin nur eine Fabrikarbeiterin, immer im Akkord“, sage ich dann. „Aber sind Sie schon mal Marathon gelaufen?“ Das ist das Einzige, wo ich denke, ich kann mich hervortun. So schlimm das klingt, ich habe doch sonst nichts vorzuweisen. Alles, was ich gelernt habe … das Leben ist meine Schule. Mit offenen Augen, mit offenen Ohren und immer nachdenken, bevor ich etwas sage.

Ich nehme alles wahr, und ich kriege auch alles mit. Weil ich selber mal eine Gebeutelte war, haben sich alle meine Sinne erhalten. Diese kindliche Neugier, weil ich nicht erwachsen werden konnte. Und mich interessiert alles: Geschichte, Bilder, alte Bauwerke. Das ist auch meine Erklärung, warum ich trotz allem, trotz des Verlusts meines Manns, trotz dessen, dass mich niemand so richtig wahrnehmen will, so einen Spaß habe am Leben.

Ich bin ja ein Außenseiter geworden, weil ich kein Internet habe. Im Fernsehen sagen die dann: „Wenn sie mehr wissen wollen, dann schauen sie unter www …“ Ich könnte mir das kaufen, will ich aber nicht. Das ist doch einer der Gründe, warum mein Umfeld behindert wird. Die sitzen nur noch vor ihrem Smartphone und bewegen sich nicht mehr. Ich will nicht überall Fotos machen, und ich will auch nicht überall welche kriegen. Wenn ich das sehe: Auch im Wald, da laufen die schon so rum, mit dem Bildschirm vorm Gesicht. Ich höre beim Laufen das Vogelzwitschern. Ich will doch alles wahrnehmen.

Wenn ich was wissen will, dann google ich das hier in meinem Brockhaus. Hat mein Mann schon immer gesagt: „Du musst nachschlagen, Puppe!“ Der Brockhaus ist von 1957, das ist das Jahr, in dem wir geheiratet haben. Die da drinstehen, die leben ja alle nicht mehr.

Heute klingelt keiner mehr spontan

Ach, wenn ich daran zurückdenke, wie ich meinen Mann kennengelernt habe, manchmal wenn ich allein im Schlafzimmer liege, da ist er ja auch verstorben. Dann will ich das doch alles noch mal fühlen. Das war so schön, bleibt schön. Ewig schön.

Wir hatten früher immer volles Haus, unsere Tür war immer offen. Jemanden einladen, das mussten wir doch gar nicht. Wenn es geklingelt hat, schnell alles, was rumlag ins Schlafzimmer, das räumen wir später auf. Hauptsache, rein die Leute, und schon saßen wir da zu acht in der kleinen Wohnung. Ich fand das gemütlich.

Heute klingelt keiner mehr spontan, das ist vorbei. Der eine sagt, ach, da muss ich so weit fahren. Der andere macht Punkt 12 Mittag. Die andere kommt nicht mehr, weil ich Witwe bin und sie noch einen Mann hat, was soll der denn dann machen …

Ich hätte gern jemanden, der mit mir ins Museum geht. Ich kenne viele Menschen, aber kaum jemanden, der meine Interessen teilt. Ich mit meiner romantischen Art. Wenn ich mir Bilder anschaue, dann sehe ich mich darin. Aber alleine, nee. Ich muss doch sagen können: Guck mal, findste dit nich schön?!

Da ist Licht, und da sind Leute

Einsamkeit spielt eine Rolle, ja. Ab 16 Uhr ist es dunkel, dann ist die Nacht so lang, ich geh nicht vor eins schlafen. Es gibt da diesen Spruch: „Das Bewusstsein ist nur ein Tropfen, aber das Unterbewusstsein ist der Bodensee.“ Alles, was man mit sich rumschleppt, das ganze Leben, alles, was ich verdrängt habe – ich bin doch eine Verdrängungskünstlerin, das war mein Überleben.

Aber manchmal kommt ein Bläschen hoch, dann geh ich raus, dann sitze ich hier nicht alleine rum. Mit dem Fahrrad über die Brücke, nach Halensee. Da ist Licht, und da sind Leute. Und dann fühle ich mich wohl. Dann kaufe ich da auch was, Kartoffeln oder Brot oder was, nur noch Gesundes. Und dann sehe ich, wie sich da eine ältere Dame am Regal reckt, und ich sage: „Kommen Sie, ich hole Ihnen das runter.“ Und dann schaut die mich an und sagt: „Sie? Sie können doch selber nicht mehr.“ Doch, ich kann. Ich vergesse dann, dass ich alt bin.

Wenn ich dieses Jahr noch mal den Marathon hätte laufen können … Ich hätte auf Teufel komm raus trainiert, dass ich das schaffe. Nach mir sind ja immer noch 2.000 Läufer reingekommen, ich war nicht die Letzte mit dem Besenwagen, obwohl ich so alt bin. Nächstes Jahr? Ich glaub nicht, dass das noch mal was wird. Irgendwann ist vielleicht doch Schluss.

Karin Schilff in ihrem Zuhause fotografiert

Karin Schilff in ihrem Zuhause Foto: Doro Zinn

Ich laufe immer in Weiß, von oben bis unten. Bin ich die Einzige. Auf dem Rücken steht dann: „Karin läuft jetzt den soundsovielten Marathon.“ Ganz groß, ab dem 10. Berliner Marathon steht das da. Und wenn mich welche von hinten überholen, da sehen die doch nicht, dass ich über 80 bin: Schlank, ganz in Weiß, blonder Zopf, 22. Marathon. Und dann, wenn die vorbeikommen und mich von vorn sehen – diese Überraschung! Ich muss jedes Mal so lachen. Soll man ja eigentlich nicht, weil man dann aus dem Tritt kommt.

Bewegen, bewegen, bewegen

Der Gedanke, dass ich gebrechlich werden könnte, der hat bei mir noch keinen Raum genommen. Gebrechlich, was heißt das überhaupt? Die Leute werden krank, brechen sich ein Bein oder was, und dann bewegen sie sich nicht mehr. Dann nehmen sie zu und dann bewegen sie sich noch weniger. Dann fahren sie nur noch Rolltreppe und überall mit dem Auto hin. Du musst dich aber bewegen, bewegen, bewegen.

