Sekte in Deutschland: Verfassungsschutz glaubt nicht mehr an Scientology
Der Verfassungsschutz beobachtet Scientology nicht länger, weil die Bewegung an Bedeutung verloren hat. Einzelne Personen bleiben dennoch im Visier.
epd/dpa | Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat sich zur Einstellung der planmäßigen Beobachtung der „Scientology Kirche Deutschland“ geäußert. Nachdem Scientology auf Bundesebene in den vergangenen Jahren an Relevanz verloren habe, werde deren Bearbeitung im Bundesamt nicht länger als „eigenständiger Phänomenbereich“ fortgeführt, teilte die Behörde auf Anfrage des Evangelischen Pressedienstes (epd) am Montag mit. Daher tauche Scientology auch nicht mehr im Verfassungsschutzbericht auf.
Das Bundesamt erläuterte, dass man bei der Beobachtung von Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung Erkenntnisse in Phänomenbereiche wie Rechts- und Linksextremismus sowie Islamismus einordne. Die Einordnung diene „arbeitsorganisatorischen Zwecken“. Unabhängig vom Ende der Beobachtung von Scientology insgesamt werde der Verfassungsschutz aber weiter „Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung, die von diesem Personenpotenzial ausgehen“, bearbeiten.
Der evangelische Sekten-Experte Matthias Pöhlmann hatte dem epd am Wochenende gesagt, unabhängig von der Entscheidung des Verfassungsschutzes verfolge Scientology weiter totalitäre und verfassungsfeindliche Ziele. Dass das Bundesamt für Verfassungsschutz die Beobachtung beende, sei angesichts der merklich gesunkenen öffentlichen Wahrnehmung von Scientology zwar erwartbar gewesen. Gleichwohl sei Scientology nach wie vor gefährlich und antidemokratisch, erläuterte Pöhlmann, der bei der bayerischen evangelischen Landeskirche Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen ist.
Es sei nach wie vor so, dass Scientology viele seiner Mitglieder in enorme psychische und finanzielle Abhängigkeiten stürze, betonte der Sekten-Experte: „Diese Organisation missachtet unter anderem das Grundrecht auf freie Meinungsäußerungen massiv.“
Beobachtung seit 1997
Seinen Deutschland-Hauptsitz hat Scientology in München. Das bayerische Innenministerium hatte auf epd-Anfrage bereits am Samstag mitgeteilt, dass das dortige Landesamt für Verfassungsschutz bis auf Weiteres an der Beobachtung festhält.
Scientology bezeichnet sich als Kirche, wird von Kritikern aber als gefährliche Sekte angesehen. Die Organisation wurde 1954 vom Science-Fiction-Autor L. Ron Hubbard in den USA gegründet, 1970 entstand die erste Niederlassung in Deutschland. Für das Jahr 2024 gab der Inlandsgeheimdienst die Zahl der Mitglieder hierzulande mit rund 3.600 an. Dabei hieß es, diese stagniere seit 2021.
Die Beobachtung durch den Verfassungsschutz hatte 1997 begonnen, hatte zuletzt allerdings keinen größeren Personaleinsatz erfordert. Im jüngsten Verfassungsschutzbericht, der Entwicklungen des Jahres 2024 beschreibt, heißt es, dass die Scientology-Organisation anstrebe, weltweit eine „scientologische“ Gesellschaft nach eigener Vorstellung zu errichten. In Hubbards Schriften werde deutlich, „dass in einer Gesellschaft nach scientologischen Vorstellungen wesentliche Grund- und Menschenrechte, wie beispielsweise die Menschenwürde und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, ebenso wenig gewährleistet sind wie das Recht auf Gleichbehandlung“.
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