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Schutz von GrünflächenDie Friedhöfe in den Köpfen

Grüne und Linke wollen ehemalige Berliner Friedhöfe noch stärker als bisher vor Bebauung schützen. Ein Antrag im Umweltausschuss fiel aber durch.

Berlin liebt seine Friedhöfe – so viel ist klar nach der Anhörung im Umweltausschuss des Abgeordnetenhauses am Donnerstag. Durch die Bank betonten die VertreterInnen der Fraktionen, welchen Wert die Begräbnisstätten über ihre eigentliche Funktion hinaus haben: als grüne Orte der Stille und Erholung, als Hotspots der Biodiversität, als Klimaanlage in Zeiten zunehmender Hitze und als kulturhistorisch wertvolle Flächendenkmäler. Die offene Frage lautet wie schon seit Jahren: Wie streng sollten sie durch die Politik geschützt werden, wenn immer weniger Fläche für Bestattungen benötigt wird?

Quasi direkt vor dem Ableben des Ausschusses in seiner aktuellen Zusammensetzung – eine Anspielung, die sich Benedikt Lux (Grüne) nicht verkneifen konnte – kam diese Frage nun noch einmal auf den Tisch. Die Grünenfraktion hatte das Thema angemeldet, zugleich wurde über einen seit zwei Jahren unbehandelten Antrag der Linksfraktion abgestimmt. Dieser fordert den Senat auf, den Friedhofsentwicklungsplan (FEP) von 2006 zu überarbeiten und darin den Erhalt aller Flächen konsequent zu sichern.

Konkret solle das Land nicht mehr benötigte Begräbnisflächen im Regelfall ankaufen, um diese dauerhaft als Grünfläche, etwa in Form von Friedhofsparks, zu sichern. Alternativ könnten den Trägern der Friedhöfe öffentliche Mittel für die Grünpflege zur Verfügung gestellt werden. In jedem Fall solle bis zur Neufassung des FEP ein Planungsmoratorium gelten – damit würden Bauprojekte auf entwidmeten Friedhofsflächen vorerst gestoppt.

Wie zu erwarten, lehnten die Fraktionen von CDU und SPD den Antrag ab, die Grünen votierten dafür. Damit stellten Linke und Grüne schon einmal klar, wie ihre Position in etwaigen Koalitionsverhandlungen aussehen dürfte. Dass es sich nicht um ein völliges Randthema handelt, zeigt etwa der seit Jahren schwelende Streit um den Neuköllner „Emmauswald“: eine zugewachsene ehemalige Friedhofsfläche, auf der eine Tochter des Vonovia-Konzerns Wohnungen errichten will.

Dass es überhaupt einen Friedhofsentwicklungsplan gibt, liegt am geschrumpften Flächenbedarf für Begräbnisse: Mittlerweile handelt es sich zu rund 80 Prozent um Urnenbestattungen, auch in sogenannten Sammelgrabstätten, die viel weniger Platz beanspruchen. Die immer leerer werdenden Friedhöfe bringen die kirchlichen und bezirklichen Träger in die Bredouille, weil ihre Gebühreneinnahmen schrumpfen, die Kosten für die Pflege der Anlagen aber nicht im selben Maße sinken.

Der FEP versuchte, hier einen Kompromiss zu schaffen: Knapp ein Drittel der insgesamt rund 1.000 Hektar Friedhofsflächen – das Dreifache des Tempelhofer Feldes – soll über die Jahre stillgelegt und entwidmet werden. Das meiste bliebe als Grünfläche erhalten, bestimmte Teilflächen sollten aber insbesondere die kirchlichen Träger wie die evangelischen Friedhofsverbände verkaufen können, um Einnahmeausfälle zu kompensieren. An der Holländerstraße in Reinickendorf ist so bereits ein Wohnkomplex auf einem Teil des Golgatha-Gnaden-Friedhofs hochgezogen worden.

Grüne und Linke wollen ein Ende der Kompromisse. Er erwarte ein Bekenntnis von Umweltsenatorin Ute Bonde (CDU) zur „grünnahen Erhaltung“ von Friedhofsflächen, sagte Benedikt Lux. „Es muss Schluss sein mit dem Bauen.“ Rückendeckung bekam er von den Anzuhörenden: So betonte Janna Einöder vom Nabu die ökologischen Vorteile von Friedhöfen gegenüber anderen Grünflächen. Durch den geringeren Nutzungsdruck und die „hohe Strukturvielfalt“ gebe es jede Menge Lebensräume für Tierarten, gleichzeitig seien viele Friedhöfe deutlich älter als die viele Parks, was sich auch im Baumbestand widerspiegele.

Der langjährige Geschäftsführer der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Naturschutz (BLN), Manfred Schubert, warnte davor, diesen „Schatz für Mensch und Natur“ durch Bauprojekte zu gefährden. Er hoffe, dass diese im Fall des Emmauswalds – deren Planung die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung an sich gezogen hat – oder des Dreifaltigkeitsfriedhofs in Mariendorf noch gestoppt werden könnten.

Dass Friedhöfe noch mehr zu Erreichung von Zielen wie der „Schwammstadt“ beitragen können, erläuterte die scheidende grüne Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Clara Herrmann. An der Landsberger Allee sei schon vor Jahren eine Zisterne angelegt worden, in die das Niederschlagswasser von einem Neubau abfließt, das zur Bewässerung des Friedhofs genutzt wird. Ein ähnliches Projekt sei nun in Kreuzberg geplant: Auch dort soll der Großteil des Regenwassers, das auf dem stark versiegelten Polizeigelände an der Friesenstraße niedergeht, in einer Zisterne gespeichert und dann den Friedhöfen an der Bergmannstraße zugeführt werden.

Senatorin Ute Bonde sagte, der Linken-Antrag entspreche inhaltlich „weitgehend der Verwaltungspraxis“, eine „moderate Bebauung“ werde aber auch künftig nicht ausgeschlossen. Zurzeit arbeite ihre Verwaltung an einer Neufassung des FEP, die 2028 vorliegen solle. Schon anders klang da der umweltpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Danny Freymark. Er ganz persönlich betrachte die Berliner Friedhöfe – freilich: „in den Innenstadtbezirken“ – als „Geschenk“, und eine Bebauung würde ihren wichtigen Beitrag zur Grünversorgung beenden.

Gleichzeitig, so Freymark, könnte eine den Orten angemessene Nutzung noch zunehmen: „Wir müssen die Friedhöfe in den Köpfen der Menschen öffnen.“

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