Das war auch das Erste, was ich in der Altenpflege gelernt habe. Nach der Wende war ich arbeitslos, die Fabrik ist ja weggezogen. Da habe ich in der Altenpflege angefangen, ambulant bei den Leuten zu Hause. Haben alle gesagt: „Was, mit den alten Leuten? Da wirste doch selber alt.“ Stimmt ja gar nicht, da wirst du jung dabei. Da kommst du rein, und die sagen: „Mädchen, komm mal her, du Jungspund.“ Ich war da über 50, aber bei denen war ich unglaublich jung.

Und ich habe den Leuten so gern zugehört. Irgendwann hieß es dann von der Einsatzleitung: „Karin, die fragen immer alle nur noch nach ‚Zöpfchen‘“ – so nannten sie mich wegen dem langen Zopf. „Was machst du da eigentlich mit den alten Leuten“, hat die Einsatzleitung gefragt. „Ich mache doch nichts, ich höre einfach nur zu“, habe ich gesagt. Die hatten immer ganz rote Bäckchen, wenn ich gegangen bin.

Und ich bin so froh, dass ich das gemacht habe, weil jetzt weiß ich, wie wichtig das ist. Die Geschichten, die will doch sonst keiner hören. Und wenn ich jetzt mal erzählen kann, dann bin ich auch froh. Wenn unser Gespräch heute zu Ende ist, bin ich erschöpft. Aber angenehm erschöpft. Mit roten Bäckchen. Protokoll: Manuela Heim

Ein Mann sitzt an einem Tisch: Auf einen Tee mit Hassan Fayez im Nachbarschaftsladen in Schöneberg

Auf einen Tee mit Hassan Fayez im Nachbarschaftsladen in Schöneberg Foto: Doro Zinn

„Wenn die Zeit kommt, herzlich willkommen!“

Hassan Fayez, Jahrgang 1946, hat eine Fluchtgeschichte. Das Wichtigste für ihn sind die Familie und Freunde und seine ehrenamtliche Arbeit

Hassan Fayez wird 1946 in einem Dorf in Galiläa nahe der libanesischen Grenze geboren. Seine Eltern gehören zu rund 850.000 Palästinensern, die 1948 im Zuge des sogenannten israelischen Unabhängigkeitskrieges vertrieben werden. Die Palästinenser sprechen von Nakba – Katastrophe. In einem Flüchtlingslager im Nordlibanon wächst er auf. In Beirut verdingt er sich mit Jobs, flüchtet 1973 mit seiner Frau und zwei Kindern nach Berlin. Obwohl er einen Job auf dem Bau hat, wird er 1981 abgeschoben.

Über den Flughafen Berlin-Schönefeld (DDR) reist er illegal wieder ein und kommt erneut in Abschiebehaft. Eine Aufenthaltserlaubnis ermöglicht es ihm, weiter auf dem Bau zu arbeiten. 1990 erhält er die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Baufirma macht pleite, auch die Pizzeria, mit der er sich selbstständig machte, läuft nicht. Die letzten zehn Jahre seines Berufslebens verdingt er sich mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und 1-Euro-Jobs. Fayez lebt von Altersgrundsicherung.

Ich bin ein glücklicher Mensch, Gott sei Dank. Das Wichtigste in meinem Leben sind meine Frau und meine Familie und meine Freunde und Bekannten. Die meisten meiner Freunde sind alte Palästinenser – so wie ich. Wir treffen uns immer mittags im Nachbarschaftsladen in Schöneberg, trinken Tee oder Kaffee und quatschen. Der Jüngste ist 62, ich bin mit meinen 74 Jahren der Älteste. Solange wir unter uns sind, sprechen wir arabisch. Wenn jemand anderes dazukommt, sprechen wir deutsch, niemand soll sich ausgeschlossen fühlen.

Ich lebe von meiner Rente und Altersgrundsicherung. Wenn das Geld nicht reicht und ich eine neue Hose oder Schuhe brauche, springen meine Kinder ein. Alle leben in Berlin und sind mit Palästinensern verheiratet. Ich habe drei Töchter, zwei Söhne und 15 Enkel.

Es zieht mich raus

Mit meinen Kindern bin ich sehr zufrieden, Gott sei Dank. Alle haben Arbeit und können gut davon leben. Ich hoffe, dass sie niemals arbeitslos werden, damit sie, wenn sie alt sind, eine gute Rente haben und keine Sozialempfänger werden müssen. Dass viele alte Leute einsam sind, liegt wahrscheinlich daran, dass sie keine Familie haben und keine Cousinen und Cousins. Das ist nicht ihre Schuld. Wenn man als Einzelkind geboren wird, hat man keine Verwandten. Das ist traurig.

Mit meiner Frau lebe ich in einer Zweizimmerwohnung. Um 5 Uhr morgens stehe ich auf. Ich bin ein Frühaufsteher. Ich schleiche mich aus dem Haus, um meine Frau nicht zu wecken. Es zieht mich raus. Ab 7 Uhr bin ich immer im Nachbarschaftsladen in der Steinmetzstraße in Schöneberg. Ich räume auf, kümmere mich um die Pflanzen in den Rabatten, sammele den Müll auf der Straße auf. Über Nacht wird es hier immer ziemlich schmutzig. das mache ich alles ehrenamtlich.

Die Nachmittage verbringe ich meistens mit meiner Frau. Wir sitzen zusammen und bequatschen alles. Meine Frau fährt vormittags oft zu den Kindern. Eine meiner Töchter ist schwer krank. Abends passiert nicht mehr viel. Spätestens um 21 Uhr bin ich im Bett.

Früher habe ich auf dem Bau gearbeitet. Ich war Werkzeugverwalter, aber ich habe auch Schubkarre geschoben und Beton gegossen. Gott sei Dank hat mir das körperlich nicht geschadet. Ich habe keine Rückenschmerzen, alles gut!

Das kann man nicht ändern

Unter meinen deutschen Kollegen gab es welche, die sind ganz früh gestorben, kurz vor der Rente oder kurz danach. Mehrere … „Jens ist gestorben, Johnny, Frank“ – auf der Baustelle hast du das oft gehört. Das waren sehr gute Menschen. Ich habe immer lieber mit den Deutschen gearbeitet, weil – einer hilft dem anderen. Sie waren nicht krank, das ist es ja gerade. Im Gegenteil. Sie waren stabil wie eine Eiche. Sie hatten nichts mehr von ihrem Alter und ihrer Rente – leider. Das hat mir im Herzen wehgetan. Aber das kann man nicht ändern.

