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Satirethriller „Good Boy“Der gute Junge und die schlechte Aufmerksamkeit

Können Menschen sich ändern? Jan Komasas Satirethriller „Good Boy“ interessiert sich vor allem dafür, welche Form von Aufmerksamkeit sie dazu brauchen.

Ausgerechnet Wilhelm Busch drängt sich als Referenz für den neuen Film von Jan Komasa auf. „Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge“, notierte der deutsche Dichter und Zeichner einst. Im Kern denkt nun auch der polnische Filmemacher über Aufmerksamkeit nach: über das Heil, das in ihr liegen kann, und das Unheil, das bisweilen aus ihr erwächst, wenn sie für das Falsche gewährt wird.

Zunächst aber führt eine andere Spur zu Wilhelm Busch. Denn Jan Komasas satirischer Thriller erinnert bei aller zeitgenössischen Zuspitzung nicht zuletzt an „Max und Moritz“, an die Geschichte über zwei Lausbuben, deren Streiche ein ganzes Dorf in Aufruhr versetzen – und die die unerbittliche Konsequenz ihres Tuns erfahren. Auch „Good Boy“ konzentriert sich auf eine verhängnisvolle Dynamik aus Verfehlungen und grausamen Strafen und bedient sich dabei schulmeisterlicher Motive.

Jan Komasas „Lausbub“ heißt Tommy (Anson Boon), ist ein gerade noch jugendlicher Brite und wird in einer atemlosen Auftaktmontage durch die Exzesse einer Partynacht vorgestellt. Trinkend, prügelnd, jede verfügbare Droge einwerfend, zwischen dröhnenden Boxentürmen schnellen Sex habend, an Bushaltestellen pinkelnd und pöbelnd taumelt er durch Clubs und Straßen – bis er im Licht eines Autoscheinwerfers zusammenbricht und sein Martyrium beginnt.

Der Film

„Good Boy – Wir wollen nur dein Bestes“. Regie: Jan Komasa. Mit Anson Boon, Stephen Graham u. a. Polen/Vereinigtes Königreich 2025, 110 Min.

Wenn „Good Boy“ ihn dann das nächste Mal zeigt, ist Tommy wortwörtlich an die Leine genommen. Von der Decke eines muffigen Kellerraums hängt eine schwere Kette, die in eine eiserne Halsfessel mündet und ihm gerade genug Spiel lässt, um sich auf eine dünne Matratze zu kauern. Sein Entführer wiederum trägt Perücke und Goldrandbrille, ist mit Pfefferspray und Taser ausgestattet, heißt Christopher (Stephen Graham) und ist Familienvater, wie sich zeigt. Seine blasse Frau Kathryn (Andrea Riseborough) und den zehnjährigen Sohn Jonathan (Kit Rakunsen) spricht er meist nur mit „Prinzessin“ respektive „Sonnenschein“ an.

Die Strafe folgt sogleich

So skurril diese Konstellation auch klingen mag, so erstaunlich schnell stellt sich fast schon familiäre Alltäglichkeit ein. Zwar versucht Tommy zu fliehen, doch das abgelegene Herrenhaus, umgeben von weiten Wiesen, verschluckt seine Schreie ebenso wie lange jede Hoffnung auf Rettung.

Dass man sich auch als Zuschauer bereitwillig auf dieses groteske Szenario einlässt, liegt nicht zuletzt daran, dass „Good Boy“ weitgehend auf die erwartbaren Schockbilder körperlicher Folter verzichtet. Stattdessen stehen Achtsamkeitskassetten und Aufklärungsvideos auf dem Programm. Über einen alten Röhrenfernseher flimmern etwa stundenlang Videos über die Gefahren von Drogen und Trunkenheit am Steuer.

Die Strafe, die für Tommy vorgesehen ist, hat also mehr von einem Nachsitzen, von spröder Verkehrserziehung und schließlich auch erzwungener Selbstreflexion. Vor allem in Letzterer streift Jan Komasa die interessantesten Gedanken, die in „Good Boy“ stecken. Fast wie zwei enttäuschte Erzengel beim Jüngsten Gericht rahmen Christopher und Kathryn in einer Szene den Bildschirm, während Tommy mit den digitalen Spuren seiner Verfehlungen konfrontiert wird: Zu sehen sind die Tiktok-Videos, die den 19-Jährigen dabei zeigen, wie er betrunken Autos stiehlt und damit Unfälle verursacht, oder wie er einen jüngeren Schüler attackiert und demütigt.

Ins Bild rücken aber auch die Reaktionen darauf, die unzähligen Likes und Kommentare von Hunderttausenden von Nutzern. Bezeichnenderweise reagiert Tommy nicht erschüttert, sondern erinnert sich zuerst an die Klickzahlen, die ihm diese Momente eingebracht haben.

Hier wird deutlich, dass Jan Komasas Spitzen auf eine schale Aufmerksamkeitsökonomie zielen, in der Reichweite die zentrale Währung ist: Die sozialen Medien belohnen das Empörende, wodurch das Grausame oder auch einfach nur Hirnrissige oft die größte Resonanz erzeugt – und so derlei auch im echten Leben fördert.

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Trailer „Good Boy“

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Die längere Leine

Dieser negativen Aufmerksamkeit stellt „Good Boy“ allerdings eine andere, deutlich positivere Form gegenüber. Was Tommy letztlich verändert, ist Zuwendung, die ihm bislang offenbar gefehlt hat. Kathryn bringt ihm Literaturklassiker näher, und als Christopher die Leine lockerer werden lässt, entwickelt er zu Jonathan eine brüderliche Beziehung.

Die eigentlichen Beweggründe dieser Familie bleiben allerdings im Unklaren. Damit unterstreicht Jan Komasa ein weiteres Mal, dass es ihm weniger um effektheischende Plott-Twists als um das Parabelhafte geht. Darin aber liegt zugleich die Reibung dieser Erzählung: Während die Kritik an einer digitalen Aufmerksamkeitsökonomie leicht nachzuvollziehen ist, wird es nicht nur deutlich origineller, sondern auch komplizierter, wo ihr als Gegenmodell ausgerechnet die konservative Familie und eine strafende Autorität gegenüberstellt werden.

Eindeutig auf eine Seite schlägt sich „Good Boy“ hier allerdings nicht. Anders als „Max und Moritz“ endet Tommy nicht als Entenfutter, erhält letztlich eine Möglichkeit zur Entscheidung – und doch besteht am Ende kein Zweifel daran, wohin ihn sein Herz führt. Allerdings auch nicht daran, dass Jan Komasa mit dieser gelungenen Provokation vielmehr zum Denken anregen als ideologisch Position beziehen will.

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