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S-Bahn fahren in der NachtEin epischer Film um drei Uhr morgens

Ein nächtlicher BVG-Streik in Berlin lässt unerwartete Allianzen schmieden. Auch wenn sie sich beim Sturm auf den Ersatzverkehr wieder verlieren.

U m drei Uhr morgens den Ostbahnhof zu betreten, ist, als würde man nach der Apokalypse in ein Mutterschiff steigen. Wir sagen zum Spaß, wir seien an der Ostsee – einfach um zu lachen, denn wir sind müde und allein auf dem verlassenen Bahnsteig. Würde die BVG nicht streiken, wären wir längst zu Hause. Doch die Reise scheint immer länger zu werden.

Die S7 nach Ahrensfelde fährt nur bis Ostkreuz, wo wir alle in eine S42 steigen, die eigentlich eine S41 sein sollte. Im Waggon sind alle verärgert, als der Zug in die entgegengesetzte Richtung losfährt, als er es von diesem Gleis normalerweise tut. „Sprecht ihr Spanisch?, fragt eine Frau mit roter Jacke und langem schwarzem Zopf, die uns schimpfen hört, und schließt sich unserer kleinen improvisierten Truppe Fahrgästen an, die Richtung Süden unterwegs ist.

Diese besteht aus meiner Freundin und mir, aus jemandem, der zunächst den Fahrplan über sein Handy im Griff zu haben scheint und dann anfängt, vor sich hin zu reden, und aus einem anderen, der mit einer Bierflasche in der Hand die Durchsagen des Ersatzverkehrs rezitiert und von einer Seite zur anderen schwankt. Irgendwann bringt uns die S-Bahn zurück nach Ostkreuz. Dort geht es zu der Ersatzbusse weiter, die jedoch nicht wie üblich halten, sondern an einem Ort, den jemand entdeckt und mit ausgestrecktem Finger in die Luft zeigt, während er „Da drüben!“ ruft.

Dann stürmen alle dorthin wie in einer Kampfszene aus einem epischen Film. Zwischen den rennenden Statisten erkennen wir die Frau mit der roten Jacke, deren Zopf von einer Seite zur anderen schwingt wie der Schwanz eines Panthers, und bedauern, uns nicht von ihr verabschiedet zu haben. Als wir schließlich in unseren Bus Richtung S-Bahn Neukölln steigen, sind wir erleichtert – ohne zu wissen, dass noch mehr Abenteuer auf uns warten.

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Luciana Ferrando

Luciana Ferrando

Jahrgang 1978, ist freie Autorin. Fast 10 Jahre lang war sie in verschiedenen spanischsprachigen Redaktionen, Zeitungen und Magazinen in ihrem Heimatland Argentinien tätig. Im Jahr 2008 migrierte sie nach Deutschland. Seit 2015 schreibt sie unter anderem Porträts, Reportagen und Kolumnen für deutsche Medien wie die taz, am liebsten über Stadtleben, feministische Themen, Kulinarisches und die Liebe. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Foto: Naïma Erhart
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