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Roman über Babyn-Jar-Massaker„Nichts ist ausgedacht, nichts ist übertrieben“

Anatoli Kusnezow hat in den Sechzigern einen großen Dokumentarroman über das Massaker von Babyn Jar vorgelegt. Nun erscheint er in neuer Übersetzung.

Die audiovisuelle Installation „Spiegelfeld“ zum Gedenken an die Opfer von Babyn Jar Foto: Dreamstime/imago

Man muss beim Lesen dieses Buchs an die Worte der Holocaust-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch denken, die nach der Befreiung der KZs im Jahr 1945 sagte, „die Auschwitzer Häftlinge fürchten alle, dass die Welt nicht glauben wird, was dort geschehen ist“. Der ukrainische Schriftsteller Anatoli Kusnezow hat in den 1960ern versucht, das Massaker von Babyn Jar in einem Prosatext beschreiblich und begreiflich zu machen, und die Zweifel daran, dass Sprache sagen kann, was dort passiert ist, schreiben bei ihm ständig mit.

Er schaltet sich überdies als Autorenstimme immer wieder ein in den Text, ruft den Le­se­r:in­nen mehrmals ins Gedächtnis, dass wahr ist, was er aufgeschrieben hat: „Nichts ist ausgedacht, nichts ist übertrieben. Alles ist realen Menschen passiert, es gibt nicht die kleinste literarische Erfindung in diesem Buch. Aber (…) ich schreibe tendenziös, weil ich trotz aller Anstrengung, objektiv zu sein, ein Mensch aus Fleisch und Blut bin und keine Rechenmaschine.“ Die Rechen- und Tötungsmaschinen, das waren die Nazis, die Ende September 1941 an nur zwei Tagen 33.771 Juden ermordet hatten, wie sie säuberlich protokollierten.

Der Massenmord von Babyn Jar, begangen kurz nach der Eroberung Kyjiws durch die Nazis in der „Weiberschlucht“ („Babyn Jar“ auf Deutsch), ist zum einen ein Vorbote der grenzenlosen Grausamkeit, zu der die Nazis noch fähig sein würden (kurz zuvor hatten sie bereits in Kamenez-Podolsk über 23.000 Jüdinnen und Juden ermordet). Zum anderen ist Babyn Jar ein schreckliches Zeugnis des Desinteresses an historischer Aufarbeitung in der Sowjetzeit. Nicht nur wollten die Nationalsozialisten später die Spuren ihrer Taten verwischen, auch die Sowjets wollten eine Erinnerungskultur verhindern, ebenfalls aus antisemitischen Motiven.

Was heute weitestgehend vergessen ist: Bei dem Versuch während der Chruschtschow-Zeit, ein Gedenken am Ort zu verhindern, kamen weitere Menschen ums Leben. Man riegelte das Gelände mit einem Damm ab, flutete die Schlucht mit Wasser und Schlamm. Im März 1961 brach der Damm, 145 Menschen sollen dabei gestorben sein.

Ein großer Zeitzeugenroman

„Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen“, das nun von Matthes & Seitz bereits zum zweiten Mal wiederveröffentlicht und neuübersetzt wurde (von Christiane Körner), darf zu den großen Zeitzeugenromanen gezählt werden. Allein die Editionsgeschichte erzählt viel über das 20. Jahrhundert: In der Sowjetunion erschien das Buch 1966 in einer zensierten Fassung in der KPdSU-nahen Jugendliteraturzeitschrift Yunost, unter anderem wurde in jener Fassung die jüdische Identität der Opfer ausgelassen. Kusnezow gelang 1969 die Flucht in den Westen, wo das Buch 1970 erstmals in einer Version ohne Zensur und Selbstzensur veröffentlicht werden konnte.

Anatoli Kusnezow ist erst 12 Jahre alt, als Kyjiw im Herbst 1941 von den Nazis besetzt wird. Er sieht, wie jüdische Menschen massenhaft abtransportiert und erschossen werden, wie auch andere Menschen willkürlich getötet werden. Man liest dieses Buch wie ein sprachliches Ringen darum, mit der neuen Weltwirklichkeit klarzukommen, ein Versuch des Erzählers, diese in sein Menschenbild zu integrieren; zum Teil scheint dabei das 12-jährige Ich, zum Teil das erwachsene Autoren-Ich zu sprechen.

In Ansätzen ist „Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen“ ein Montageroman. So arbeitet Kusnezow die originalen Bekanntmachungen und Befehle der Nazis ein („Alle Jidden aus Kiew und Umgebung haben sich am Montag, 29. September 1941, bis 8 Uhr an der Ecke Melnikowaja und Dokteriwskaja Straße einzufinden“); er dokumentiert zudem die unfassbare Geschichte von Dina Pronitschewa, einer der wenigen jüdischen Überlebenden von Babyn Jar.

Geblendet von den neuen Herrschern

Pronitschewa war bei der Massentötung quasi übersehen worden, sie lag in der Grube, in der sich die Erschossenen stapelten, die SS-Leute glaubten, sie wäre tot – doch sie hatte überlebt und konnte sich aus der Grube befreien. Allein ihre Geschichte in Erinnerung zu rufen (Pronitschewa starb 1977), ist ein Verdienst dieser Neu-Edition. Die eigene Familiengeschichte Kusnezows spiegelt dagegen gut das Alltagsleben in den „Bloodlands“ zu jenen Zeiten. So lässt sich der Opa des Autors, der die Bolschewisten verachtet hat, zunächst von Hitler und den neuen Herrschern blenden; er setzt alle Hoffnung in sie und wird später sehen, wie sehr er sich getäuscht hat.

Der Roman „Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen“

Anatoli Kusnezow: „Babyn Jar. Roman eines Augenzeugen“, Übersetzung: Christiane Körner, Matthes & Seitz, Berlin 2026, 400 Seiten, 28 Euro

Dass heute Mahnmale verschiedenster Opfergruppen in Babyn Jar stehen, dass man dort Marina Abramovics „Crystal Wall of Crying“ passiert und das „Spiegelfeld“ durchschreitet, ist alles andere als selbstverständlich, die Lektüre dieses Buchs verdeutlicht das. Man darf auch hoffen, dass nach dem Streit um das Babyn Yar Holocaust Memorial Centre (BYHMC), das dort entstehen sollte, irgendwann ein würdiges Dokumentarzentrum eröffnet werden wird.

Die Wiederveröffentlichung des Romans zum jetzigen Zeitpunkt ist natürlich auch kein Zufall, viele reflektierende Passagen spielen auf die Methodik und die Beschaffenheit des gegenwärtigen Totalitarismus an, man kann sie in Beziehung setzen zur russischen Barbarei, aber auch zum Tech-Faschismus, der sich in den USA gerade ausbreitet. Kusnezow sieht schon damals eine neue „technokratische Barbarei“ aufziehen und fragt: „Welches neue Babyn Jar, Majdanek oder Hiroshima [oder Kolyma oder Potma] wartet wohl (wo und mit welchen neuen Techniken), jetzt noch verborgen im Nichts, auf seine Stunde?“ Diese Frage müsste man, ergänzt um einige Orte, heute noch genauso stellen.

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