Kürzlich hatten wir bei uns im Nachbarschaftszentrum eine Trauerfeier, der Vater eines Freundes ist gestorben. Wir haben den Trauernden mit anderen Geschichten abgelenkt, damit er seinen Kopf frei bekommt. Natürlich redet man auch über das Sterben. Meine Eltern sind im Libanon gestorben. Mein Vater war Mitte 60, er hatte Krebs. Meine Mutter ist 95 geworden und meine Oma, die Mutter von meinem Vater, sogar 110.

Hassan Fayez steht im Nachbarschaftsladen in Schöneberg und gießt sich einen Tee aus der Kanne ins Teeglas

Selbst ist der Mann: Hassan Fayez in „seinem“ Nachbarschaftsladen Foto: Doro Zinn

Ich bin bei Tripoli im Libanon in einem Flüchtlingslager aufgewachsen. Meine Eltern wurden 1948 von den Israelis aus Galiläa vertrieben, da war ich zwei. Die ersten Jahre haben wir im Libanon in einem Zelt gelebt. Wir hatten es mit Lehm abgedichtet, damit das Wasser im Winter nicht reinläuft. Wie fast alle Palästinenser waren wir arm, aber wir konnten überleben.

Als Jugendlicher habe ich bei meiner Cousine in Beirut gelebt und in Cafés und Tankstellen gearbeitet. Meine Eltern haben meine Frau für mich ausgesucht. 1973 sind wir zusammen nach Berlin gegangen.

Das ist das normale Leben

Ich glaube an Gott, an Allah, weil das Leben nicht von allein gekommen ist. Ich bete auch regelmäßig. Ich habe keine Angst vor dem Tod, um Gottes willen. Man wird geboren, wird erwachsen, und am Ende geht es unter die Erde. Das ist das normale Leben. Man darf darüber nicht traurig sein. Wenn die Zeit kommt, herzlich willkommen!

Niemand bleibt übrig, selbst die Propheten nicht. Noah ist 950 Jahre alt geworden, die anderen waren 100, 200 oder 300 Jahre alt. Aber am Ende sind sie alle gestorben.

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Jungsein und Altsein. Als junger Mensch war ich voller Kraft. Jetzt sitze ich manchmal lieber rum. Aber ich laufe jeden Tag mindestens zwei Stunden, immer alleine. Manche alte Leute hocken den ganzen Tag zu Hause vor dem Fernseher, statt rauszugehen und sich zu bewegen. Ich erledige eigentlich fast alles zu Fuß. Laufen ist gut für den Körper. Ich denke dabei an nichts Besonderes. Nachdenken über Probleme macht das Herz kaputt. Probleme schiebe ich weit von mir weg. Da rein, da raus (zeigt auf seine Ohren).

Meine Frau ist meine Liebe und mein Leben. Sie hatte ein hartes Leben. Sie hat fünf Kinder groß gezogen und als Reinigungskraft gearbeitet. Weil sie immer viel zu viel gemacht hat, hat sie Bluthochdruck und Probleme mit ihrer Schulter. Ich habe Angst, dass ich den Verstand verliere, wenn sie vor mit stirbt. Protokoll: Plutonia Plarre

Annelore W. ist Berlinerin und macht viel Sport, hier sieht man sie bei Beugeübungen in einem Park

„Lore, jetzt ist Schluss“, sagt Annelore W. zu sich selbst, „jetzt musst du raus“ Foto: Doro Zinn

„Ich mache mir keine Illusionen über das Alter“

Annelore W., Jahrgang 1945, ist von Beruf Kinderkrankenschwester. In den Sommermonaten arbeitet sie als Toilettenfrau in einem Biergarten – und hält sich auch sonst fit

Anne W. wird 1945 in Berlin geboren. Mit 18 macht sie eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester. Nachdem ihre Ehe zerbricht, zieht sie mit ihrer kleinen Tochter 1970 nach Italien. Dort arbeitet sie in Krankenhäusern und als Sekretärin. 1999 kehrt sie nach Berlin zurück. Nicht nur um die schmale Rente aufzubessern, arbeitet sie in den Sommermonaten als Toilettenfrau in einem Biergarten. Ihre Tochter lebt nach wie vor in Italien. Ihre Mutter ist im Alter von 100 Jahren gestorben.

Die alten Leuten hatten recht: „Du wirst schon sehen. Das wird dir auch mal so gehen“, haben sie immer gesagt. Ich wollte es auch nicht glauben, als ich jung war. Alles stimmt. Alles!

Du wirst ja nicht von heute auf morgen alt. Das ist ein langsamer Prozess. Du hörst nicht mehr so gut, die Zähne klappern, du kannst nicht mehr so gut beißen. Man muss aufpassen, dass man sich nicht überfordert, weil man sich etwas beweisen will. Da fällt man immer auf die Schnauze.

Ich nehme es so, wie es ist. Das ist am besten. Und ja, es stimmt: Ich habe einsame Momente. Natürlich liegt es auch an einem selbst.

Wie kann so was passieren?

Ich hatte eine Nachbarin, die ist verstorben, die lag drei Wochen in ihrer Wohnung. Wie kann einem so was passieren in einem Seniorenwohnhaus? Zwei Türen weiter, auf meinem Flur. Ich hatte sie oft gefragt: „Wenn Sie was brauchen, sagen Sie mir bitte Bescheid“! Das war im Sommer, ich musste zur Arbeit. Ich habe zu der Hauswartsfrau gesagt, dass das stinkt auf unserer Etage wie Gorgonzola. Hier wohnen vor allem alte Männer. Die riechen ja nichts.

Hey, das hat mir Angst gemacht! Ich habe zwar Kontakt zu Leuten im Haus, aber davor bin ich auch nicht geschützt. Ab und zu gehe ich mal einkaufen oder fahre auf den Friedhof nach Steglitz. Und eigentlich habe ich meine Gruppen: die Walking-Gruppe und die Gymnastik-Gruppe, aber die finden wegen Corona jetzt leider nicht statt.

