Germaine Acogny im Radialsystem Berlin: Den Blick auf die Seele lenken
Der Körper als Ort der Neuerfindung: Germaine Acogny, Pionierin des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes, zeigte in Berlin eine Soloperformance.
Am Anfang ist der Blick. Germaine Acogny lässt sich Zeit, um Kontakt zum Publikum herzustellen. Es erblickt sie: kraftvoll und muskulös, im langen schwarzen Kleid, standhaft zurückblickend. Dann erst beginnt sie ihren Tanz in Stille: in ihre Handfläche schauen, sich an den Schädel klopfen, mit zwei Fingern Botschaften auf die Erde und in die Luft zeichnen. Das gelbe Kissen liebkost sie ein wenig kindlich, ein wenig mütterlich. Ihr zwischen Jugend, Weisheit und Fratze changierendes Gesicht lässt die hohe Zahl, die ihr Alter im Begleitflyer beziffert, verblassen.
In ihrem Solo „Somewhere at the Beginning“, Auftakt-Performance der bis Februar 2027 im Radialsystem laufenden Reihe „Unexpected lessons – Knowledges of Body and Sound“, schreitet die Tänzerin ihre eigene Geschichte ab und geht zugleich weit darüber hinaus. Sie ist es, die auf der Bühne vibriert, sich auf die Brust schlägt, inmitten von videoprojizierten Baobab-Bäumen ihre Arme schwenkt: die weltberühmte Tanzikone, geboren in Dahomey, dem heutigen Benin, aufgewachsen in Senegal, ausgebildet in Frankreich. Mit ihrer aus afrikanischen und europäischen Einflüssen erwachsenen „Germaine-Acogny-Technik“ und ihrer eigens gegründeten Tanzschule „École du sable“ in Senegal gilt sie als „Mutter“ des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes.
Zugleich tritt sie als ihre Großmutter Aloopho auf, Yoruba-Priesterin, für deren Reinkarnation sie bei ihrer Geburt gehalten wird. Später versucht sie, als Schwarze Medusa das Kissen zu verkaufen und zerreißt es schließlich, wird zur Kindesmörderin. Sie tanzt als Erbin anzestralen Wissens und gegen den patriarchalen und kolonialen Blick an.
Den Blick des Anderen auf den Schwarzen Körper zu ändern, sei der Kampf des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes. Das erklärt sie mit ihrem Sohn Patrick Acogny in Greta-Marie Beckers Dokumentation „Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes“, die im Anschluss an die Performance Berlinpremiere feiert. Nicht den Körper solle der Tanz enthüllen, sondern die Seele.
Irrationalitäten des kolonialen Blicks
So ist auch „Somewhere at the Beginning“ Antwort auf Irrationalitäten des kolonialen Blicks, stellt sich der ins Jetzt überlaufenden Vergangenheit. Aber Germaine Acognys gewitzte Konter – die christlichen Missionare verschmausen doch selbst regelmäßig den Leib des Gottessohnes – und ihre lachende Rage lassen keine Zeit für Entsetzen oder gar Mitleid. Spielerisch brechen sie vorgelagerte Erwartungshaltungen auf.
Materialisiert ist der Streitpartner in der Vaterfigur Togoun Servais Acogny, dessen Schriften auf einen dünnen Fadenvorhang projiziert erscheinen. Wachsendes Unverständnis ihm gegenüber bindet Germaine enger an Aloopho, aber auch an ihr reiches kulturelles Vermächtnis. Sie klagt an: warum er im Senegal zum Verwalter französischer Kolonialisten wurde, die animistische Religion zugunsten des Christentums verließ, „Mein Kampf“ mit Eifer las, in seinen eigenen Worten, „Hitleranhänger und Hitlergegner“ zugleich wurde. Warum er sich nicht mehr gewehrt hat gegen die Kolonisierung seines Denkens.
Die schmerzvolle Widersprüchlichkeit in seinem Versuch der Assimilation, die eigene Kultur zu verleugnen und zugleich selbst von Weißen rassifiziert zu werden, verflacht jedoch in der Aufzählung seiner Fehltritte. Und diese ist nur eine von vielen: für Männer reservierte Polygamie im heutigen Senegal, sinkende Boote auf dem Weg nach Europa, zerstörte Bäume in KI-Ästhetik, all das und mehr findet seinen Platz im Stück.
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„Somewhere at the Beginning“ nimmt bekannte Narrative auf, führt die Fäden jedoch kaum zusammen oder zu Ende. Das mag ein gezielter Bruch mit Hoffnungen auf lineare Erzählungen sein. Der schnelle Sprung zwischen Fragmenten hält das Publikum aber emotional unnötig auf Distanz von den Bühnenfiguren. Dass allerdings diese Ansicht nur einem singulären Blick entspringt, verraten die vielen sich erhebenden Körper am Ende.
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