Sachsen-Anhalt, Halberstadt: Polizisten stehen vor der Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber des Landes Sachsen-Anhalt. Die Einrichtung steht wegen eines bestätigten Corona-Positivbefundes für zwei Wochen unter Quarantäne

Foto: dpa

Schutz vor Corona für Geflüchtete:Zu sechst ein Zimmer, keine Seife

Räumliche Distanz ist in der Coronakrise das Gebot. In Sammelunterkünften für Geflüchtete ist sie unmöglich. Einige Heime stehen unter Quarantäne.

2.4.2020, 08:10 UHR

Gerade kann ich nicht sprechen, ich stehe in der Schlange zum Fiebermessen“, sagt Marllow Kurdi am Telefon. Nach zwanzig Minuten ist seine Temperatur geprüft und er hat Zeit zum Reden. „Am Freitagmorgen kam viel Polizei und hat Zäune rund um die Gebäude aufgestellt“, sagt Kurdi, der eigentlich anders heißt. „Danach haben sie Durchsagen in verschiedenen Sprachen gemacht, in Kurdisch, Arabisch, Farsi oder Englisch.“ Der Inhalt war immer derselbe: Die Zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber des Landes Sachsen-Anhalt (ZASt) in Halberstadt, in der Kurdi lebt, steht für 14 Tage unter Quarantäne. Die 839 Bewohner:innen dürfen das Gelände nicht verlassen. Kurz zuvor war ein Bewohner der Unterkunft nach Halle verlegt – und dort positiv auf das Coronavirus getestet worden, ebenso wie drei Kontaktpersonen des Mannes. Sie wurden in eine neue Isolierstation mit 80 Plätzen in Quedlinburg gebracht.

Die ZASt befindet sich auf einem alten NVA-Gelände. In drei orange-grauen Plattenbauten leben bis zu 360 Menschen. Die Hauptgebäude sind nun voneinander getrennt. Personal der Unterkunft und Polizei bewachen die Abzäunung. Der Sportplatz ist geschlossen, ebenso alle Aufenthaltsbereiche, in denen ein Mindestabstand von 1,5 Metern nicht möglich ist. Die Mitarbeitenden seien mit persönlicher Schutzausrüstung ausgestattet, erklärt die Verwaltung.

Die Flüchtlinge nicht. Räumliche Distanz ist die wirksamste Maßnahme für den Infektionsschutz. Doch genau das ist in Asylbewerberheimen nicht möglich. In der ZASt in Halberstadt etwa teilen sich bis zu sechs Personen ein Zimmer, sie waschen sich in Gemeinschaftsbädern. Die Kantine ist nun geschlossen, das Essen wird einzeln abgepackt verteilt. „Das ist sehr hygienisch“, sagt Kurdi. „Aber wir stehen mit vielen Leuten zusammen Schlange bei der Essensausgabe oder beim Fiebermessen.“ Bäder und Flure würden öfter desinfiziert als sonst. „Unsere Zimmer aber nicht, und wir haben keine Handschuhe, Masken oder Desinfektionsmittel. Wenn jemand hier krank wird, dann könnte das eine Katastrophe geben.“

Laut Statistischem Bundesamt wohnten 2018 rund 215.000 Geflüchtete in deutschen Sammelunterkünften. Diese unterscheiden sich regional stark, überall aber leben viele Menschen auf sehr engem Raum. Die einzige Gruppe, die ähnlich kaserniert ist, sind Bundeswehrsoldaten. Für diese hat das Verteidigungsministerium schon früh „besondere Maßnahmen zum Schutz vor einer Ausbreitung von Covid 19“ angeordnet. Für die kasernierten Flüchtlinge gibt es keine einheitlichen Regeln. Oft sogar gar keine. Doch wird ein Covid 19-Fall entdeckt, heißt es automatisch für Hunderte andere Bewohner: Zwei Wochen lang kein Ausgang, kein Einkauf – und Ansteckungsgefahr.

Europäische UnionDie geschlossenen Binnengrenzen bedeuteten auch einen Abschiebestopp innerhalb der EU: Am 23. März stoppte das Innenministerium die Rückführung in andere Schengen-Staaten.

