Umgang mit Kindern in der Coronakrise: Fragt die Kleinen!

Viele Eltern wollen ihre nervigen Rotznasen schnell wieder abgeben. Aber vermissen die Kinder die Kita überhaupt?

vier Kinder spielen auf einem Hinterhof mit einem Ball

Es muss nicht immer die Kita sein Foto: Lee Smith/reuters

Alle Coronamaßnahmen sind aus Erwachsenensicht gedacht. Darauf hat zuletzt der Dachverband der kinder- und jugendmedizinischen Gesellschaften hingewiesen. „Kinder werden nicht als Personen mit ebenbürtigen Rechten gesehen, sondern als potenzielle Virusträger“, schreibt der Verband. Wegen ihrer vermeintlichen Gefährlichkeit müssen sie zu Hause bleiben, wo sie die Eltern im Homeoffice nerven.

Wenn man die kleinen Virenschleudern wieder in Schule und Kindergarten schickt, dann zu deren Entlastung – und zur Freude der Wirtschaft. Der Verband hat recht, denkt aber Kinder nicht konsequent als handelnde Subjekte, wenn er die Öffnung von Schulen und Kitas zum Wohl der Kinder fordert. Ja, sie vermissen ihre Freund*innen, und das Lernen ist für die meisten zu Hause schwer bis unmöglich.

Und ja, es gibt Kinder, denen die festen Strukturen und regelmäßigen Mahlzeiten gut tun, die mit Pädagog*innen Bindungserfahrungen machen, die ihre eigenen Eltern ihnen nicht geben können. Aber wie viele vermissen die Institution Schule oder Kita?! In Deutschland hält sich hartnäckig das Gerücht, es sei der Entwicklung dienlich, am besten ab dem Alter von einem Jahr den halben bis Dreivierteltag in lärmigen Masseneinrichtungen ohne Rückzugsmöglichkeiten eingesperrt zu sein.

Zwar werden immer wieder Studien publiziert, nach denen eine qualitativ schlechte Betreuung vor allem Kleinkindern schaden kann. Aber darüber wollen nur die sprechen, die finden, dass Frauen an den Herd gehören. Bekannt ist auch, dass Kinder erst mit durchschnittlich drei Jahren vom Zusammensein mit Gleichaltrigen profitieren. Aber das volle Elterngeld wird eben nur im ersten Lebensjahr gezahlt. Oder dass Lärm gesundheitsschädlich ist und auch das kindliche Gehirn Pausen braucht.

Und jetzt ist Corona, und viele Eltern erleben ihre Kinder als entspannter als sonst. Vorausgesetzt, sie sind selbst halbwegs entspannt, haben keine Geldsorgen oder stehen nicht als alleinerziehende Verkäuferin ohne Betreuung da. Mit­ar­bei­te­r*in­nen aus der Familienhilfe wundern sich darüber, dass sogar die schon in normalen Zeiten schwer belasteten Familien nicht so schlecht (miteinander) klarkommen, wie sie befürchtet hatten – auch wenn sie es erst sicher wissen, wenn sie sie wieder regelmäßig sehen.

Vielleicht genießen die Kinder die Zeit zu Hause

Aber vielleicht genießen Kinder die Zeit mit ihren Eltern? Ich behaupte nicht, dass es überall optimal läuft und Kindergärten und Schulen bis in alle Ewigkeit dicht bleiben können. Aber wenn man darüber redet, was „nach Corona“ besser werden soll, könnte man auch Kinder fragen. Vielleicht wären sie froh, Gleichaltrige nicht nur in Ghettos wie Spielplatz und Kindergarten zu treffen.

In einer kindgerechten Welt müsste die Grünen-Vorsitzende Annalena Baerbock nicht wie jüngst im taz-Interview beklagen, dass ihre Töchter niemanden zum Spielen hätten, weil der Kindergarten zu ist. Dann könnten sie einfach vor die Tür treten, und da wären andere Kinder. Keine 100, mit denen sie Viren austauschen, sondern ein, zwei, drei.