Um meine Rente aufzustocken, arbeite ich im Sommer immer als Toilettenfrau in einem Biergarten. Der Körper verändert sich, man lernt seine Grenzen kennen. In diesem Sommer habe ich zum ersten Mal nur samstags und sonntags gearbeitet. Früher war ich jeden Tag da. Ich habe den Job seit 2003. Mit 800 Euro Rente kommste nicht weit. Schon allein die Miete kostet 350 Euro. Wenn ich die Festkosten abziehe, bleibt kaum was übrig. Ich könnte natürlich Sozialunterstützung beantragen, Wohngeld und so. Aber das wollte ich bisher nicht. Ich habe immer gesagt: Vater Staat ist nicht mein Vater. Ich muss selbst für mich sorgen, solange ich kann. Außerdem kann ich nur so meine Reisen finanzieren.

In dem Biergarten habe ich vier Fußball-Weltmeisterschaften mitgemacht. Der Job als Toilettenfrau gibt mir das Gefühl, dass ich noch gebraucht werde. Wenn ich da mittags angekommen bin und hatte Rückenschmerzen und jemand rief „Hallo Anne!“ waren die Schmerzen sofort weg. Und ich habe eigentlich immer Schmerzen. Ich hatte viele Operationen. Du wirst abgelenkt, du kannst nicht dasitzen und die Füße hochlegen, dann kriegst du auch kein Trinkgeld. Manchmal habe ich vor dem Toilettenhäuschen Kerzen angezündet und ein bisschen Musik aufgedreht.

Mein Leben war sehr turbulent

Nee, Klo putzen ist nicht unter meiner Würde, auf keinen Fall. Ich komme aus dem Krankenhausbereich. Da habe ich Windeln wechseln müssen und Nachttöpfe geschleppt. Wobei ich sagen muss, die Leute haben eigentlich keinen Respekt mehr. Sie sehen, dass ich mit der Bürste über der Kloschüssel hänge, und machen direkt neben mir Dreck. Das wird immer schlimmer.

Mein Leben war sehr turbulent, ich habe wahrscheinlich mehr erlebt als viele andere. Ich war 30 Jahre in Italien, ich spreche fließend italienisch. Meine Tochter ist in Italien geblieben, sie lebt und arbeitet dort. Weihnachten fahre ich immer zu ihr. Da tanke ich Wärme und soziale Kontakte. Aber jetzt, wegen Corona, weiß ich gar nicht, ob ich meine Tochter besuchen kann. Da habe ich ein bisschen Angst, was die Zukunft betrifft.

Bei mir zu Hause läuft der Fernseher von morgens bis abends. Da bin ich ganz ehrlich. Damit sich was bewegt und eine Geräuschkulisse da ist. Ich gucke nicht richtig, natürlich habe ich meine Serien. Ich habe auch ein Tablet. Wenn einer sagt, der Fernseher läuft bei mir nicht, glaub ich das nicht, oder er hat viel zu tun.

Annelore W. in einer Großaufnahme in ihrer Wohung

Annelore W.: „Ich nehme es so, wie es ist. Das ist am besten“ Foto: Doro Zinn

Mein Leben war nicht immer einfach, aber viele Probleme machen sich die Leute doch selbst. Was wirklich schlimm war: Ich konnte meiner Mutter nicht helfen, als meine Brüder verstorben sind. Wir waren drei Geschwister. Erst ist mein kleiner Bruder mit 18 bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen. Mein großer Bruder ist mit 45 zu Tode gekommen. Er hatte mich oft in Italien besucht. Das war schon ein Schicksalsschlag. Ich frage mich immer, wie meine Mutter das weggesteckt hat. Sie ist ja 100 Jahre alt geworden. Im Sommer 2018 ist sie verstorben.

Das schwarze Schaf

Die letzten Jahre habe ich mich intensiv um sie gekümmert. Meine Mutter hat allein gewohnt, ich bin immer zu ihr nach Nauen gefahren, auch wenn wir nie ein gutes Verhältnis hatten. Ich war das schwarze Schaf, weil ich so weit weg in Italien war.

Ich mache mir keine Illusionen über das Alter. Das sehe ich ganz nüchtern. Die Schwächephasen kommen, auch wenn man das nicht zugeben mag. Mittags lege ich mich manchmal ein, zwei Stunden auf die Couch. Danach muss ich mich zum Teil richtig aufraffen. Wenn du merkst, du bist heute schon den zweiten Tag zu Hause, obwohl die Sonne scheint, musst du aufpassen. Dann musst du dich zwingen: Lore, jetzt ist Schluss. Jetzt gehst du raus, eine Stunde Walken, auch alleine. Danach geht’s wieder besser, auch wenn es nur Einkaufen ist.

Wenn du Glück hast, triffst du draußen jemanden, dass du wenigstens ein paar Worte wechselst. Ich bin sehr kontaktfreudig, Begegnung mit anderen Menschen fehlen mir sehr. Wenn es mir mal nicht so gut geht, muss ich aufpassen, dass sich meine Tochter keine Sorgen macht. Wir erzählen uns jeden Abend am Telefon, wie der Tag war. Das ist sehr schön, aber sie merkt sofort, wenn ich nicht so fröhlich bin wie sonst.

Ich kann verstehen, dass alte Leute auf den Enkeltrick reinfallen: Es ist das Gefühl, gebraucht zu werden, auch wenn du nur Geld gibst. Manche wünschen sich wirklich, dass auf einmal ein Enkel auftaucht. Die Trickbetrüger haben das so gut drauf. Die haben sich genau informiert und erzählen dann Sachen, die eigentlich nur dein Enkel wissen kann.

Eine Win-win-Situation

Ich brauche immer was, worauf ich mich freuen kann: Koffer packen, in Urlaub fahren. Meine letzte Reise war im Januar nach Ägypten, ich bin gerade rechtzeitig vor Corona zurückgekommen. Aber im Moment weiß man gar nichts. Ohne Pläne, ohne Wünsche, was ist denn das für ein Leben?

Bei einem Urlaub in Kenia, das ist noch nicht so lange her, hatte ich einen ständigen Begleiter. Das ist da überhaupt kein Problem. Viele Touristen machen das so, das sind meistens ältere Damen. Gesellschaft und Zuneigung durch Geld erkaufen. Jeder hat was davon. Für beide Seiten ist das eine Win-win-Situation.

