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Schlechte ArbeitsbedingungenGrüne fordern harte Hand gegenüber Plattformen

Stärkere Kontrollen und Beratungsangebote: Mit einem Maßnahmenkatalog wollen die Grünen den Missständen bei Lieferando, Uber, Wolt und Co begegnen.

Fährt zunehmend unter prekären Bedingungen: Ein Beschäftiger bei der Plattformfirma Lieferando Foto: Sebastian Gollnow/dpa

Kriminelle Subunternehmer, die nicht einmal Mindestlohn zahlen, Lieferkuriere, die bei längerer Krankheit gefeuert werden, von einem Boss, der nur eine anonyme Handynummer ist: Bislang scheint das Land Berlin den sich zunehmend verschlechternden Arbeitsbedingungen bei Plattformunternehmen wie Lieferando, Wolt und Uber nur wenig entgegensetzen zu können. Die Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus schlägt nun mit einem Positionspapier Maßnahmen vor, mit denen der Senat die Situation der Beschäftigten deutlich verbessern könnte.

„Was wir im Augenblick in Berlin für diese Menschen tun, ist vollkommen unzureichend“, sagt Fraktionschef Werner Graf zum Auftakt der Pressekonferenz am Dienstag. Der Senat mache es sich zu einfach und hoffe, dass die Missstände der Branche durch neue Regelungen im Bundesrecht beseitigt werden, so die Kritik der Grünen. „Wir sind als Land nicht handlungsunfähig, sondern könnten deutlich mehr tun“, sagt Graf, der auch Spitzenkandidat seiner Partei für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September ist.

Ein Schwerpunkt des Maßnahmenpapiers mit sieben Punkten ist demnach, eine EU-Plattformrichtline auf Landesebene gründlich umzusetzen. Die 2024 vom EU-Parlament beschlossene Vorgabe legt Grundprinzipien zur Regulierung von Plattformarbeit fest. Bis Ende 2026 muss sie von den Mitgliedsstaaten in nationales Recht umgesetzt werden. Laut der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage aus dem April arbeitet das Bundesministerium für Arbeit und Soziales an einem Referentenentwurf.

Die Grünen werfen der schwarz-roten-Koalition von Regierungschef Kai Wegner (CDU) vor, die Umsetzung auf Landesebene zu verschlafen. „Auf die Behörden kommen Aufgaben zu, auf die sie weder personell noch finanziell vorbereitet sind“, sagt Christoph Wapler, arbeitspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion.

Stärkere Kontrollen

Beispielsweise sieht die EU-Richtlinie eine „Beschäftigungsvermutung“ vor. Sobald Menschen für eine Plattform wie Lieferando, Uber oder Helpling arbeiten, gehen die Behörden davon aus, dass die Beschäftigten direkt bei den Plattformunternehmen angestellt sind. Ist dem nicht so, müssen die das Gegenteil beweisen.

Für das zuständige Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit (Lagetsi) bedeutet das mehr Aufwand und neue Prozesse. Mit einer höheren personellen und finanziellen Ausstattung soll die Behörde nicht mit der Umsetzung allein gelassen werden.

Doch Berlin müsse nicht auf die Plattformrichtlinie warten, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern, sagen die Grünen. Einen weiteren Hebel sehen sie in einer konsequenten Kontrolle und Umsetzung bestehender Regelungen. Zum Beispiel sei es nach Fahrpersonalgesetz verboten, Anreize für besonders schnelle Lieferungen zu vergeben. Die Sanktionsmaßnahmen für die Unternehmen sollten dabei „bis hin zu einem Betriebsverbot“ verschärft werden, schlägt Wapler vor.

Teile der Lieferbranche sind komplett durch Subunternehmen organisiert, die keine Gesetze befolgen

Joanna Bronowicka, Soziologin

Auch soll es mehr Beratungsangebote für Beschäftigte geben. Neben mobilen Angeboten sollen auch private Hochschulen in die Pflicht genommen werden, Studierende über ihre Rechte aufzuklären. Betroffen von den Missständen seien vor allem ausländische Studierende, die schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben und an Privatunis studieren.

