Schulen in der Coronapandemie: Kreative Lösungen statt Basta

Die Wirklichkeit ist nicht so schlicht wie die Debatte über Schulen in der Pandemie: Wer für kleinere Klassen ist, ist nicht gegen Beschulung an sich.

Grundschüler*innen fassen an einen Baumstamm im Wald

Warum gehen Schulklassen nicht mal in den Wald, um sich abzulenken? Foto: Karsten Thielker

Möchten Sie schuld sein, wenn Zoe zu Hause verprügelt wird? Oder Amir keinen Abschluss macht? Dann halten Sie die Schnauze, wenn Sie denken, es ist falsch, bei hohen Infektionsraten 30 Schüler*innen mit einer Lehrkraft in einen Raum zu sperren. Sonst wird Ihr Ruf nach kleineren Klassen erhört und dann haben Sie Tausende Zoes und Amirs auf dem Gewissen.

Nach dieser Logik werden derzeit Forderungen nach Halbgruppenunterricht abgebügelt. Von Kultusminister*innen, linken Journalist*innen und teils auch Elternvereinen. „Soziale Teilhabe“ ist das Zauberwort, und „Bildungsgerechtigkeit“ und dazwischen wird von „schwierigen Familien“ und „Gewalt“ geraunt – was den Eindruck erweckt, es gehe Kindern in finanziell benachteiligten Familien automatisch schlecht und in den anderen gut. Und als wäre Schule ein gewaltfreier Raum.

Ab und an fällt jemand noch ein, dass es im Frühjahr nicht gut ankam, als Schule und Kita geschlossen wurden und Eltern ohne Betreuung dastanden. Das kann niemand wollen, oder?

Nein. Aber die Wirklichkeit ist nicht so schlicht, wie sie in der Debatte über Corona und Schulen erscheint. Wer für kleinere Klassen ist, ist nicht gegen Beschulung an sich. Wer im Frühjahr Mitleid für Verkäufer*innen aufbringen konnte, der kann sich heute auch um die psychische Gesundheit von Lehrkräften sorgen, die sich ausgeliefert fühlen.

An vielen Schulen kann von gere­geltem Unter­richt keine Rede sein

Es fehlt der Blick auf Facetten und der Wille zu kreativen Lösungen – die sind in einer Ausnahmesituation dringender gefordert als ein Festhalten am Altbekannten. Es beginnt bei der Behauptung, halbierte Gruppen bedeuteten, man brauche doppelt so viel Personal und Räume – oder müsse eine Hälfte nach Hause in den Online-Unterricht schicken. Mit den bekannten Reibungsverlusten, weil Leh­rer*in­nen die digitale Kompetenz fehlt oder Schüler*in­nen Geräte, Internet und Eltern, die ihnen helfen.

Wo bleiben kreativere Ideen?

Wie wäre es mit halb so viel Unterricht? Viele Lehrer*innen, Schü­ler*in­nen und Eltern sagen nach den Erfahrungen vor den Sommerferien, in kleineren Gruppen sei in kürzerer Zeit mehr hängen geblieben als in Massenveranstaltungen von 8 bis 16 Uhr.

Und wären jetzt nicht andere Kompetenzen gefragt als binomische Formeln und Konjugation? Warum gehen Schulklassen nicht in den Wald, auch um sich abzulenken von Ängsten und Unsicherheit? Oder ins Museum? Angeleitet von Kulturschaffenden und Vereinsaktiven, die wenig zu tun haben und zum Teil nichts verdienen? So ließe sich auch das eine oder andere Betreuungsproblem lösen.

Ist es wirklich unmöglich, individuelle Lösungen zu finden für Schüler*innen, die mehr Zeit in der Schule brauchen – aus welchen Gründen auch immer? Derzeit sind Schulleitungen bis in die Nacht damit beschäftigt, Unterricht zu planen, bei Ausfall von Pädagog*innen und wechselnder Quarantäne. Wenn sie nicht gerade Listen zusammenstellen, wer wann neben wem gesessen hat und infiziert sein könnte.

Denn das wird ja auch gerne übersehen: An vielen Schulen kann von geregeltem Unterricht keine Rede sein. Überproportional betroffen sind die in Brennpunktvierteln. Die Kids dort werden mit Bildung beglückt – und einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt.

Zudem fehlt der Nachweis, dass unser Bildungssystem geeignet wäre, einer breiten Masse – nicht nur Einzelnen mit Glück und Hilfe – Aufstiegschancen zu ermöglichen. Wer jetzt von Bildungsgerechtigkeit redet, darf das Gymnasium abschaffen, wenn nicht gleich Schule an sich. Und einräumen, dass Bildung nicht alle Probleme löst.

Es wäre gut, wenn all diese Aspekte auch in den Blick genommen werden – anstatt eine Bastapolitik zu verteidigen, die sich stur gegen geteilte Klassen und damit mehr Sicherheit – und sei es nur eine gefühlte – für die Betroffenen wehrt.

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Seit 2003 bei der taz als Redakteurin und Chefin vom Dienst in Bremen. Themenschwerpunkte: Soziales, Gender, Gesundheit. M.A. Kulturwissenschaft (Univ. Bremen), MSc Women's Studies (Univ. of Bristol); Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin; Lehrbeauftragte an der Univ. Bremen; 2019 Weiterbildung zur Familienberaterin.

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