Manchmal schreibt mir der Kenianer noch: Mein Vater ist krank, mein Sohn ist krank, ich brauche 200 Euro. Manchmal schreibe ich zurück, ich habe selber kein Geld, und dann ist es gut. Man muss auch nein sagen können. In Kenia, das muss ich sagen, werden die älteren Leute viel respektvoller behandelt. Hier wirst du zum Teil schief angeguckt, dass du überhaupt noch lebst. Dass du eigentlich nicht mehr da sein solltest. Protokoll: Plutonia Plarre

Klaus Becker, hier in seinem Zuhause, dem Lebensort VIelfalt, einem Altenwohnheim für schwule Senioren, sitzt an einem Tisch und denkt nach

Klaus Becker sagt: „Und dann passieren Dinge im Alter, die sind ganz unerwartet“ Foto: Doro Zinn

„Den Rollator mal ich golden an“

Klaus Becker ist 76 und im Lebensort Vielfalt zu Hause, einem Wohnprojekt vor allem für schwule ältere Männer. Er sagt: „Es kommt ja immer noch etwas Neues“

Klaus Becker wird 1944 in einer holsteinischen Kleinstadt geboren, die Mutter bleibt nach dem Krieg allein mit vier Kindern. In Marburg, München und Kiel studiert er Medizin und promoviert, beschließt Frauenarzt zu werden. Die erste Stelle findet er in Berlin und zieht von dort weiter an den Kilimandscharo, Tansania, Ostafrika. Drei Jahre bleibt er, dann geht Becker nach San Francisco und bringt von dort seinen Freund mit nach Berlin. Anfang der 1980er übernimmt er eine Praxis im Wedding, die er 1999 aufgeben muss. Seit 21 Jahren ist Klaus Becker in Rente.

Wenn ich in den Spiegel gucke, morgens, entspreche ich nicht meinem Schönheitsideal. Ich sehe, dass ich alt bin. Das hat nicht irgendwann abrupt angefangen, das ist etwas Schleichendes. Ja, schleichend, das passt gut.

Ich habe mir in den Achtzigern schon einmal Gedanken über Vergänglichkeit und den Tod gemacht – machen müssen. Ich bekam die Diagnose HIV, das hieß damals: Sterben.

Freunde von mir sind gestorben. Ich wollte gern noch zwei Jahre haben. Aber selbst wenn ich sofort tot umgekippt wäre, hätte ich damals sagen können, das war ein volles Leben. Sie müssen sich vorstellen, in den Fünfzigern war der Krieg gerade mal 10 Jahre vorbei, das ist nicht viel. Ich habe mir mit 16 selbst einen Austausch nach Frankreich arrangiert und bin nach Poitiers gefahren. Dort habe ich fürs ganze Leben gelernt: Anderswo funktionieren die Dinge anders, aber sie funktionieren auch.

Gewaltiges Glück

Zwei Jahre nach der HIV-Diagnose habe ich in den Spiegel geschaut und gedacht, Mensch, du bist ja immer noch da. Ohne die Medikamente, ohne den medizinischen Fortschritt säße ich nicht hier. Und ich war mir dessen immer bewusst. Verdient hatte ich es nicht, das war Glück, gewaltiges Glück.

Meine Arztpraxis konnte ich lange halten, da war ich eingespannt von morgens bis abends und abends bis morgens. Als es mir dann immer schlechter ging, war klar, das geht nicht mehr. Ich habe dann alles durchgespielt: Was mache ich mit der Praxis, kann ich von der Rente leben, was mache ich mit den Angestellten? Und dann bin ich in Rente gegangen. Mit 55. Nicht sehr alt.

Ich habe auf das Loch gewartet. Eine Woche, einen Monat. Aber es kam kein Loch. Ich habe schon immer gemalt, also habe ich mir ein Atelier genommen. Es ging mir auch körperlich besser, die Medikamente wurden ja immer besser.

Aber irgendwann habe ich gemerkt, ich werde wirklich älter. Ich habe damals in Zehlendorf gewohnt, eine schöne Wohnung. Aber sie war im dritten Stock und ich konnte immer schlechter laufen. Und Zehlendorf ist wunderbar, aber da kommt auch nicht mal eben jemand spontan vorbei. Außerdem endete meine Freundschaft, 20 Jahre waren wir zusammen gewesen. 69 war ich da und dachte: Jetzt ist es aus. Vorbei das Leben. Ein Jahr habe ich mich verkrochen.

Als schwuler Mann leben

Aber nee, das ging auch nicht. Also habe ich geschaut, was gibt es, wenn du Ende sechzig bist und unter Leute willst als schwuler Mann. Ich bin dann in eine schwule Sportgruppe und in eine deutsch-französische Gruppe, und dann hörte ich von diesem Haus hier, Lebensort Vielfalt, ein Wohnprojekt vor allem für schwule ältere Männer, mit eigenen Wohnungen, aber auch einer Pflege-WG. Das fand ich toll. Ein Ort, an dem man auch bleiben kann, wenn man nicht mehr weiß, wie man heißt, und an dem man nicht erklären muss, was es bedeutet, als schwuler Mann zu leben. Das Haus wurde damals noch umgebaut, und ich habe mich auf die Warteliste setzen lassen.

Als ich als junger Arzt in Afrika gelebt habe, gab es einen großen Komplex, in dem die Ärzte, alle Angestellten gewohnt haben. Da kannten sich alle, da hat man mal den besucht und mal den. Das war eine tolle Gemeinschaft, aber ohne Verpflichtungen. Das hatte ich im Hinterkopf, als ich vor fünf Jahren hierher gezogen bin. Und so hat es sich für mich auch erfüllt.

Am Eingang zu meiner Wohnung ist ein kleiner Abreißkalender. Jeden Tag reiße ich dort ein Blatt ab. Und wenn meine Nachbarn sehen, dass das Blatt nicht abgerissen ist – einmal war ich verreist, da haben sie mich gleich angerufen. So ist das hier.

