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Buch „Ich habe den Tod gerettet“So viele Fragen an Madlenka

Lucie Faulerová hat in ihrem Roman „Ich habe den Tod gerettet“ eine berührende, intensive Erzählung über einen fast selbstvernichtenden Schmerz geschrieben.

Es ist ein Titel, der Aufmerksamkeit weckt: „Ich habe den Tod gerettet“ heißt der zweite Roman der tschechischen Autorin Lucie Faulerová. Die 1989 geborene Schriftstellerin gilt als eine wichtige literarische Stimme des Landes, ihr im Original bereits 2020 erschienenes Buch wurde unter anderem mit dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichnet.

Sterben, Tod, der Verlust eines nahen Menschen, das Überleben dieses Verlusts – es sind schwere, existenzielle Themen, die Faulerová in ihrem Roman verhandelt. Bekannte, wiederkehrende Themen in der Literatur, für die sie eine eigene, sehr originelle Erzählweise gefunden hat. Eine, der eine erstaunliche Balance zwischen Dunkelheit und schließlich leiser Zuversicht, Schwere und trotzendem Witz gelingt.

„Es fährt ein Zug. Saust wie ein Vogel im Flug. Und wie sich seine Räder drehn, so werden wir bald nichts mehr sehn. Sch-sch-sch-sch-sch-tuuu. Ich beobachte Felder und Wiesen und den Himmel oder Felder und Wiesen und der Himmel beobachten mich, genauso wie der Abgrund, in den wir so lange blicken, bis auch er in uns hineinblickt, oder so irgendwie, davon kann ich erzählen, davon kann ich hier und jetzt erzählen […] und die Zeit – die kommt mir entgegen, und draußen fliegen die Jahre vorbei […].“

Hilfe bei Suizidgedanken

Haben Sie den Verdacht, an Depression zu leiden? Oder haben Sie sogar suizidale Gedanken? Andere Menschen können Ihnen helfen. Sie können sich an Familienmitglieder, Freun­d:in­nen und Bekannte wenden. Sie können sich auch professionelle oder ehrenamtliche Hilfe holen – auch anonym. Bitte suchen Sie sich Hilfe, Sie sind nicht allein. Anbei finden Sie einige Anlaufstellen.

: Rufen Sie den Notruf unter 112 an, wenn Sie akute suizidale Gedanken haben. Wenn Sie sofort behandelt werden möchten, finden Sie Hilfe bei der psychiatrischen Klinik oder beim Krisendienst.

: Holen Sie sich Hilfe durch eine Psychotherapie. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe kann Ihnen ferner Hilfe und Information zum Umgang mit Depression bieten.

: Sind Sie traurig und möchten jemanden zum Reden haben? Wollen Sie Sorgen loswerden und möchten, dass Ihnen jemand zuhört? Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr besetzt. Die Telefonnummern sind 116 123 oder 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222. Sie können auch das schriftliche Angebot via Chat oder Mail in Anspruch nehmen.

: Die MANO Suizidprävention bietet eine anonyme Onlineberatung an. Wenn Sie über 26 Jahre alt sind, können Sie sich auf der Webseite registrieren. Sollten Sie jünger sein, können Sie hier eine Helpmail formulieren.

: Die Nummer gegen Kummer hat sich zum Ziel gesetzt, Kindern, Jugendlichen und Eltern zu helfen. Kinder erhalten dort Unterstützung unter der Nummer 116 111, Eltern unter 0800 111 0 550, und bei der Helpline Ukraine unter 0800 500 225 0 finden Sie auch Hilfe auf Russisch und Ukrainisch.

: Die Ehrenamtlichen des Muslimischen Seelsorgetelefons erreichen Sie anonym und vertraulich unter 030 443 509 821.

Bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention können Sie nach weiteren Seiten und Nummern suchen, die Ihrem Bedarf entsprechen.

Mit diesen verrätselt anmutenden Zeilen beginnt der Text. Sie entpuppen sich als eine Art Erzählanordnung, denn durch den gesamten Roman hindurch sitzt die Ich-Erzählerin Marie in diesem Zug ohne Ziel. Und Erinnerungen aus ganz verschiedenen Zeitabschnitten, von der Kindheit bis in die jüngste Vergangenheit, wo sie etwa Mitte zwanzig ist, tauchen auf; chronologisch unsortiert, in wilden Sprüngen.

