Schließung des Görlitzer Parks in Berlin: Nicht ganz dicht
Trotz einer Protestkundgebung schließen sich die Tore im Görli am Sonntagabend zum ersten Mal. Doch besonders stabil wirkt der Zaun nicht.
Um 22.04 Uhr knipst die Polizei im Görlitzer Park das Flutlicht an. Und als wäre das das Signal, auf das die Menschen hier gewartet haben, flammt kurz, sehr kurz, so etwas wie kämpferische Stimmung auf. Eine Feuerwerksrakete zischt in den sternenklaren Himmel, es knallt, ein Sprechchor ertönt: „Bullenschweine, raus aus dem Görli!“ Er verhallt in der Nacht.
Wenige Minuten zuvor war die Kundgebung vor dem alten Lokschuppen pünktlich und planmäßig beendet worden. Denn 22 Uhr heißt seit Sonntagabend für das Kreuzberger Naherholungsgebiet: Einschluss. Und für alle, die sich noch im Görli aufhalten, Ausschluss. Die lang angekündigte und diskutierte nächtliche Schließung des Görli beginnt.
Tatsächlich kommt zu dem Zeitpunkt am Sonntagabend bereits niemand mehr rein. Zwar sind die Metalltore zunächst noch weit geöffnet, doch vor jedem Eingang haben Polizist*innen Stellung bezogen. Es gibt erste Diskussionen. Eine Fahrradfahrerin will den Park auf ihrem Heimweg durchqueren. Aber der Trupp vor dem Tor lässt nicht mit sich reden. Allgemeinverfügung ist nun mal Allgemeinverfügung: „Sie müssen außenrum“.
Drinnen sind da noch um die 200 Menschen. Junge Leute mit Kufija, alte Kreuzberger Punks, einige haben ordentlich einen sitzen, andere kicken einen Fußball herum. Der riesige Kai-Wegner-Gartenzwerg aus Pappmaché ist auch da, begleitet von Demonstrant*innen in Lama-Figuren, einer hat sich in einen knallorangenen, überlebensgroßen BSR-Mülleimer gezwängt. „Darf ich mal kurz durch?“, fragt ein Anwohner auf seinem Plakat.
Sie sind die frierenden Verbliebenen nach gut zweieinhalb Stunden Musikkundgebung, der mittlerweile sechsten Veranstaltung von „Rave against the Zaun“. Die maßgeblich von dem Produzenten Marcus Staiger ins Leben gerufenen Veranstaltungen hatten immer wieder tausende Menschen in den Park gezogen, mit Musicacts von K.I.Z. über Tiefbasskommando bis Teuterecordz.
Autonome, Grüne und Linke
Die kurzfristig organisierte Kundgebung am Sonntag hat nicht nur eine kleinere und damit leisere Anlage und weniger prominente Acts aufgefahren, sie unterscheidet sich auch in ihrem politischen Ausdruck. Auf die sonst üblichen DKP- und Kuba-Fahnen auf der Bühne wurde verzichtet, stattdessen sucht man den Schulterschluss mit Grünen und Linken, die jeweils mit mobilen Ständen vor Ort sind. Auch Moderator Ari, langjähriger Redner bei der autonomen 1. Mai-Demo, kommt nicht umhin, die Bedeutung dessen, wer regiert und Entscheidungen trifft, anzuerkennen. Man werde ihm diesen Satz ewig nachtragen, sagte er augezwinkernd, gefolgt von dem Aufruf: „Geht bitte wählen. Kai Wegner muss weg.“
Der Zulauf blieb dann auch weit hinter dem der bisherigen Veranstaltungen zurück. Erst vergangene Woche war bekannt geworden, dass die vor zweieinhalb Jahren von CDU und SPD beschlossene nächtliche Schließung des Görlitzer Parks am 1. März wirklich vollzogen werden soll.
