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Gespräch mit Narine Abgarjan„Moskau hat mich zur Schriftstellerin gemacht“

Narine Abgarjans Bücher sind Bestseller in Armenien und Russland. Im Roman „Vom Himmel fielen drei Äpfel“ bringt sie magischen Realismus in ein armenisches Dorf.

Tigran Petrosyan

Interview von

Tigran Petrosyan

Frau Abgarjan, in Ihrem Roman „Vom Himmel fielen drei Äpfel“ ist der Tod den Menschen sehr nah. Die Figuren leben mit ihm fast so selbstverständlich wie mit dem Alltag. Woher kommt diese Nähe zum Tod?

Narine Abgarjan: Ich glaube, das gehört zum armenischen Lebensgefühl. Ein Volk, das über Jahrhunderte ums Überleben gekämpft hat, lernt den Tod als Teil des Lebens anzunehmen. Deshalb ist diese tief sitzende, fast archaische Angst vor dem Tod und vor Dingen, die wir nicht kontrollieren können, bei uns vielleicht weniger stark ausgeprägt.

Im Interview: Narine Abgarjan

Narine Abgarjan, geboren 1971 in Berd, Armenische SSR, ist eine armenische Schriftstellerin. Sie wuchs in Armenien auf, später lebte sie viele Jahre in Russland. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine 2022 verließ sie das Land, heute pendelt sie zwischen Armenien und Ludwigsburg. Ihr Roman „Vom Himmel fielen drei Äpfel“ wurde in 23 Sprachen übersetzt und mit dem renommierten russischen Literaturpreis Jasnaja Poljana ausgezeichnet. Nun ist er erstmals in deutscher Sprache erhältlich.

taz: Wie bei Ihrer Romanfigur Anatolija, die sich zum Sterben hinlegt, aber vorher noch ihr Haus in Ordnung bringt?

Narine Abgarjan: Ja. Nachdem die Menschen, die sie liebte, gestorben sind, beschließt Anatolija, selbst zu sterben. Als sie eine Blutung bemerkt, glaubt sie, das natürliche Ende ihres Lebens sei gekommen. Und wie eine „echte“ armenische Hausfrau räumt sie noch das Haus auf, bringt die Lebensmittel in den Keller, damit sie nicht verderben, und legt sich dann zum Sterben hin. Für sie gehört der Tod ganz selbstverständlich zur Realität.

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taz: Maran ist ein fiktives Dorf. Doch in seiner Geschichte und in den Schicksalen seiner Be­woh­ne­r:in­nen spiegelt sich vieles aus der armenischen Realität. Wie viel Armenien steckt in Maran?

Abgarjan: Maran ist Armenien im Kleinen. Es ist ein Dorf oben auf einem Berg und hat schon viele Prüfungen durchgemacht. Armenische Leser erkennen darin verschlüsselte historische Erfahrungen: das verheerende Erdbeben von 1988, die schwierigen Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion und die jahrzehntelangen Konflikte und Kriege mit Aserbaidschan. Zugleich wollte ich in Maran nicht nur Armenien, sondern ein Stück weit auch die ganze Welt abbilden.

taz: Im Mittelpunkt stehen vor allem ältere Menschen. Warum interessiert Sie gerade diese Generation?

Abgarjan: Maran bedeutet auf Armenisch einen Keller, in dem Wein reift. Die alten Menschen, die dort leben, sind für mich wie edler Wein, der schon lange in Fässern lagert. Man muss vielleicht selbst ein gewisses Alter erreichen, um seinen Geschmack und sein Aroma wirklich schätzen zu können. Aber Maran steht auch für ein globales Problem: Kleine Orte verschwinden, junge Menschen gehen fort, zurück bleiben nur die Alten und verfallene Häuser. Dabei ist jeder dieser Menschen eine ganze Welt – voller Erinnerungen, Erfahrungen, Traditionen und Geschichten. Wenn sie sterben, verschwindet alles, als würde es mit einem Radiergummi ausgelöscht.

Buchcover von "Vom Himmel fielen drei Äpfel"
Das Buch

Narine Abgarjan: „Vom Himmel fielen drei Äpfel“. Aus dem Russischen von Maria Rajer. List Verlag, Berlin 2026, 304 Seiten, 23,99 Euro

taz: Ihr Roman wird dem magischen Realismus zugerechnet. Dabei wurden auch Parallelen zum kolumbianischen Schriftsteller Gabriel García Márquez gezogen. Doch am Ende gehen Sie einen anderen Weg: Bei Márquez stirbt das zuletzt geborene Kind, und in „Hundert Jahre Einsamkeit“ wird das Dorf Macondo schließlich ausgelöscht. In Maran hingegen wird ein Kind geboren und das Dorf bekommt eine Zukunft. Ist das eine Art Antwort auf Márquez?