International

Einen generellen Abschiebestopp gibt es nicht. Faktisch kann aber kaum noch abgeschoben werden. Die Fluglinien haben ihren Betrieb extrem heruntergefahren, viele Flughäfen weltweit sind geschlossen und könnten entsprechend auch nicht mit Charterabschiebungen angeflogen werden. Hinzu kommt: Fast überall auf der Welt gelten Menschen aus Deutschland als potentiell Corona-Infiziert – und müssten in Quarantäne. Bundespolizei und Auswärtiges Amt haben eine Liste erstellt. In 89 Ländern der Welt ist demnach aktuell eine Abschiebung überhaupt nicht möglich, in weiteren 64 nur eingeschränkt, etwa weil BegleitpolizistInnen bei Einreise in Quarantäne kämen. (cja)

Man sei „bemüht“, diese Ausnahmesituation „so erträglich wie möglich zu gestalten“, heißt es beim Landesverwaltungsamt am Montag. Für Kinder seien zusätzliche Spielzeuge zur Verfügung gestellt worden. Da die Bewohner:innen derzeit nicht selbst einkaufen gehen könnten, gebe es eine „gezielte Versorgung“, etwa mit Hygieneartikeln und Lebensmitteln. Besondere Bedarfe würden „so weit möglich befriedigt“. Insgesamt sei die Stimmung in der ZASt bisher „relativ ruhig“. Am Mittwoch dann die Nachricht, dass ein Bewohner aus dem Fenster sechs Meter in die Tiefe stürzte und sich schwer verletzte. Ein Fremdverschulden ist wohl auszuschließen, er soll aber vorher einen Streit mit seiner Ehefrau gehabt haben. Der Flüchtlingsrat berichtet von einer „angespannten Stimmung“ in der Unterkunft. Ob der Streit oder gar der Sturz etwas damit zu tun haben, ist unklar.

Doch das Leben im Lager ist auch ohne Corona durch Monotonie geprägt. Kommen Ausgangssperren oder Quarantäne hinzu, schnurrt der Alltag noch viel enger zusammen als bei Menschen, die eigene Wohnungen und Arbeit haben. Auch wo keine Fälle registriert sind, hat die Epidemie das Leben verändert.

„AUSGANGSSPERRE. Die Strafe ist 2 Jahre oder 25.000 Euro.“ Das etwa steht auf Aushängen, die das Landratsamt von Landsberg am Lech in den Flüchtlingsunterkünften des Landkreises hat aufhängen lassen. Genau wie alle andern Bayer:innen dürfen sie nicht hinaus. Zwar herrscht in Bayern keine Ausgangssperre, sondern eine Ausgangsbeschränkung, und die angedrohten Strafen sind theoretische Höchststrafen. Aber der Effekt des Aushangs auf die Flüchtlinge ist klar: Verunsicherung, Angst.

„Das Bemühen der Behörden, die Flüchtlinge zu informieren, ist sehr unterschiedlich ausgeprägt“, sagt Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Die Arbeit läuft derzeit fast nur noch über Telefon, E-Mail und WhatsApp, ganz hat er aber noch nicht auf Homeoffice umgestellt. Gerade sitzt er in seinem Büro in der Münchner Innenstadt.

Grundsätzlich gelten für Flüchtlinge dieselben Regeln wie für alle anderen in Bayern auch: Abstand halten, nicht ohne triftigen Grund die Unterkunft verlassen. Einkaufen, zum Arzt gehen, sich draußen bewegen ist erlaubt – nur eben allein oder mit Menschen aus ihrem Haushalt. In diesem Fall ist das aber die gesamte Unterkunft. Und gibt es da einen Infektionsfall, stehen gleich alle Heimbewohner:innen unter Quarantäne.

So wie auch im bayerischen Landshut. Hier hat es am 27. März die Gemeinschaftsunterkunft in der Porschestraße getroffen. Hier, im Norden der niederbayerischen Hauptstadt, leben rund 150 Menschen, darunter der 29-jährige Nigerianer Justice Aikhu. Fernsehen, schlafen und mit Freunden telefonieren sind seine einzigen Beschäftigungen. Gut, er könnte einen „Spaziergang“ machen – einmal den Korridor entlang, in die Küche oder runter zum Eingang. Wenn man sich dort mit seinem Mobiltelefon nahe genug beim Büro der Heimleitung platziert, kann man sich sogar ins WLAN des Hauses einloggen.

Aber Justice Aikhu bleibt lieber mit seiner Familie im Zimmer. Vor drei Jahren ist er mit seiner Frau Maris nach Deutschland geflüchtet. Jetzt haben sie Angst vor Ansteckung, vor allem wegen ihrer Kinder. Michael ist zwei Jahre alt, Ella vier Monate. Die Familie versucht, wo immer möglich, den Kontakt zu Mitbewohner:innen zu vermeiden. In die Gemeinschaftsküche gehen sie nur noch ganz früh am Morgen oder sehr spät abends, wenn dort kaum jemand ist.