Hoffnungsträger Direktanstellung

In den letzten Jahren habe sich die Situation der Beschäftigten von Plattformunternehmen massiv verschärft, berichtet die Soziologin Joanna Bronowicka. „Teile der Lieferbranche sind komplett durch Subunternehmen organisiert, die keine Gesetze befolgen“. Die meisten dieser Praktiken seien bereits illegal, allerdings schafften die Behörden es kaum, Schritt zu halten. In manchen Branchen brauche es daher einen gezielteren Ansatz.

Große Hoffnungen liegen deshalb derzeit auf einem Direktanstellungsgebot auf Bundesebene. Eine ähnliche Regelung gibt es bereits seit 2021 in der fleischverarbeitenden Industrie. Auch dort war die systematische Ausbeutung migrantischer Beschäftigter die Regel. Hier fordern die Grünen, sich auf Bundesebene weiter für die Einführung einer solchen Regelung starkzumachen. Laut der Antwort auf die parlamentarische Anfrage aus dem April „prüft“ die Bundesregierung derzeit eine solche Maßnahme.

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5 Kommentare

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  • 1) Die geforderten Massnahmen kosten das Land Berlin relativ viel Geld und bringen keinerlei Mehreinnahmen.

    2) Die Umsetzung der Massnahmen wird zu einer Verteuerung der Dienstleistung und damit zu einem Umsatzrückgang führen. Selbstverständlich ist das Argument zulässig, dass es darum nicht schade wäre, nur wären bei genauerer Betrachtung vom Wegfall der Helferjobs überwiegend ungelernte Migranten betroffen (sowohl auf dem Rad als auch in der Küche) und das würde sich dann in der Bürgergeldstatistik niederschlagen.

    Und damit 3): Was soll das also?

  • Die GRÜNEN sollten diese Forderung in allen Ländern aufstellen und konsequent nachverfolgen, was daraus wird. Dann müssten Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werden (können), die sich dem EU Recht widersetzen. Von csdU oder sPD ist eine derartige Initiative nicht zu erwarten.

  • Es ist immer das gleiche.



    Es gibt hier sehr umfassende gesetzliche Regelungen, sehr detailliert ausgearbeitet.



    Aber bei der Durchsetzung hapert es. Umgekehrt in anderen westlichen Ländern (zB Niederlande, USA, Spanien) - da gibt es zT weniger und weniger umfangreiche Regelungen, aber diese werden dafür sehr konsequent durchgesetzt.

    • @T-Rom:

      Das ist genau die richtige Beschreibung: Konsequenz ist in D eine selten erlebte Entwicklung. Es ist ein massives Übel, das extrem viel Bürokratie zur Folge hat. Vermutlich liegt es daran, dass viele Entscheidungen aus Feigheit getroffen werden, es KÖNNTE ja Ärger geben und die Karriere gefährden, also macht man lieber Wischiwaschi. Genau dadurch entsteht Frust allenthalben in der Gesellschaft und das wird dann von der agD für Hetze genutzt und die davon profitiert.

  • Es völlig klar und unvermeidlich, dass dieser Ansatz bei hohem Aufwand in der Realität weitgehend ins Leere laufen wird.



    Es ist immer wieder schade, dass sie GRÜNEN ihr eigenes Grundsatzprogramm missachtend sich nicht für ein Grundeinkommen für alle stark machen, welches nämlich Menschen in die Lage versetzen würde, einfach jede Art von unzumutbarer Arbeit abzulehnen. Statt die "kleinen Leute" systematisch zu empowern, versucht man immer wieder top-down irgendwelche Missstände abzustellen, die sich aus der Vogelperspektive aber kaum vollständig greifen lassen.

    Sehr lesenswert dazu ist das 4. Kapitel:



    'Unmaking Goliath': Work and economic democracy



    im aktuellen Buch:



    States of Solidarity: How to Build a Society



    der Wiener Politikwissenschaftlerin Prof. Barbara Prainsack



    academic.oup.com/book/61834