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Russische Mobilmachung„Russlands Verluste sind außerordentlich hoch“

Zuletzt gab es nur wenig Bewegung auf dem Schlachtfeld in der Ukraine, sagt der US-Militärexperte Samuel Charap. Eine technische Entwicklung könnte das ändern.

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Wie lange können Russland und die Ukraine noch Krieg führen? Würde eine neue große Mobilmachung Moskau helfen? Und würde sich der Kreml zu einem Atomschlag entschließen? Samuel Charap ist führender Experte der US-amerikanischen RAND Corporation, einem Thinktank, der die Streitkräfte der USA berät.

Istories: Wie lässt sich die derzeitige Lage auf dem Schlachtfeld in der Ukraine einschätzen?

Charap: Die Gesamtlage auf dem Schlachtfeld hat sich strategisch betrachtet in den vergangenen neun bis zwölf Monaten nicht verändert. Die russischen Truppen rücken zwar langsam weiter vor, insbesondere in der für Russland politisch wichtigsten Richtung, der Region Donezk, doch die Verluste sind außerordentlich hoch. Wir wissen nicht, wie lange Russlands Reserven ausreichen werden, um diese Art von Krieg fortzusetzen.

Istories: Welche Seite ist beim Einsatz von Drohnen erfolgreicher?

Charap: Die Ukraine hat in dieser Hinsicht viele Vorteile, weil sie bei diesen Technologien innovativer vorgeht. In ihrem militärisch-industriellen Komplex herrscht deutlich mehr Start-up-Geist als in Russland. Russland verfügt allerdings über wesentlich größere industrielle Kapazitäten. Auch auf russischer Seite gibt es Innovationen.

Wenn die Ukraine einen taktischen Schritt unternimmt, der ihre Position verbessert, sehen wir eine russische Reaktion darauf. Mitunter sehen wir sogar Innovationen auf russischer Seite, mit denen Russland der Ukraine voraus ist. Das deutlichste Beispiel sind Drohnen, die über Glasfaserkabel gesteuert werden. Diese Technologie kam zunächst auf ukrainischer Seite zum Einsatz, wurde dann jedoch vom russischen Militär übernommen und in großem Maßstab eingesetzt.

Istories: Gibt es Anzeichen dafür, dass die Ukraine oder Russland die Lage auf dem Schlachtfeld verändern könnten? Ist das derzeit möglich – und wenn ja, wie?

Charap: Wenn einer der beiden Seiten ein technologischer Durchbruch bei der Drohnenabwehr gelänge, könnte dies wahrscheinlich von entscheidender Bedeutung sein. Doch bislang ist keinem der beiden Seiten ein solcher Durchbruch gelungen.

Istories: Wie schätzen Sie das Potenzial beider Seiten ein? Gibt es einen Maßstab, an dem sich dieses Potenzial messen lässt?

Charap: Alle fürchten eine Mobilmachung in Russland im Herbst. Das ist eine Art X-Faktor. Wir wissen nicht, ob Putin die Entscheidung treffen wird, seine Truppen aufzustocken.

Istories: Nehmen wir an, es käme zu einer Mobilmachung. Könnte die Einberufung Hunderttausender Soldaten die Lage angesichts der Entwicklung der Drohnentechnologie entscheidend verändern?

Charap: Das ist fraglich. Deshalb halte ich eine Mobilmachung für unwahrscheinlich. Ich sehe darin keinen militärischen Sinn. Zumal die Rekrutierung von Vertragssoldaten weiterläuft – wenn auch nicht mehr im gleichen Tempo wie 2023 oder 2024 – und keineswegs zum Stillstand gekommen ist. Ich sehe keine dringende Notwendigkeit für eine Mobilmachung. Die politischen Folgen wären sehr deutlich spürbar. In diesem Jahr wird besonders häufig darüber gesprochen, dass sich der Krieg über die Grenzen der Ukraine hinaus ausweiten könnte. Dass Putin eine baltische Front eröffnen könnte.

Eine solche horizontale Eskalation, wie sie in der Politikwissenschaft bezeichnet wird, würde ich nicht ausschließen, denn dabei weiten sich sowohl das geografische Gebiet als auch der Kreis der Konfliktbeteiligten aus. Das war von Anfang an ein realistisches Szenario. Bislang sehe ich jedoch keine Anzeichen für Vorbereitungen zu einer Bodenoperation gegen Russlands Nachbarstaaten.

Das bedeutet allerdings nicht, dass es nicht zu etwas weniger Offensichtlichem kommen könnte. Nehmen wir etwa an, eine Rakete würde einen Stützpunkt in Polen treffen, über den Militärhilfe für die Ukraine geliefert wird, und Russland würde dies mit Selbstverteidigung begründen. Auch das wäre ein mögliches Szenario. Doch auch damit wären sehr große Risiken verbunden, und bislang konnten wir keine Bereitschaft erkennen, solche Risiken einzugehen.

Istories: Wird die Europäische Union die Ukraine weiterhin unterstützen?

Charap: Bislang besteht Konsens darüber, die finanzielle Unterstützung fortzusetzen. In der aktuellen Kriegsphase ist die militärische Komponente – abgesehen von der Finanzierung der ukrainischen Streitkräfte – nicht mehr von so großer Bedeutung. Die Ukraine setzt vorwiegend auf die Entwicklung des eigenen militärisch-industriellen Komplexes und nicht auf importierte Ausrüstung.

Istories: Das heißt, für die Ukraine ist es wichtiger, finanzielle Mittel zu erhalten, um eigene Waffen zu produzieren, als fertige Waffen zu bekommen?

Charap: Ja, auch um den Staatshaushalt zu finanzieren, denn rund 50 Prozent des Staatshaushalts werden aus externen Quellen finanziert.

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