Justice Aikhu aus Landsberg

„Das größte Problem sind die Toiletten. Über 20 Menschen teilen sich auf seinem Stockwerk eine. Es gibt keine Seife, kein Desinfektionsmittel“

Angefangen hat das Ganze vor zwei Wochen, als sich ein junger Mann im zweiten Stock unwohl fühlte. Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Sie haben ihn abgeholt, ins Krankenhaus gebracht. Noch am selben Abend wurde das ganze Haus unter Quarantäne gestellt. Zweimal sei in den darauffolgenden Tagen ein Pulk von Ärzt:innen in das Heim gekommen, hätte einige der Bewohner getestet. Nach welchen Kriterien, ist Justice Aikhu schleierhaft. Er wollte, dass er und seine Familie getestet werden, aber das wurde abgelehnt. Warum, verriet ihm niemand. Dabei seien noch etliche Menschen im Haus positiv getestet worden, darunter die Familie im Nachbarzimmer. Sie wurden mit einem Bus abgeholt.

Geflüchtete haben in den ersten 18 Monaten ihres Aufenthalts – oder wenn sie nur geduldet sind – nur eingeschränkten Zugang zu Gesundheitsleistungen. Was das genau bedeutet, ist seit vielen Jahren rechtlich umstritten. Die Kosten für einen Corona-Test aber würden übernommen, wenn dieser zur „Behandlung erforderlich“ oder „zur Verhütung von Krankheit medizinisch geboten“ sei, heißt es im Bundessozialministerium. Auch die stationäre Behandlung einer Covid-19-Erkrankung werde bezahlt.

Ein Sprecher des bayerischen Innenministeriums sagte der taz, man nehme die Situation sehr ernst, auch, um Vorwürfen entgegenzutreten, die Unterkünfte seien „Orte der Seuche“. Wie in den anderen Bundesländern werde jeder Neuankömmling für 14 Tage separiert untergebracht. Zusätzlich werde, anders in einigen anderen Ländern, seit dem 27. Februar jeder getestet, der seit dem 30. Januar ankam. 2.000 Tests seien seither in Bayern durchgeführt worden. „Wir wollen nicht den Eindruck erwecken, hier sei der Weg, wie das Virus eingeschleppt wird. Da läuft nichts Unkontrolliertes an uns vorbei“, so der Sprecher.

Auch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein testen jeden neu ankommenden Schutzsuchenden. Schleswig-Holstein bringt bestätigte Fälle in einem eigenen Quarantänehaus unter. Die meisten Fälle nach Bayern bestätigt Mecklenburg-Vorpommern, dort sind es 27. Erkrankte Personen mit milder Symptomatik werden in einer Ausweichunterkunft untergebracht. Bei akuten Fällen erfolge eine stationäre Behandlung. In Berlin haben sich 16 von 94 Verdachtsfällen bestätigt. Auch in der Hauptstadt werden Neuankömmlinge grundsätzlich zwei Wochen lang separiert. Am Dienstagnachmittag waren insgesamt 106 Infektionen in zwölf Bundesländern bestätigt. 37 davon in Bayern.

„Das größte Problem“, sagt Justice Aikhu aus Landshut, „sind die Toiletten.“ Über 20 Menschen teilen sich auf seinem Stockwerk eine. Es gebe keine Seife, kein Desinfektionsmittel.“ Er glaubt, dass noch mehr Leute dieses Virus bekommen. Vielleicht habe er es ja auch schon. „Wie kann ich das wissen?“ Die Unsicherheit macht alles noch schlimmer. „Die Leute fragen sich: Wann werden wir frei sein? Das habe ich auch unseren Unterkunftsleiter gefragt. Er sagte, er weiß es nicht. Er warte auf Informationen von der Regierung.“ Nächste Woche hätte ein Integrationskurs beginnen sollen, an dem Aikhu teilnehmen wollte.

Fehlende Seife, fehlendes WLAN – die Probleme, von denen Justice Aikhu berichtet, sind nicht die Regel, aber auch keine Seltenheit in bayerischen Flüchtlingsheimen, sagt Stephan Dünnwald vom Flüchtlingsrat. Es gebe aber auch Positivbeispiele: In einer Unterkunft in Kelheim etwa habe eine über 70-jährige Frau mit Vorerkrankung sofort ein Einzelzimmer mit eigener Toilette bekommen.

Viele Flüchtlingsräte schlagen vor, Flüchtlinge in kleineren Gruppen in Hotels und Pensionen unterzubringen. „Auf diese Weise könnte man auch gleich etwas für bayerische Hotelbetriebe tun. Und man könnte an manchen Orten die Belegungsdichte halbieren,“ sagt Dünnwald.

