Schutz wandernder Süßwasserfische: Gut genug für den Hauptgang
Wandernde Süßwasserfische finden sich auf vielen Tellern, aber kaum auf Schutzlisten. Ihr Schutzstatus wird laut UN-Bericht massiv unterschätzt.
An den Rätseln des europäischen Aals scheiterte Aristoteles genauso wie Sigmund Freud. Bis heute rätselt die Wissenschaft über die Fortpflanzung dieses Fisches, der bis zu 10.000 Kilometer von der atlantischen Tiefsee die Flüsse Europas hinaufwandert, hier groß wird und dann die Rückreise antritt. Und doch ist der europäische Aal immerhin eine von gerade mal 23 wandernden Süßwasserfischarten, die unter Schutz stehen.
Viele Wanderer in Flüssen und Seen sind ähnlich bedroht wie der Aal, aber nicht geschützt. Obwohl teils als Delikatessen verehrt, stehen Süßwasserfische weniger im Fokus als etwa Zugvögel oder Wale. Ein am Dienstag veröffentlichter UN-Bericht kommt zu dem Schluss, dass der Schutz von wandernden Süßwasserfischen bislang massiv unterschätzt wurde. Demnach sollten wesentlich mehr dieser Fische geschützt werden: 325 statt 23.
Die AutorInnen um den Biologen Zeb Hogan von der Universität Nevada werteten eine Vielzahl von Quellen und Daten aus, wie den Gefährdungsstatus von rund 15.000 Süßwasserfischen auf der Roten Liste der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur (IUCN). In mehr als 50 Jahren nahmen die Bestände wandernder Süßwasserfische um über 80 Prozent ab.
„Dass 325 Arten identifiziert wurden, ist nicht überraschend – das zeigt eine schon lange bestehende, systematische Schutzlücke“, sagte Sonja Jähnig, kommissarische Direktorin des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB). Wandernde Süßwasserfische gehörten global zu den am stärksten rückläufigen Wirbeltiergruppen. Sie würden aber politisch und institutionell unterschätzt, übersehen oder ignoriert. „Kurz gesagt: Wanderfische haben bisher eine schwache Lobby“, so Jähnig.
Staaten verhandeln weitere Schutzmaßnahmen
Staudämme, die Fragmentierung von Lebensräumen, Umweltverschmutzung und klimabedingte Veränderungen der Ökosysteme erschweren den Fischen ihre Wanderungen. Andere Forschende wiesen in einem Kommentar darauf hin, dass das CMS-Abkommen zum Schutz wandernder Tiere Süßwasserfische nicht genug berücksichtige.
Sonja Jähnig, IGB
Die Veröffentlichung steht im Kontext der 15. Vertragsstaatenkonferenz, kurz COP, des sogenannten Übereinkommens zur Erhaltung wandernder wildlebender Tierarten (CMS) im brasilianischen Campo Grande. Hier will die Weltgemeinschaft Maßnahmen gegen den Verfall von Ökosystemen und den Verlust der Artenvielfalt aushandeln. Die Staaten wollen mehr wandernde Tierarten unter Schutz stellen, illegale Jagd bekämpfen und den weiteren Verlust von Lebensräumen bremsen.
Der Zustand wandernder Tierarten ist kritisch: Knapp die Hälfte der durch das Abkommen geschützten Arten erleidet schrumpfende Bestände. Ein knappes Viertel wandernder Tiere ist vom Aussterben bedroht. Ihr Schutz ist besonders schwierig, da sich ihre Wanderungen häufig über Landesgrenzen hinweg erstrecken. Ein umso wichtigeres Forum ist CMS, in dem über 130 Vertragsstaaten Schutzmaßnahmen im Rahmen des UN-Abkommens aushandeln.
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