Im Licht des Beinahe-Vollmonds und der neuen Parkbeleuchtung versammeln sich am Sonntag bis zu 500 Menschen zwischen Lokschuppen und ehemaligen Pamukkale-Brunnen. Der Platz wirkt wie ein Amphitheater, etwas erhöht steht ein kleines Zelt. Von dort muss Ari verkünden, dass der Hauptredner des Abends, der Linken-Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak, leider krank geworden sei. Zum Glück aber sei der Rapper Sero hier, „der praktikumsmäßig bei Ferat im Bundestag arbeitet und dessen Redebeitrag jetzt a cappella rappt.“
Görli 24/7
„Ein Zaun ist kein Sicherheitskonzept, sondern Ablenkung“, liest Sero dann ab. „Sicherheit entsteht, indem wir füreinander einstehen. Sicherheit bedeutet Frauenhäuser, Jugendclubs und Sozialarbeit.“ Die Menge johlt und ruft: „Der Zaun muss weg!“
Doch jetzt ist der Zaun erst einmal da – hat aber laut der Gruppe „Görli 24/7 “ den ein oder anderen Konstruktionsfehler. „Viele Bauwerke im Görli sehen stabiler, aus als sie es sind, andere sehen instabil aus und sind es auch“, berichtet ein Redner der Menge. Ihm liege aber nichts ferner, als zu Straftaten aufzurufen. Muss er auch gar nicht: Zwei Nächte zuvor wurden gleich mehrere Eingänge beschädigt. Ein Tor in Richtung Glogauer Straße wurde dabei so aus den Angeln gehoben, dass es seiner Funktion beraubt ist. Am Sonntagabend ist es mit rot-weißem Absperrband umwickelt und von Polizist*innen bewacht.
Auf der Bühne wechseln sich mehrere Musikacts ab, gemeinsam aufgeführt wird ein basslastiges Playback des Rauch-Haus-Songs von Ton Steine Scherben. „Das ist unser Park, schmeißt doch endlich Wegner und Gaebler und Spranger aus Kreuzberg raus“, singt der spontan gebildete Chor von eilig verteilten Blättern ab. Der letzte geplante Redner muss sich dann gedulden, die Organisator*innen wollen lieber, dass eine DJ mal ein bisschen Techno auflegt. Es wummert durch den Park, der stramme Takt hebt die Stimmung.
Für die letzte Rede bleiben anschließend noch drei Minuten. Der Wissenschaftler ist gerade noch dabei zu erklären, wie er Rassismus in den Reihen der Polizei erforscht hat, da muss ihm der Veranstalter den Ton abdrehen.
Und dann: Flutlicht an und Bahn frei für den privaten Sicherheitsdienst, der im Auftrag der Senatsumweltverwaltung den Görli verriegeln soll. Von den Demonstrant*innen unbemerkt machen sich die vier Männer in Begleitung eines Schäferhunds und einiger Polizist*innen zunächst an den Toren entlang der Görlitzer Straße zu schaffen. Eins nach dem anderen verschließen sie mit Ketten, die aussehen wie mittelgute Fahrradschlösser. Ob das was bringt, ist mehr als fraglich. Unterhalb einiger Tore ist eine Lücke von geschätzt 40 Zentimetern, darunter durchrobben wäre nicht schwer. Andere Eingänge sind so schlecht gebaut, dass zwischen geschlossenen Torflügeln Lücken bleiben, groß genug, um sich hindurchzuzwängen. Ob der Zaun die zwei Millionen Euro wert ist?
Als ein Fotograf, der auch für die taz tätig ist, die Security-Männer bei der unliebsamen Arbeit fotografiert, blenden die ihn mit einer Taschenlampe und bauen sich vor ihm auf. „Benehmen Sie sich“, motzen sie ihn an. Die Nerven sind angespannt.
Am Ende bleibt das von den Zaungegner*innen angekündigte Katz-und-Maus-Spiel aus. Gegen 23 Uhr sind die meisten Tore verschlossen. Am Pamukkale-Brunnen ringen Polizisten einen jungen Mann zu Boden, es bleibt die einzige Festnahme am Abend.
Derweil staut sich eine illustre Karawane am Ausgang Richtung Lübbener Straße: Der Wegner-Gartenzwerg passt nicht durch das Drehkreuz, das Tor ist bereits verriegelt. „Man soll doch hier raus. Könnt ihr mal aufschließen“, ruft der Zwerg den Polizist*innen auf der anderen Seite zu. Doch die haben keinen Schlüssel für das Fahrradschloss. „Der Görli geht nicht auf“, beklagt eines der Lamas. Auch der BSR-Mülleimer ist hier gestrandet. Der Görlitzer Park ist zu, und Kai Wegner findet den Ausgang nicht.
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