Denn das Infektionsrisiko zu drücken ist in den bestehenden Unterkünften nicht einfach. Bernhard Rieger ist als Betreuer zuständig für drei Flüchtlingsunterkünfte im Landkreis Dachau. In der größten davon, einem Containerbau, leben 50 Menschen. Früher waren sie hier zu sechst auf einem Zimmer untergebracht, jetzt meist zu dritt oder viert. Weniger sei nicht möglich, sagt Rieger, weil er keine freien Zimmer mehr habe.

Von Problemen wie fehlender Seife oder mangelhafter Kommunikation habe er auch schon gehört, sagt Rieger, der sich auch ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagiert. Aber immer nur über fünf Ecken. „In den Unterkünften, für die ich sprechen kann, habe ich schon den Eindruck, dass die Flüchtlinge gut informiert werden. Da läuft auch viel über ehrenamtliche Helfer. Die sind über WhatsApp oft schneller, als ich Aushänge an die Tür hängen kann.“ Auch von einem „Lagerkoller“ der Flüchtlinge habe er bei sich im Landkreis noch nichts feststellen können. „Aber ich kann mir vorstellen, dass die Situation in ein, zwei Wochen eine andere sein wird.

Thüringen, Suhl: Polizisten in Schutzkleidung sind bei der Landeserstaufnahmestelle für Asylbewerber in Suhl im Einsatz

Mitte März, Unterkunft in Suhl unter Quarantäne: Es gab einen umstrittenen Polizeieinsatz Foto: dpa

So wie im thüringischen Suhl. Vor zwei Wochen riegelte die Polizei dort den umzäunten Plattenbaukomplex der Erstaufnahmestelle ab. Ein neuer Bewohner hatte sich am Coronavirus infiziert, über Nacht wurde eine zweiwöchige Quarantäne verhängt. Es war die erste große Flüchtlingsunterkunft, die es getroffen hatte. Nach einiger Unruhe kam es zu einem Polizeigroßeinsatz – und bundesweitem Aufsehen. Am vergangenen Samstag ist die Quarantäne in Suhl wieder aufgehoben worden. Pouria Zahedi aus Iran und 532 weitere Geflüchtete haben seither einen Teil ihrer Freiheit zurück.

„Keiner wusste zuerst, was los war“, sagt Zahedi. Er habe beim Frühstück gehört, dass das Tor verschlossen sei, niemand mehr hinaus dürfe, Einkäufe nicht mehr möglich seien. Als sie bei einer Sozialarbeiterin nachfragten, hieß es, es sei wegen Corona. „Natürlich hatten wir Sorge“, erzählt der 19-Jährige am Telefon. Er belegt ein Vierbettzimmer zusammen mit einem Landsmann, ein Glücksfall. Neben den Betten steht nur noch ein karger, weißer Tisch, ihre Wäsche haben die Männer an einer Schnur am Doppelstockbett aufgehängt. „Es gab keine Ärzte, am Anfang keine Desinfektionsmittel oder Schutzmasken, es wurde nichts extra sauber gemacht.“ Nur eine Krankenschwester war noch vor Ort.

Auch sich über das Internet zu informieren, sei schwierig, berichtet Zahedi. WLAN gebe es nur an einer Stelle im Haus. Er habe versucht, die Quarantäne-Tage draußen auf dem Hof zu verbringen. Aber beim Abholen des Essens – das nun nur noch einmal täglich gekommen sei, für alle drei Mahlzeiten gleichzeitig – seien sich alle weiter über den Weg gelaufen, auch in den Waschräumen. „Ich fand das gefährlich.“ Und es habe nichts mehr zu tun gegeben: keine Sprachkurse, keine Freizeitangebote, auch das „Interview“ für sein Asylgesuch sei bis auf Weiteres verschoben.

Einige Bewohner reagierten panisch auf die Quarantäne. Fotos zeigen Bewohner, die sich am ersten Tag hinter den Zäunen drängen. Einige versuchten darüber zu klettern, Wachleute verhinderten es. Zahedi hatte dafür wenig Verständnis: „Die konnten sich nicht kontrollieren.“ Aber auch immer mehr Wachleute der Unterkunft fielen krank aus, Polizisten mussten aushelfen. Am vierten Tag rückten 150 Polizisten an, teils in weißen Ganzkörperoveralls, fuhren Wasserwerfer auf. Die Beamten holten 22 Geflüchtete aus der Unterkunft, die sie als „Störer“ ausmachten. „Follow the instructions“, tönten Lautsprecher. Der Einsatz habe ihm anfangs Angst gemacht, sagt Zahedi. Weil er sich an dem Tag krank fühlte und Sorge hatte, es gehe darum, Kranke aus der Unterkunft zu holen. Auch wenn die Polizei von einem ruhigen Einsatzverlauf sprach, fabulierten nun rechte Blogger von einem „Aufstand“. Den habe es nie gegeben, sagt Zahedi. „Als klar war, worum es ging, haben viele einfach weiter Fernsehen geguckt.“