Kein Spielplatz müsste geschlossen werden, wo Kinder auf begrenztem Raum hinter Zäunen zu Dutzenden spielen – weil sie auf der Straße unterwegs wären, mit großem Abstand zueinander. Weil niemand mehr als 20 Stunden in der Woche arbeiten müsste, würden Eltern nicht mehr nach der Arbeit zum Kindergarten hetzen, um ihre nach acht Stunden Halligalli ebenfalls gestressten Kinder abzuholen. Statt Geschrei gäbe es, frei nach Grönemeyer, Erdbeereis.

Es gibt eine Verordnung, die die Auslauffläche für ein Bio­huhn festschreibt. Nicht aber, wie viel Platz ein Kind braucht

In der Pandemie gibt es solche Ausblicke auf schönere Zeiten. Und wie wäre es, wenn Kindergärten und Schule nicht mehr Feuerwehr wären für die Kinder der Übriggebliebenen dieser Gesellschaft? Wenn es denen so gut ginge, dass sie keine Drogen mehr nehmen müssten, keine Schulden hätten und ihren Kindern gute Eltern sein können? Zu utopisch?

Dann könnte man damit beginnen, die Größen von Kitagruppen an den Bedürfnissen von Kindern auszurichten – und nicht an dem, was eine Gesellschaft für die Betreuung auszugeben bereit ist. Nach einer aktuellen Erhebung der Bertelsmann-Stiftung liegt die durchschnittliche Gruppengröße in Deutschland bei 21 Kindern. Kindgerecht wären acht bis zehn Kinder, sagt die Entwicklungspsychologin Fabienne Becker-Stoll, Direktorin des bayrischen Staatsinstituts für Frühpädagogik. Sie hat zig Kindertagesstätten von innen gesehen.

Oft viel zu große Kindergruppen

„Da war alles dabei, von sehr guter Qualität bis sehr schlecht“, sagt Becker-Stoll, „manche kindeswohlgefährdend.“ Nicht wegen baulicher Mängel oder veralteter Materialien. Ob Kinder sich wohlfühlen, stehe und falle mit den Erzieher*innen und deren Fähigkeiten, auf die Kinder feinfühlig einzugehen, sagt sie. Die gute Nachricht: „Das kann man lernen.“

Natürlich müssten so viele Erzieher*innen in den Gruppen eingesetzt sein, dass diese auch die Zeit hätten, sich mit den individuellen Interessen der Kinder zu beschäftigen. Eine Fachkraft für fünf bis sechs Drei- bis Sechsjährige wäre gut, sagt Becker-Stoll. Die beste Kind-Fachkraft-Relation hat nach Auswertungen der Bertelsmann-Stiftung Baden-Württemberg mit einer Fachkraft für 9,4 Kinder, in Mecklenburg-Vorpommern sind es 17,6.

Das Verhältnis liegt auch daran, dass es, wenn es um Kinder geht, meistens nur Kann-Bestimmungen gibt, die so angepasst werden können, wie es den Kommunen passt. Es gibt in Deutschland eine Verordnung, die die Auslauffläche für ein Huhn festschreibt. Nicht aber, wie viel Platz ein Kindergarten- oder Schulkind braucht, um sich entfalten zu können. Vor Lärm sollen DIN-Normen schützen – aber ob die Grenzwerte eingehalten werden, ist dem Zufall überlassen.

Kinder nehmen die Dinge so, wie Erwachsene sie ihnen vorsetzen, weil sie von ihnen abhängig sind. Umso wichtiger ist es, sie zu fragen, was sie eigentlich wollen. In der Krise und danach.

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Seit 2003 bei der taz als Redakteurin und Chefin vom Dienst in Bremen. Themenschwerpunkte: Soziales, Gender, Gesundheit. M.A. Kulturwissenschaft (Univ. Bremen), MSc Women's Studies (Univ. of Bristol); Alumna Heinrich-Böll-Stiftung; Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin; Lehrbeauftragte an der Univ. Bremen; seit 2019 in Weiterbildung zur systemischen Beraterin.

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