Sabotierte Verkehrsberuhigung: Pollerklau bei Nacht und Nebel
In Friedrichshain fehlen plötzlich zehn Poller, die eine Schulzone schützen. Es ist nur der letzte von Dutzenden Diebstählen der Modalfilter.
Am Dienstag waren die Poller plötzlich weg. Seit ein paar Monaten riegelten die rot-weißen Stangen einen Teil der Friedrichshainer Simplonstraße für den Autoverkehr ab und schufen eine sichere Zone zwischen Modersohn- und Seumestraße, wo die Modersohn-Grundschule liegt. Nur Fahrradfahrende dürfen – gemäß einer Beschilderung durch den Bezirk: langsam und vorsichtig – die sogenannten Modalfilter passieren, ohne abzusteigen.
Jetzt klaffen auf beiden Seiten insgesamt zehn quadratische Löcher im Asphalt. Die Poller waren alle per Dreikantschlüssel abmontierbar, auch um im Notfall der Feuerwehr die Zufahrt zu ermöglichen. Diesen Umstand haben sich Unbekannte zunutze gemacht, um die Straßensperren eigenhändig zu entfernen. Auf Anfrage der taz bestätigte das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg am Mittwoch den Diebstahl, der bereits bei der Polizei angezeigt worden sei.
Hauke Stiewe vom Veranstaltungslokal Lovelite hatte zuerst einen Bautrupp der Telekom in Verdacht, der nach seinen Beobachtungen öfters mal die Stangen herausnimmt. Ganz offensichtlich dürften es aber GegnerInnen der vom Bezirksamt im Ostkreuzkiez durchgeführten Maßnahmen zur Verkehrsberuhigung gewesen sein, die seit geraumer Zeit gegen die von ihnen beklagte „Verpollerung“ Front machen.
Stiewe erinnert sich an eine von den GegnerInnen einberufene Diskussionsveranstaltung in der Alten Turnhalle Anfang Februar, auf der es hoch herging: „Manche haben da ‚Diktatur‘ gerufen.“ Für ihn steht aber fest: „Die Leute, die Auto fahren und sich jetzt eingeschränkt fühlen, denken, sie seien die Mehrheit, aber sie machen in Friedrichshain weniger als 20 Prozent aus. Und die anderen 80 Prozent wollen auch was von der Straße haben.“
Wie er denken viele im Kiez, und tatsächlich hatte eine Initiative per erfolgreichem Einwohnerantrag in der BVV den Bezirk zur Verkehrsberuhigung aufgefordert. Der reagierte im Rahmen des bezirklichen Programms „Xhain beruhigt sich“ mit einem Konzept für den Ostkreuzkiez, das nicht nur Poller, sondern auch Einbahnstraßenregelungen gebracht hat, die den Durchgangsverkehr auf den Hauptstraßen halten.
Aktuell sammeln die GegnerInnen Unterschriften für einen eigenen Antrag, der das Bezirksamt auffordert, die getroffenen Maßnahmen zu entschärfen. Sie befinden sich in Gesellschaft von anderen Gruppen, die berlinweit gegen diese Form der Verkehrsberuhigung protestieren – wie in Lichtenberg, wo ein einzelner Poller geballten Volkszorn auf sich zog.
50 Fälle von Pollerdiebstahl
Wer auch immer die Poller auf der Simplonstraße geklaut hat – es war bei Weitem nicht der erste Fall. In ihrer Antwort auf eine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Vasili Franco hat die Senatsinnenverwaltung gerade erst Zahlen genannt: So weiß die Polizeistatistik von 50 Pollerdiebstählen in den vergangenen dreieinhalb Jahren. Genauere Zahlen gibt es von den beiden am stärksten betroffenen Bezirken: 113 gestohlene, mutwillig beschädigte und „anderweitig ungeplant entfernte“ Poller registrierte Neukölln im selben Zeitraum, Friedrichshain-Kreuzberg immerhin 28 Fälle.
Angesichts der Statistik sprach Franco gegenüber dem Tagesspiegel von einer „rücksichtslosen kriminellen Energie, die in Kauf nimmt, Menschen zu gefährden“. Der Sprecher der Grünen-Fraktion für Innenpolitik stellte die „Führerscheintauglichkeit der Täter“ infrage – „da es hier bereits am Verständnis für die Grundregeln der Vorsicht und Rücksichtnahme im Straßenverkehr zu mangeln scheint“.
Auch die für Verkehr zuständige grüne Bezirksstadträtin von Friedrichshain-Kreuzberg, Annika Gerold, findet, dass Pollerdiebstahl „kein Kavaliersdelikt“ ist. „Diese Elemente wurden bewusst installiert, um den Verkehr zu beruhigen, die Sicherheit für Fußgänger*innen sowie Radfahrende zu erhöhen“, so Gerold zur taz. „Wer Poller entfernt oder entwendet, verursacht nicht nur einen finanziellen Schaden für die Allgemeinheit, sondern gefährdet auch die Verkehrssicherheit.“
Die gegenwärtige Pollerlosigkeit in der Simplonstraße soll jedenfalls nicht lange dauern: Die Erneuerung sei beauftragt und werde „zeitnah erfolgen“, teilte das Bezirksamt mit. Immerhin kann auch aktuell niemand ganz ohne Weiteres in die Schulzone einfahren, wo unter anderem Tischtennisplatten auf der Straße stehen: NachbarInnen haben die fehlende Pollerreihe kurzerhand mit Baustellen-Warnbaken aus Kunststoff ersetzt.
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