Klaus Becker in einer Großaufnahme (mit Brille)

„Mir passiert es ja auch das erste Mal, dass ich 76 bin“, sagt Klaus Becker, hier in seinem Zuhause Foto: Doro Zinn

Und dann passieren Dinge im Alter, die sind ganz unerwartet. Dass man plötzlich den Handlauf benutzt beim Treppensteigen. Oder dass man sich verliebt. Ja, das kam ganz unerwartet. Ich bin seit fünf Jahren verheiratet. Ja, wirklich! Das erste Mal.

Risikogruppe – das ist neu

Dass ich jetzt in der Coronakrise zur Risikogruppe gehöre, ist auch unerwartet und neu. Während der Aidskrise gab es die vielen Selbsthilfe- und Unterstützungsgruppen, da war ich sehr aktiv. Ich gehörte zu einer Gruppe von Frauenärzten, die sich speziell um Frauen mit HIV gekümmert haben. Ich war immer bei denen, die Hilfe anboten und gaben. Und nicht bei denen, auf die man Rücksicht nehmen muss. Wenn ich heute bei der Ärztekammer oder beim Gesundheitsamt anrufe und sage, ich bin Arzt, wenn ihr Bedarf habt, ich komme – da kommt keine Reaktion, weil ich zur Risikogruppe gehöre. Das stört mich auch ein bisschen.

Dass ich weniger schmecke und rieche. Dass ich vier oder fünf Lesebrillen brauche, damit ich immer eine habe. Dass ich den Schlüssel immer in die Hand nehme, damit ich ihn nicht vergesse. Dass ich mir in den Mantel helfen lasse, das sind die kleinen, unerwarteten Dinge. Auch da muss ich mich dran gewöhnen.

Wie ich meinen Mann kennengelernt habe? Ja, das passt sehr gut zu dem Thema hier. Ich bin in einer Gruppe schwuler Männer für gemeinsame Aktivitäten. Einmal sind wir auf den Alten Sankt-Matthäus-Friedhof. Die Gebrüder Grimm, Virchow, Hochhuth und vor allen Dingen viele Leute, die an Aids gestorben sind, liegen dort. 2013 war ich im Krankenhaus, ich bin fast gestorben. Und da dachte ich, wenn es so weit ist, dann wäre doch der Sankt-Matthäus-Friedhof was.

Ich habe mit den anderen aus der Gruppe gesprochen und es kristallisierte sich eine Handvoll Menschen heraus, die mitmachen wollten. Der Roland war auch dabei in der Grabgruppe. Er hatte mir gleich gefallen. Wir wollten uns umeinander kümmern, haben wir beschlossen. Vor fünf Jahren waren wir beim Standesamt, seitdem trägt er meinen Namen.

Hier gehörst du hin

Das mit dem Grab war mir wichtig. Klar, wenn du tot bist, bist du tot. Aber es ist ähnlich wie mit dem Einzug hier im Lebensort Vielfalt: ein Gefühl, angekommen zu sein. Hier gehörst du hin. Das ist ein sehr angenehmes Gefühl.

Mein amerikanischer Freund damals in den Achtzigern, der wollte nicht älter als 40 werden. Er ist ja tatsächlich nur 43 geworden. Aber woher wusste er das? Man muss das Leben doch erfahren. Und wenn es dann Mist war, dann hat man eben das erfahren. Aber es kommt ja immer noch etwas Neues. Manches ist unerfreulich, vieles witzig. Aber alles überraschend. Mir passiert es ja auch das erste Mal, dass ich 76 bin.

Es hängt viel mit der Einstellung zusammen. Es gibt Leute, die sich darüber ärgern, was sie nicht haben. Dazu gehöre ich nicht. Damals nach der kritischen Phase mit HIV, da habe ich mich gefreut, dass ich noch da bin. Ich habe mich nicht geärgert, dass ich HIV habe. Mit dem Alter ist es das Gleiche.

Ich hatte nie Angst vorm Alter. Ich bin jetzt 76 und ich hadere nicht, nein. Man wird alt, so ist es. Und dass man es sieht, das gehört so. Darüber braucht man nicht zu reden. Der Schritt zur Gebrechlichkeit ist noch einmal ein anderer. Nicht nur Hilfe zu nehmen, sondern darauf angewiesen zu sein. Der Schritt zum Rollator, das finde ich ganz schrecklich. Wenn es so weit ist, na gut, dann male ich den golden an. Immerhin. Protokoll: Manuela Heim

„Ein großer Vorteil des Alters: Ich muss nichts mehr müssen“

Peter G., Jahrgang 1942, ist Buddhist, lebt in Gemeinschaft und hat keine materiellen Sorgen

Peter G. wird 1942 in Stettin geboren, zum Kriegsende flieht er mit der Mutter als Heimatvertriebener nach Süddeutschland. Er macht eine Ausbildung zum Chemotechniker. 1960, kurz vor Mauerbau, geht er nach Berlin, holt das Abitur nach und studiert unter anderem Indologie und Philosophie. 1963 wird Peter G. Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Während und nach der Studienzeit, die in die Zeit der Studentenbewegung fällt, betätigt er sich politisch. Peter G. übt in seinem Leben viele Tätigkeiten aus, unter anderem als Handwerker, PC-Trainer und Unternehmensberater; seit 2007 ist er in Rente. Als Autor und Übersetzer widmet er sich buddhistischen Texten.

Peter G. ist nur von hinten zu sehen, er steht auf einem Balkon und blickt in den blauen Himmel

Peter G Foto: privat

Ein Glück, dass ich das nicht mehr erleben muss – als ich jung war, habe ich diesen Satz von alten Menschen des Öfteren gehört. Ich sage das inzwischen auch manchmal, was die Zukunft und unsere Umweltkatastrophen betrifft. Nicht ständig, aber ich merke, dass ich mich in der Welt nicht mehr so zu Hause fühle.

Ich lebe sehr gerne! Aber Leben heißt nun mal, älter zu werden. Und es heißt natürlich auch, dass du dem Tod immer näher kommst. Auf Retreats habe ich mir das bewusst gemacht: Mit jedem Atemzug rücke ich dem Tod näher. Ich bin Buddhist und meditiere viel, aber ich glaube nicht an Wiedergeburt, ich gehe also davon aus, dass der Tod wirklich das Ende meiner Existenz ist.

