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Seegras-Wiederansiedlung in der OstseeVerwaltung schickt der Natur eine Rechnung

Ehrenamtliche Taucher sollen helfen, Seegraswiesen anzupflanzen. Dafür verlangt eine Bundesbehörde eine Nutzungsgebühr und gefährdet das ganze Projekt.

Auf dem Grund der Ostsee soll wiedererstehen, was durch Umweltverschmutzung zerstört wurde: weite Seegraswiesen – Lebensraum für Tiere und Pflanzen, Sauerstoffspender und Kohlenstoffsenke. Tauchsportler haben es ehrenamtlich übernommen, die Wiesen neu anzupflanzen. Doch das Renaturierungsprojekt ist gefährdet.

Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) des Bundes verlangt Gebühren – nicht nur für die Pflanzgenehmigung, sondern auch für die Nutzung des Meeresbodens. Dass hier das Umweltministerium etwas in Gang gesetzt habe, das jetzt von der zum Verkehrsministerium gehörenden WSV torpediert werde, sei schwer nachvollziehbar, sagt Verena Platt-Till vom BUND Schleswig-Holstein. „Das ist ein Fall für eine Satiresendung“, findet sie.

Die Wiederansiedlung von Seegras ist Teil des Forschungsprojekts Zobluc (Zostera marina als Blue-Carbon Kohlenstoffspeicher in der Ostsee) des Geomar-Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel. Es wird mit sechs Millionen Euro aus dem Aktionsprogramm „Natürlicher Klimaschutz“ der Bundesregierung gefördert. Ziel ist es herauszufinden, welche Rolle Seegraswiesen als Kohlenstoffspeicher spielen und damit zum Klimaschutz beitragen können.

Wiederansiedlung ist Handarbeit

„Seegraswiesen sind wie unterseeische Moore“, teilte Thorsten Reusch, der wissenschaftliche Projektleiter am Geomar, mit, „sie speichern Kohlenstoff, der über Jahrhunderte im sauerstoffarmen Sediment konserviert wird.“ Im Rahmen des Projekts soll nun gezielt untersucht werden, unter welchen Bedingungen Seegraswiesen besonders viel CO₂ speichern.

Die Wiederansiedlung von Seegras gehört auch dazu. Die Forscher versuchen, die neuen Bestände durch Züchtung an den Klimawandel anzupassen. „Es nützt wenig, wenn wir jetzt Seegraswiesen wieder anpflanzen, die dann in wenigen Jahren wieder absterben, weil sie mit den steigenden Wassertemperaturen nicht zurechtkommen“, erklärte Reusch.

Die Wiederansiedlung jedoch ist Handarbeit. Jede einzelne Pflanze muss in einer existierenden Seegraswiese ausgegraben und am neuen Ort eingesetzt werden. Das Geomar hat deshalb über den Tauchsportverband Ehrenamtliche geworben, die diese Arbeit übernehmen. Geschult werden sie dafür von der Meeresschutzorganisation Sea Shepherd.

Sehr viele Leute hätten sich bereit erklärt mitzumachen, heißt es beim BUND Schleswig-Holstein. „Im vergangenen Jahr ist viel gepflanzt worden“, sagte Meeresschutzreferentin Verena Platt-Till der taz. Doch wegen der Gebührenforderung des WSV könne die Arbeit nicht weitergehen. Eine Saison werde wohl komplett ausfallen, „und dann kann man hoffentlich nächstes Jahr weitermachen“.

Der BUND hatte sich vor ein paar Monaten gemeinsam mit weiteren Umweltverbänden und dem Tauchsport Landesverband Schleswig-Holstein (VDST) an die beiden Bundesministerien gewandt, nachdem der VDST von dem Ansinnen der WSV berichtet hatte. Schon die Genehmigungsgebühr von 500 bis 800 Euro überfordere die meisten beteiligten Gruppen, sagte der Vorsitzende des Tauchsportverbandes, Wolfgang-Dieter Glanz, dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (shz).

„Noch dramatischer“ sei jedoch die Auslegung des Nutzungsbegriffs durch die WSV. Demnach sollten die Tauchvereine und Gruppen einen Vertrag abschließen, der jährliche Nutzungsentgelte für Wiederansiedlungsflächen vorsehe. „Unabhängig davon, dass die gemeinnützigen Organisationen dieses nicht leisten können und wollen, ist schon die Interpretation der Renaturierungsmaßnahmen als Nutzung des Meeresbodens zu hinterfragen“, zitiert ihn die Mediengruppe.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist es zu verneinen, dass eine Renaturierung eine Nutzung darstellt, wie immer man auch Paragrafen dreht und wendet.

Thorsten Reusch, Geomar-Projektleiter

Geomar-Projektleiter Reusch antwortete der taz: „Aus wissenschaftlicher Sicht ist es zu verneinen, dass eine Renaturierung eine Nutzung darstellt, wie immer man auch Paragrafen dreht und wendet.“ So etwas habe er auch im internationalen Kontext noch nie gehört, und viele andere Länder renaturierten Küstenlebensräume wie Seegraswiesen bereits seit Jahrzehnten.

„Im Wort Renaturierung steckt ja bereits die Information, dass ein guter ökologischer Zustand wieder hergestellt wird“, sagt Reusch. Dies sei nicht nur ökologisch wegen der Vielzahl an positiven Effekten von Seegraswiesen geboten wie Erhöhung von Biodiversität, Wasserqualität und Bindung von organischem Kohlenstoff.

Es sei auch nach EU-Recht – der seit 2024 geltenden Wiederherstellungsverordnung – zwingend für alle Mitgliedsstaaten einschließlich Deutschlands vorgeschrieben. „Die NGOs sollten also eher vom Bund Geld bekommen für die Renaturierung“, findet Reusch.

Für die schwarz-grüne schleswig-holsteinische Landesregierung fügt sich das Forschungsprojekt in den Aktionsplan Ostseeschutz ein, das Trostpflaster für einen Nationalpark Ostsee, den die Grünen politisch nicht durchsetzen konnten. Antworten von der WSV und den beteiligten Bundesministerien erhielt die taz vor Redaktionsschluss nicht. Das Kieler Umweltministerium teilte mit: „Wir arbeiten gemeinsam mit den zuständigen Landes- und Bundesbehörden an einer Lösung.“

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