Russischer Abzug aus Cherson: Suche nach nächster Niederlage

Nach Cherson will die Ukraine weitere Gebiete befreien. In westlichen Kreisen werden Ideen für Russlands Kapitulation durchgespielt.

Ultranationalisten vs. Angehörige von Kriegsopfern: Putin sitzt innenpolitisch in der Klemme Foto: Sergei Bobylev/Sputnik Kremlin/dpa

taz | Russland konnte zu Beginn des Kriegs Cherson kampflos besetzen, weil lokale Behörden die Stadt freiwillig übergaben. Damals nutzte es Zerrissenheiten innerhalb der Ukraine aus. Jetzt hat die Ukraine Cherson kampflos befreit – und diesmal ist es ein Anzeichen für Spaltungen auf der russischen Seite, die zum Ende des Kriegs führen könnten.

Der rechtsextreme russische Nationalist Alexander Dugin warf Putin am Samstag vor, die „russische Welt“ zu verraten, indem er „russische Städte“ wie Cherson nicht verteidige. Militärblogger im Umfeld der privaten Söldnerorganisation Wagner, deren Kämpfer an der Front um Donezk verlustreiche Großoffensiven führen, nannten den Rückzug aus Cherson einen „Ausverkauf“. Dugin sah sich am Sonntag zu einem Dementi genötigt: Dass er Putins Rücktritt fordere, sei eine „Falschmeldung“.

Doch das US-amerikanische Institute for the Study of War, das solche Äußerungen aus russischen sozialen Medien am Sonntag verbreitete, analysiert: „Putin hat es schwerer, Teile seiner hochideologisierten kriegsbefürwortenden Anhängerschaft zufriedenzustellen, wegen der Unfähigkeit seines Militärs, seine Maximalziele des Sturzes der ukrai­ni­schen Regierung und der Eroberung der gesamten Ukrai­ne zu erreichen.“ Einerseits zweifelten Russlands Nationalisten an Putins Entschlossenheit, andererseits wachse in der russischen Gesellschaft Ärger über die hohen Opferzahlen an der Front.

Die Analyse, dass Russlands Präsident in der Klemme zwischen Ultranationalisten und Angehörigen von Kriegsopfern sitzt, war schon vor der Befreiung Chersons der Hintergrund für Überlegungen im Westen, wonach jetzt die Zeit für eine Verhandlungslösung reif sei. Jake Sullivan, nationaler Sicherheitsberater der US-Regierung, besuchte am 5. November Kiew und sprach mit der Regierung von Präsident Wolodimir Selenski über ein Verhandlungsangebot an Russland. Dies müsse die Ukraine unterbreiten, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhalten, zitierte der US-Fernsehsender NBC ungenannte Gesprächspartner Sullivans.

„Möglichkeiten für eine diplomatische Lösung“

Selenski nannte schließlich am 7. November öffentlich seine Voraussetzungen für Gespräche mit Russland: „Wiederherstellung der territorialen Integrität; Einhaltung der UN-Statuten; Entschädigung für alle Kriegsschäden; Bestrafung aller Kriegsverbrecher; Garantien, dass dies nie wieder passiert.“ Am 9. November sagte US-General­stabs­chef Mark Milley in Washington, der Krieg sei zum „Stillstand“ gekommen, und jetzt gebe es „Möglichkeiten für eine diplomatische Lösung“.

Der Stillstand war ein Irrtum. Am gleichen Tag verkündete Russlands Verteidigungsminister Sergei Schoigu den kompletten Rückzug aus Cherson. Einen Tag später gab es ein neues Militärhilfspaket aus den USA für die Ukraine. Und am Samstag stellte Sicherheitsberater Sullivan klar: „Solange Russland bei der Haltung bleibt, dass es einfach so viel Territorium wie möglich gewaltsam besetzt, ist es schwer, es als vertrauenswürdigen Verhandlungspartner anzusehen.“

Das heißt aber auch: Bei einer Veränderung der russischen Haltung kann sich das ändern. Ein Kapitulationsangebot des Westens an Russland, über das am Wochenende britische Boulevardmedien berichteten, sieht angeblich Machterhalt und Straflosigkeit für Putin vor, wenn Russland seine Truppen vollständig hinter die international anerkannten Grenzen zur Ukraine zurückzieht, also auch den Donbass und die Krim aufgibt.

Die Ukraine würde im Gegenzug die Krim nicht militärisch besetzen. Diese würde ein entmilitarisiertes Gebiet bleiben, über deren Status ab 2029 verhandelt wird. Außerdem würde die Ukraine bis dahin keinen Nato-Beitritt beantragen. Das Angebot sei in Putins Umfeld positiv aufgenommen worden, heißt es in den Berichten, deren Streuung in eher unseriösen Medien einer bewährten diplomatischen Methode entspricht, bizarre Ideen öffentlich zu testen, um sie notfalls gleich wieder vergessen zu können.

Militärische Gunst der Stunde

In der Ukraine geht die Stimmung in eine andere Richtung: Man will die Gunst der Stunde militärisch nutzen. An der nordöstlichen Front um Swatowe fügen ukrainische Truppen russischen Verbänden gigantische Verluste zu. Im Süden bildet der Dnipro nun eine klare Frontlinie zwischen ukrainisch und russisch kontrolliertem Gebiet, und ukrainische Truppen werden aus dem Gebiet Cherson an die andere südukrainische Front im Gebiet Saporischschja verlegt. In dieser Region wird die nächste ukrainische Großoffensive erwartet, um bis zum Asowschen Meer vorzustoßen und den russisch besetzten Korridor zwischen dem Donbass und der Krim zu brechen.

In Mariupol zieht Russland angeblich Verteidigungseinheiten zusammen. In Melitopol, weiter westlich entlang der Küste, wurde am Sonntag bereits die russische Flagge vom Verwaltungsgebäude eingeholt. Als das in Cherson geschah, war die russische Besatzung dort nach einer Woche vorbei.

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