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Schneesturm und ExtremwetterBitte, „Elli“ – schnei mich ein

Das Sturmtief sorgt für Schulausfälle, es droht Chaos auf den Straßen. Was die einen verängstigt, ist für andere ein Segen.

D ie US-amerikanische Ostküste erfasste im Jahr 1888 ein Schneesturm von einem Ausmaß, das sonst eher in Katastrophenfilmen zu sehen ist: In wenigen Tagen fielen 1,5 Meter (!) Schnee, dazu bliesen eisige Winde.

Weil der „Great Blizzard of 1888“ für viele Menschen nicht nur ungemütlich, sondern tödlich verlief, herrscht in den USA seitdem eine gewisse Schneesturmneurose. Als ich 2017 dort studierte, gab die Stadt New York einmal eine Blizzardwarnung heraus. Schulen und Universitäten blieben geschlossen, der Nahverkehr eingeschränkt. Am nächsten Tag fielen vielleicht 15 Zentimeter Schnee. Trotzdem blieb eine der geschäftigsten Städte der Welt mit ihren knapp acht Millionen Einwohner*innen effektiv lahmgelegt.

Statt zur Arbeit gingen die New Yorker*innen Iglus im Park bauen. Das Wohl der Leute war dabei nebensächlich, wie ich später lernte. Vielmehr verzichteten Unternehmen auf Produktivität, um nicht für die zu erwartenden Versicherungskosten durch Arbeitswegunfälle aufkommen zu müssen.

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Welch meteorologische Schwachstelle im System, dachte ich. Getrübt wurde meine revolutionäre Begeisterung zurück in Deutschland, wo Eltern ihre Kinder zur Not auf Skiern in die Schule schicken würden und der Stolz darüber, sich selbst immer noch rechtzeitig an den Arbeitsplatz geprügelt zu haben, bei extremen Temperaturen nur weiter zu wachsen schien.

Schon Verspätung kann bestraft werden

Bis jetzt? Diese Woche verschaffte Sturmtief „Elli“ Deutschland Temperaturen von bis zu minus 20 Grad Celsius. In Hamburg und Bremen blieben Schulen ob der Witterung geschlossen. Die Deutsche Bahn kündigte „Einschränkungen im Fernverkehr“ an, blieb aber eine Erklärung schuldig, inwieweit diese vom gegenwärtigen „Normalbetrieb“ abweichen.

„Darf ich jetzt einfach zu Hause bleiben?“, fragte das Magazin Der Spiegel und gab prompt die Antwort qua Arbeitsrecht: Natürlich nicht. Für jede verspätet angetretene Minute dürfe der Arbeitgeber „normalerweise“ den Lohn kürzen. Und wer Deutschland kennt, der weiß: Kein Horror ist singulär genug, als dass er hier nicht als irgendwie „normal“ verstanden werden könnte.

Auch 2026 rettet uns also niemand vor der Arbeit. Dafür bietet das Sturmtief für Linke die seltene Gelegenheit, doch mal einen Wunsch an den Himmel zu richten: Bitte, „Elli“ – schnei mich ein.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Konstantin Nowotny

Konstantin Nowotny Autor

Seit 2013 freier Journalist, seit 2022 bei der taz. IJP-Fellow (Tel Aviv, 2021). DAAD-Stipendiat (New York City, 2016/17). Themen u.a.: Pop & Punk, Kapitalismus & Kultur, Rechte & Linke. Berlin/Leipzig
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