Zimmer in einer Flüchtlingsunterkunft in Suhl

Gedrängt wohnen und schlafen: Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft in Suhl Foto: privat

Ellen Könneker vom Thüringer Flüchtlingsrat kritisiert den Polizeieinsatz. „Es hätte wohl eher eine bessere Informationspolitik im Vorfeld gebraucht.“ Gerade für Kinder und Traumatisierte sei der Einsatz beängstigend gewesen. Könneker kritisiert zudem die Quarantäne-Situation: Vorerkrankte lebten in Suhl weiter auf engstem Raum, bei medizinisch prekärer Lage. Rückzugsräume gebe es nicht, keine separaten Kochecken, Distanz sei unmöglich. „Unterbringungen auf engstem Raum sind so schon belastend“, sagt Könneker. „Bei einer Pandemie aber wird es zum extremen Risiko.“

Bundesweit fordern Flüchtlingsräte, die Sammelunterkünfte zu schließen und die Bewohner in Wohnungen zu verteilen, erst recht in Zeiten von Corona. Allein in Thüringen zählt der Flüchtlingsrat 5.500 Geflüchtete in Sammelunterkünften. „Aus der desaströsen Situation in Suhl muss gelernt werden“, so dessen Forderung.

Die schwierige Lage in Suhl erkannte auch Suleman Malik. Der Sprecher der muslimischen Ahmadiyya-Gemeinde in Thüringen engagiert sich seit Jahren in der Geflüchtetenhilfe. Die Suhler Unterkunft besuchte er gleich zu Beginn der Quarantäne, zusammen mit Thüringens Integrationsbeauftragter. „Da herrschte noch eine große Unruhe, die Menschen hatten überhaupt keine Infos. Wir haben versucht, mit Übersetzungen auf unserem Handy die Situation zu erklären.“ Malik bot Hilfe an: Er könne Ärzte auftreiben, die ehrenamtlich während der Quarantäne helfen könnten. Etwas später stand Malik tatsächlich mit drei Ärzten der Hilfsorganisation Humanity First in weißen Overalls in der Unterkunft. Und die Bewohner kamen: wegen Kopfschmerzen, einem kranken Kind oder weil sie Informationen wollten.

Auch Pouria Zahedi bestätigt, dass die Quarantäne am Ende besser organisiert wurde. „Alle gaben sich Mühe.“ Schutzmasken seien besorgt worden, auch dringende Einkäufe wie Babynahrung. Kurz vor Ende der Quarantäne gab es noch mal Verunsicherung. Eine Mutter und ihr Kind hätten Coronasymptome gezeigt. Später dann das Testergebnis: negativ. „Gott sei Dank hat sich in den zwei Wochen niemand angesteckt.“ Als die Quarantäne aufgehoben wurde, lief Zahedi als Erstes vier Kilometer in die Stadt, um einen Kaffee und Süßigkeiten zu kaufen. „Das war ein schöner Spaziergang.“ Nun sitzt der Iraner weiter in der Erstaufnahmestelle, die allgemeine Kontaktsperre gilt weiter. Kurse oder einen neuen Termin für seine Asylanhörung gebe es weiter nicht. „Schlafen, essen, rausgehen, mehr gibt es nicht zu tun.“ Dabei würde der 19-Jährige, der wegen seines christlichen Glaubens aus dem Iran floh, gerne ehrenamtlich arbeiten, später Informatik studieren. „Dann, wenn diese Zeit vorbei ist.“

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte hatten sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit sollte der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Im April sowie im Mai beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen. Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bis zum 29. Juni bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. (Hier eine Übersicht der Bundesregiergung zu Regelungen in den Ländern). Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen noch vor dem Sommer wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen wurden die Regeln gelockert: PatientInnen oder BewohnerInnen können wieder durch eine bestimmte Person besucht werden.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport ist das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga hat die Saison seit Mitte Mai mit Geisterspielen fortgesetzt – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Vor Publikum werden in dieser Saison in jedem Fall keine Spiele mehr stattfinden.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios haben die Ländern die Lockerungen eigenständig zu verantworten.

■ Spielplätze sind unter Auflagen wieder geöffnet – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen sind wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

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