Textabschnitte als Puzzle

Doch haben sie eine Richtung, umkreisen die Schwester Madlenka, die enge Beziehung der Erzählerin zu ihr. Madlenkas Krebserkrankung. Die Angst um sie und die dadurch beeinflusste Dynamik in der Familie. Es sind oft kurze Passagen, die assoziativ aufeinanderfolgen; manchmal sind es scharfe thematische Schnitte. Faulerová sagte in einem Interview, es sei ihr unmöglich gewesen das Buch linear zu schreiben. Sie habe Textabschnitte mit der Schere zerschnitten, aneinandergereiht, umgeordnet, als Puzzle zusammengesetzt.

Diese Vorgehensweise kann man sich gut vorstellen. Der Text ist wie ein Mosaik aus Erinnerungen, Gedanken, Informationen angelegt. Die Anordnung der einzelnen Teile ist dabei aufs Feinste komponiert. Die Autorin arbeitet mit Neugier weckenden Vorausdeutungen, die sich wiederholen, dabei etwas verschieben und schließlich ihren Kern freilegen. Behutsam führt sie ihre Figuren ein. Ein, zwei Sätze nur über die Mutter, den Vater, den Bruder Adam, um später auf sie zurückzukommen: sich langsam andeutende Charaktere.

Marie zeichnet Faulerová mit großer Empathie als eine junge Frau, die schon seit Kindertagen eine tiefe Verunsicherung in sich trägt. Der angesichts der lebensgefährlichen Erkrankung der Schwester die eigene Existenz ungewiss wird. Und das umso mehr nach deren Tod.

Der Text ist wie ein Mosaik aus Erinnerungen, Gedanken, Informationen angelegt

Gedanken an Suizid

Da mischen sich unter die Erinnerungen die vielen Ausführungen über Suizid. Die Erzählerin scheint besessen davon – von Statistiken, Methoden. Immer wieder kehrt Marie zum Suizid einer jungen Frau bei einer U-Bahn-Station zurück: Wollte sie wirklich sterben? Überlegte sie es sich im letzten Moment, als es zu spät war, anders?

Das Buch

Lucie Faulerová: „Ich habe den Tod gerettet“. Aus dem Tschechischen von Julia Miesenböck. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2026. 254 Seiten, 24 Euro

Diese Gedanken besetzen Marie, und ja, man darf es hier verraten, die Ahnung kommt beim Lesen recht früh auf: Madlenka starb nicht am Krebs, sie war genesen; sie beging Suizid. Schuldgefühle quälen Marie. Und Fragen, so viele Fragen an Madlenka.

Die Zugfahrt Maries birgt viel Surreales: Vor dem Fenster sieht sie Gesichter, nicht reale Landschaften, Szenen; im Zug erscheinen historische Figuren, oder der Zug verwandelt sich in das Auto des Bruders. Traumgleich ist alles möglich, das schafft viel erzählerische Freiheit für die Dynamik der ineinanderfließenden Erinnerungen wie auch der abrupten Sprünge zwischen Themen und Motiven.

Leichtigkeit und Humor

Momente von Leichtigkeit und (selbst)ironischem, teils derbem Humor finden sich vor allem in den Erinnerungen an den Umgang der Schwestern miteinander, in den Dialogen der beiden. Diese Momente wie auch eine wunderschön behutsam erzählte Möglichkeit einer Liebe geben dem Text seine besondere Balance.

Lucie Faulerová hat eine berührende, intensive Erzählung über einen sie fast vernichtenden Schmerz geschrieben. Den Schmerz darüber, „dass Madlas Lachen überhaupt nirgends ist, weil Madla nicht mehr ist, und das wird nie aufhören. Und genau so fühlt es sich an. Man fühlt das, ganz nah, bis unter die Haut, unhörbar. Wie ein Tier, wie das Fell von einem Tier, das sich an mir reibt […] Wie ein Tier, mit dem ich einen Käfig teile.“ Zugleich erzählt sie von einer langsam aufkeimenden Zuversicht. Ohne Garantie, aber den Blick auf eine Zukunft gewährend.

Und was hat es auf sich mit dem geretteten Tod im Titel des Romans? Die Autorin offenbart es auf die ihr eigene Weise – andeutend, das Motiv eines alten slawischen Brauchs wiederholt aufnehmend –, und schließlich gibt sie die Antwort.

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