Wenn du weitab von zu Hause diese Art von Meditation machst, schaltet es irgendwann in dir um. Plötzlich siehst du, wie großartig und zugleich auch schrecklich Leben ist. Du siehst Menschen, die sich offenbar lieben, aber auch welche, die streiten. Du siehst Kinder spielen, du siehst eine Art von Schönheit …

Der Tod rückt langsam näher

Und du siehst auch, wie Sterben und Tod ununterbrochen auch um dich herum stattfindet. Wenn du unterwegs bist, siehst du auf dem Weg überfahrene Regenwürmer oder tote Mäuse am Straßenrand. Oder – das fand ich besonders beeindruckend – da war ein Baum, es war im späten Herbst, ein Ast war abgerissen, hing aber noch mit ein paar Fasern am Stamm. Der Ast war das Einzige am ganzen Baum, was Knospen ausgetrieben hatte. Ich sah: Der Ast versucht vergeblich am Leben zu bleiben. Genau das tun wir ja auch, wir versuchen am Leben zu bleiben.

Der Tod rückt langsam näher. Du merkst es auch daran, dass immer mehr Menschen in deinem persönlichen Umfeld sterben, nicht nur ältere. Ein guter Freund, den ich vor 60 Jahren auf dem Bau kennengelernt habe, ist dieses Jahr gestorben. Ich war die letzte Zeit viel mit ihm zusammen. Er hatte seit fünf Jahren Krebs. Der Tod eines nahestehenden Menschen ist immer ein Verlust. Er reißt ein Loch ins Leben.

Zurzeit fühle ich mich noch ziemlich fit. Mir ist aber klar, dass das weniger werden wird. Wenn ich überhaupt vor irgendetwas richtige Angst habe, dann vor einem geistigen Verfall. Das könnte geschehen. Mir geht dazu durch den Kopf, was wahrscheinlich viele denken: Wenn es schlimm wird, bringe ich mich lieber um. Wie ich das genau machen könnte, habe ich ziemlich klar. Die Frage ist nur: Kriege ich rechtzeitig die Kurve?

Es gibt viele Beispiele von Menschen, die so ähnlich dachten, aber die Kurve nicht bekommen haben. Etwa weil sie dement geworden sind und vergessen haben, dass sie es wollten. Bei Walter Jens war das wohl so. Seine Geschichte hat mich sehr beeindruckt. Genau in diesen Zustand, in dem er dann war, wollte er nie kommen.

Materielle Sorgen haben wir nicht

Ich lebe mit meiner Lebensgefährtin und einer sehr guten Freundin zusammen. Unsere Kinder wohnen in der Nähe, wir haben eine sehr gute Beziehung. Völlig allein zu leben, wie es ja viele tun, kann ich mir nicht vorstellen. Auch materielle Sorgen haben wir nicht. Das alles ist ein großes Privileg.

Mit dem Alter kommt natürlich auch der Rückblick auf das eigene Leben. Ich habe sehr viele unterschiedliche Dinge in meinem Leben ausprobiert. Unter anderem war ich – der Reihe nach – Chemotechniker, Abendschüler, Student, Handwerker, PC-Trainer, Unternehmensberater, immer links orientiert. Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass der Kapitalismus eine Katastrophe ist, aber gleichzeitig erkenne ich auch, dass wir Menschen in der Mehrheit es wohl nicht anders wollen. „Kein Kommunismus ist eben auch keine Lösung.“

Mein Leben verläuft nicht besonders strukturiert. Ich gebe hier und da Nachhilfe, übersetze buddhistische Texte aus dem Pali und dem Sanskrit, ein bisschen aus dem Tibetischen. Ich möchte ein Buch, das ich schon mal veröffentlicht habe, überarbeiten und neu herausbringen. Ich möchte bereits erschienene Übersetzungen überarbeiten. Das Gleiche gilt für Texte, die noch nirgends erschienen sind. Ob mir dafür die Zeit noch bleibt, weiß ich natürlich nicht.

Manches am Alter ist ein bisschen anstrengend. Wir wohnen im fünften Stock. Ich komme noch sehr gut die Treppen hoch, aber vor zehn Jahren ging das noch besser. Auch dass ich schwerhörig bin, macht mir Probleme. Ich habe ein Hörgerät, aber wenn bei unserem Familienessen zehn Leute durcheinanderreden, komme ich nicht mehr mit. Die vielen Stimmen und der Nachhall machen mir zu schaffen. Ich fühle mich nicht ausgeschlossen, aber es ist schade. Andererseits nimmt mir keiner übel, wenn ich den Tisch verlasse und etwas anderes mache. Sich das erlauben zu können ist ein großer Vorteil des Alters: Ich muss nichts mehr müssen. Protokoll: Plutonia Plarre

„Zum ersten Mal in meinem Leben wirklich Herrin meiner selbst“

Elke Schilling, Jahrgang 1944, hat das Seniorentelefon Silbernetz in Berlin gegründet. Sie ist ein Workaholic, lebt allein und versucht, jeden Tag etwas Sinnvolles zu tun

Elke Schilling wird 1944 in Leipzig geboren. Die Diplom-Mathematikerin ist von 1994 bis 1998 Staatssekretärin für Frauenpolitik in Sachsen-Anhalt (B90/Grüne); danach arbeitet sie freiberuflich als Beraterin und Mediatorin. Seit 2009 ist sie Rentnerin. Schilling ist Gründerin und Motor des Seniorentelefons Silbernetz: Ein dreistufiges Angebot für Menschen ab 60 mit Einsamkeitsgefühlen. In Berlin ging die Hotline im Herbst 2018 ans Netz, seit dem Frühjahr 2020 existiert sie bundesweit und ist unter der kostenlosen Rufnummer 0800 4 70 80 90 zu erreichen – dort haben seit März bislang rund 40.000 Menschen angerufen.

Elke Schilling in einer Großaufname - sie hat das Sorgentelefon für Senioren gegründet

Elke Schilling Foto: privat

Ich bekomme öfter zu hören, dass ich eine junge Stimme habe. Für meinen Begriff liegt das daran, dass ich sehr gern lache. Das hält die Stimme frisch. Meine Enkeltöchter sagen: Oma, du bist ganz anders als andere Omas. Es freut mich natürlich, dass sie so positiv auf mich reagieren.

