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Neue Werke von Anthony JosephSein Herz ist eine Insel

Der trinidadisch-britische Groovepoet veröffentlicht ein neues Album und einen Gedichtband. Sein musikalisches Werk kreist um diasporische Erfahrungen.

Zehn Alben, sieben Gedichtbände, drei Romane: Anthony Josephs künstlerisches Schaffen ist umfangreich. Das Werk des in London lebenden, in Trinidad aufgewachsenen Lyrikers und Musikers kreist um sein Leben zwischen den Antillen und Großbritannien. Dort gilt der 59-Jährige schon lange als einer der führenden Vertreter der Schwarzen literarischen Avantgarde, ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen. In Deutschland ist Joseph immer noch zu entdecken. Da trifft es sich gut, dass er gerade mit „Haunting the Black Air“ einen neuen Gedichtband sowie mit „The Ark“ ein neues Album veröffentlicht hat.

In der diasporischen Tradition des Schwarzen Atlantiks reicht die Verbindung von Dichtung und Musik bis zu den Griots Westafrikas zurück. In dieser Nachfolge steht auch Anthony Joseph wie schon vor ihm Nikki Giovanni und Linton Kwesi Johnson.

Geboren 1966 in Port of Spain, wächst Joseph bei seinen Großeltern auf. Als Teenager beginnt er, Texte zu Musikstücken aus dem Radio zu schreiben. Er nimmt die Sprachfärbungen in seiner Umgebung zwischen Schulenglisch und dem französisch geprägten Patois seiner Oma genauso in sich auf, wie das entrückte Zungensprechen bei den ekstatischen Gottesdiensten in seiner Gemeinde – entsprechend polyphon sind auch seine Gedichte.

Anthony Joseph Platte, Buch und Performance

Album: Anthony Joseph: „The Ark“ (Heavenly Sweetness/Broken Silence)

Gedichtband: Anthony Joseph: „Haunting the Black Air“, Bloomsbury Poetry, London 2026, 172 Seiten, ca. 15 Euro

Lecture-Performance: Internationales Literaturfestival Berlin, 9. September 2026, Haus der Berliner Festspiele

Auch seine musikalische Prägung ist vielfältig und umfasst Rock und Jazz sowie die lokale Calypso-Musik. Mit 23 Jahren geht Joseph nach London, wo er studiert. In den 1990er Jahren bringt er die Gedichtbände „Desafinado“ und „Teragaton“ im Selbstverlag heraus. Weitere Bücher, darunter eine fiktionale Biografie des trinidadischen Calypso-Sängers Lord Kitchener, folgen.

Der abwesende Vater

Für seinen Gedichtband „Sonnets for Albert“, in dem sich Joseph mit seinem abwesenden Vater auseinandersetzt, wird er 2022 mit dem renommierten „T. S. Eliot“-Preis ausgezeichnet. Die 2024 erschienene Anthologie „Precious and Impossible: Selected Poems“ samt einem informativen Vorwort der US-Literaturwissenschaftlerin Lauri Scheyer liefert einen sehr guten Einstieg in die Lyrik von Joseph.

Parallel zu seinem schriftstellerischen Werk entwickelt Anthony Joseph eine musikalische Laufbahn. Basierend auf seinen Gedichten, erscheint 2007 sein Debütalbum „Leggo de Lion“. Im Laufe der Zeit hat Joseph mit unterschiedlichen Mu­si­ke­r*in­nen zusammengearbeitet, sowohl im Kontext mit seiner ehemaligen Gruppe The Spasm Band als auch solo, etwa mit Meshell Ndegeochello und Shabaka Hutchings.

Anthony Josephs Stil ist geprägt von autobiografischen Beobachtungen, aus denen surrealistische Imaginationen hervortreten können, sodass sich Realität und Vorstellung, Raum und Zeit auflösen. Dies gilt auch für „Hauting the Black Air“. Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert. Schon ihre Titel wie „Folklore“ und „Mt Lambert“, dem Ortsteil, in dem Joseph in Trinidad groß geworden ist, sowie „Threnody“ – Klagelied – weisen darauf hin, dass Rückblick, Erinnern und Selbstvergewisserung in den Texten eine wichtige Rolle spielen.

Viele Gedichte enthalten Widmungen, etwa an den verstorbenen schottischen Poeten Roddy Lumsden oder den US-amerikanischen Bildhauer Charles Ray und seine Frau Sylvia. In den Texten selbst blickt Joseph auf Nebenfiguren wie einen namenlosen Schlagzeuger des Saxofonisten Albert Ayler oder den Bassisten Chuck Rainey. Vor allem jedoch spielen Menschen aus seiner Familie eine wichtige Rolle.

Das harte Los der Mutter

Das harte Los seiner verstorbenen Mutter steht im Gedicht „A Juba For Janet“ im Zentrum. Allerdings muss sich Joseph eingestehen, dass er ihre Person und ihre Bedeutung für sich nicht angemessen beschreiben kann: „This poem could only write / A few lines each year / And still, never get the image right.“

Wie häufig bei den Gedichtbänden von Joseph finden sich zwischen den Texten Fotos aus seinem Familienalbum. Während diese Bilder für eine weitere biografische Verknüpfung sorgen, verortet sich Joseph mit eingestreuten Zitaten von Dich­te­r*in­nen und Theo­re­ti­ke­r*in­nen wie Roland Barthes, Amiri Baraka, Suzanne Césaire und Derek Walcott auch literarisch.

Valencia, Tokio, Stockholm, Los Angeles: Anthony Joseph kommt viel herum. Im Hafen von Liverpool muss er an den transatlantischen Handel mit Skla­v*in­nen aus Westafrika denken („As I leave out from Liverpool / Where they used to ship us in, /Luminous with possibilities“) und verknüpft ihn mit dem Karneval zu Hause: „In Port of Spain, the carnival is over. / It’s detritus lines the streets. / Arms around their heads, their heads between their knees.“

Neben Gedichten im freien Vers spielt Joseph auch mit visueller Poesie. In „Storm Window“ kreisen die Worte wie um das Auge eines Wirbelsturms. Zu einem Mauerwerk sind sie in „The Folded House“ zusammengesetzt. Tropischen Pflanzen gleich hängen die Zeilen in „Black Villages“ von oben herab.

Silbe um Silbe zum Leben erwecken

Die Texte „New York Soul“ und „Blue Susan“ aus „Haunting the Black Air“ finden sich auch vertont auf Josephs neuem Album „The Ark“. Der britisch-österreichische Gitarrist und Produzent Dave Okumu hat Anthony Joseph dafür ein musikalisches Fundament geschaffen, auf dem er seine Texte Silbe für Silbe zum Leben erweckt.

In „New York Soul“ treffen ein tiefer Funk-Basslauf, spärliche Schlagzeug-Beats und Afro-Bläser aufeinander und korrespondieren mit dem Porträt des Tänzers James Oscar und einer Party in Brooklyn. In einen Schwebezustand versetzt der Background-Gesang den Songtext zu „Blue Susan“, in dem es um die Ängste der Protagonistin und ihre Begegnung mit Musik geht.

In seinem Vortrag wechselt Joseph immer wieder zwischen Sprechen und Singen hin und her. Durch Betonungen, Wiederholungen und Pausen kommt der Rhythmus seiner Gedichte erst vollständig zum Ausdruck. Schriftliche und mündliche Überlieferung, Lesen und Zuhören, Nachdenken und Tanzen, das sind die Pole, zwischen denen sich das Werk von Anthony Joseph bewegt. In seinen Texten bringt er geistige und körperliche Erfahrungen magnetisch auf einer Wellenlänge zum Schwingen.

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