Von Hause aus bin ich Diplom-Mathematikerin, habe aber auch in etlichen anderen Berufen gearbeitet. Von der Erwerbstätigkeit in die Rente, das war für mich ein ungeheuerlicher Gewinn an Freiheit. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich wirklich Herrin meiner selbst. Vorher war ich immer von irgendwelchen Notwendigkeiten abhängig: Gebraucht, gedrängt, eingeengt. Das ist jetzt anders.

Ich habe eine Rente, die nicht üppig ist, aber leben lässt. Das ermöglicht mir, das zu machen, wozu ich Lust habe. Das heißt auch, was ich an Kenntnissen und Fertigkeiten erworben habe, sinnvoll einzusetzen.

Wow, eine neue Herausforderung

Als Erstes bin ich von Sachsen-Anhalt nach Berlin zurückgezogen. Drei Monate später habe ich am Rathaus Wedding den Aushang gesehen: Seniorenvertreter werden gewählt. Da habe ich gedacht: Wow, eine neue Herausforderung. Als Seniorenvertreterin kann ich nutzen, was ich kenne – IT, Verwaltung, Strukturen des öffentlichen Lebens, Umgang mit den Medien. Neu war die Auseinandersetzung mit Alter.

Ich war sieben Jahre Senioren-Vertreterin. Da ist mir das Thema Einsamkeit bewusst geworden. Mir fiel auf, dass ein nicht unerheblicher Anteil der Alten aus der Öffentlichkeit verschwindet, einfach nicht mehr erreichbar ist. Den letzten Anstoß erhielt ich, als mein alter Nachbar drei Monate tot in seiner Wohnung gelegen hat. Ja, mein unmittelbarer Nachbar, Wand an Wand mit mir.

Als ich merkte, wie er sich zurückzog, hatte ich ihm Hilfe angeboten, was er abwehrte. Er wurde gefunden, nachdem ich den Vermieter anrief, weil in meiner Wohnung immer mehr Fliegen waren. Danach bin ich aktiv geworden. Ich bin nach London gefahren und habe mir das Seniorentelefon Silverline angeschaut. Und dann habe ich ein solches Telefon in Berlin gegründet: Silbernetz. Damit ältere Menschen nicht dieses Ende nehmen: einsam, vergessen, tot.

Ich bin immer ein Mensch gewesen, der in der Gegenwart lebt. Der das Hier und Jetzt genießt. Die Zeit rennt, aber sie läuft mir nicht davon. Mein Gefühl ist, dass ich jeden Tag irgendetwas mache, was Sinn hat. Oftmals bin ich viel zu erschöpft, um abends Bilanz zu ziehen. Ich bin ein Workaholic.

Ich fahre Rad, sooft ich kann

Es gibt natürlich Dinge, die sind nicht mehr so easy wie vor zwanzig Jahren. Meine 81 Stufen renne ich nicht mehr ganz so schnell hoch. Aber geistig und auch, was die Reaktionsschnelligkeit angeht, habe ich noch keine Veränderungen festgestellt. Ich fahre Rad, sooft ich kann, 10 oder 15 Kilometer am Tag. In Berlin muss man ja höllisch aufpassen. Neulich kam mir ein Autofahrer in die Quere, ich kam vor ihm zum Halten.

Wenn ich mich in der Öffentlichkeit umschaue, gibt es nur zwei Bilder von den Alten: Die pflegebedürftigen Multimorbiden und die topfitten, hochgestylten Power-Alten. Es gibt kein Dazwischen; ich bin dazwischen. Die Vielfalt wird nicht sichtbar.

Ich habe zwei Töchter und fünf Enkel. Wenn ich sie wirklich brauche, sind sie da. Aber ich bin froh, dass ich sie noch nicht brauche. Ich selbst lebe allein, auch das ist ein Teil dieser Autonomie, die ich sehr schätze. Nach drei Trennungen von unterschiedlichen Partnern und Partnerinnen habe ich festgestellt, dass ich zu nahen Beziehungen nicht fähig bin.

Natürlich gibt es Momente, wo ich denke, es wäre schön, gerade jetzt mal in den Arm genommen zu werden. Und dann gucke ich mir den Preis dafür an und sage mir: ach, lieber nicht. Es gibt einfach Gewohnheiten, auf die ich um einer engen Beziehung willen nicht mehr verzichten würde. Ich bin glücklich, dass ich viele gute Bekannte habe und auch zwei Freundinnen. Der einen bin ich seit 57 Jahren verbunden.

Jede Medaille zwei Seiten hat

Wenn ich über den Tod nachdenke, dann in diesem Sinne: Ich lebe mit aller Leidenschaft, die mir zur Verfügung steht, und wenn es zu Ende ist, dann ist es auch gut so. Ich bin froh, wenn ich im Bekanntenkreis von einem Todesfall höre, wo jemand von jetzt auf gleich gegangen ist.

Ich bin eine, die Konsequenzen zieht, wenn es unerträglich wird. Ich ziehe Grenzen und bin sehr neugierig. Als Mathematikerin war mir Logik immer wichtig. Das Soziale hat sich mir eigentlich erst später erschlossen. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass immer auch Gutes im Schlechten ist und umgekehrt. Dass jede Medaille zwei Seiten hat. Das zu erkennen ist ein Geschenk.

Als alter Mensch bestimmt sich mein Wert nicht mehr aus dem, was ich mit Arbeit verdiene. Es geht um Sinn und Selbstwert. Was kann ich? Was will ich? Was macht mich glücklich? Wenn jemand den Drang verspürt, gesellschaftlich sinnvoll tätig zu sein – ja!

Alter ist ein Tabu. Als Senioren-Vertreterin bin ich innerlich zusammengezuckt, als eine Dame von 87 zu mir sagte: „Wissen Sie, in eine Begegnungsstätte gehe ich nicht. Da sind nur alte Leute.“ Viele Alte hängen in solchen negativen Stereotypen, das ist schade. Dahinter verbirgt sich der Jugendwahn unserer Gesellschaft und die Ignoranz gegenüber den Reichtümern des Alters.

Es gibt einfach Dinge, die kann ich nur als alter Mensch tun. Wenn ich das nicht sehe, weil mir meine Vorurteile im Weg stehen, versäume ich ganz viel. Ich erlebe keinen Generationenkonflikt – ganz im Gegenteil: Nicht nur beim Silbernetz wollen Junge und Alte miteinander reden. Protokoll: Plutonia Plarre

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