Abgarjan: So habe ich beim Schreiben überhaupt nicht gedacht. Wenn mein Roman überhaupt in einen solchen Dialog mit Márquez gestellt wird, empfinde ich das als große Ehre.

taz: Márquez war für Sie also dennoch wichtig. Hat er auch den magischen Realismus Ihres Romans beeinflusst?

Abgarjan: Márquez war einer meiner allerliebsten Schriftsteller. Als ich dieses Buch schrieb, starb er, und ich erlebte seinen Tod fast wie den Verlust eines nahestehenden Menschen. Bewusst hatte ich überhaupt nicht vor, im Stil des magischen Realismus zu schreiben, das kam erst während der Arbeit. Aber vielleicht war Márquez auf diese Weise doch in meinem Buch anwesend.

taz: Woher kommt für Sie diese Verbindung von Realität und Magie – und warum scheint sie in manchen Kulturen besonders stark zu sein?

Abgarjan: Darüber habe ich lange nachgedacht. Vielleicht entsteht magischer Realismus besonders häufig in Gesellschaften, die unter Fremdherrschaft oder der Macht großer Imperien gelebt haben. Wenn man selbst wenig Einfluss auf die Wirklichkeit hat, erschafft man sich eine zweite, eine tröstlichere Realität – eine Welt, in der andere Dinge möglich sind. Vielleicht wächst der magische Realismus gerade aus diesem Gefühl der Ohnmacht. Man erlebt die Welt als ungerecht, eine größere Macht bestimmt über das eigene Leben, und man antwortet darauf mit einer parallelen, märchenhaften Wirklichkeit. Natürlich kann ich mich irren. Aber dieser Gedanke lässt mich nicht los.

taz: Eine andere Erfahrung, die Ihren Roman prägt, ist das Fortgehen. Einer der Protagonisten zieht nach Russland, das Sie im Roman als das „Land im Norden“ bezeichnen – über Jahrzehnte ein traditionelles Ziel armenischer Arbeitsmigration. Auch Ihr eigener Weg führte Sie dorthin. Warum gingen Sie nach Moskau?

Abgarjan: Eigentlich war es die Entscheidung meiner Mutter. In den 1990er-Jahren war die Lage in Armenien sehr schwierig. Nach meinem Philologiestudium schickte sie mich nach Moskau. Sie sagte: „Versuch es. Und wenn es nicht klappt, kommst du zurück.“ Dort nahm ich verschiedene Jobs an, unter anderem in einer Wechselstube. Später ließ ich mich zur Buchhalterin ausbilden. Ich war wahrscheinlich die schlechteste Buchhalterin Moskaus.

taz: In dieser ohnehin schwierigen Zeit bekamen Sie dann noch die Diagnose Multiple Sklerose. Wie sich später herausstellte, war es eine Fehldiagnose.

Abgarjan: Ja, ich wurde regelmäßig untersucht und bekam verschiedene Medikamente gegen Multiple Sklerose verschrieben. Erst nach vier Jahren stellten andere Ärzte fest, dass ich gar nicht an der diagnostizierten Autoimmunerkrankung litt. Stellen Sie sich meine Situation vor: Ich war eine schlechte Buchhalterin, alleinerziehende Mutter mit einem kleinen Kind und dachte, ich würde sterben. Hoffentlich lebe ich wenigstens so lange, bis mein Kind für sich selbst sorgen kann, war mein einziger Gedanke.

taz: Und ausgerechnet in dieser Zeit begannen Sie zu schreiben?

Abgarjan: Ja, weil ich irgendwie weiterleben musste. Ich begann, Geschichten aus meiner Kindheit aufzuschreiben. Später wurden daraus meine ersten Bücher. Moskau hat mich zur Schriftstellerin gemacht. Wäre ich nicht aus Armenien fortgegangen, würde ich heute wahrscheinlich nicht als Schriftstellerin arbeiten. Meine Bücher sind aus Nostalgie entstanden. Ich vermisste meine Heimat, meine Geburtsstadt und vor allem meine Kindheit. Ich erinnerte mich daran, wie meine Großmutter im Steinofen Brot backte. Den ersten noch warmen Laib teilte sie immer unter uns Enkeln auf. Solche Erinnerungen fanden später ihren Weg in meine Bücher.

taz: In Russland fanden Sie als Schriftstellerin Anerkennung, erhielten Literaturpreise und wurden zur Bestsellerautorin. Jahre später entschieden Sie sich, das Land zu verlassen. Warum?

Abgarjan: Nach Armeniens Niederlage im Krieg um Bergkarabach 2020 war mein Land für mich wie eine offene Wunde. Damals wurde mir klar: Moskau hatte uns verraten. Russland war Armeniens Verbündeter und hatte Sicherheitsgarantien gegeben, doch im entscheidenden Moment fühlten wir uns im Stich gelassen. Für mich stand fest: Ich muss nach Hause zurück. Wir wollten noch warten, bis mein Sohn sein Masterstudium beendet hatte. Doch dann begann 2022 die Vollinvasion in die Ukraine. Das war der zweite Schlag. Wir packten unsere Sachen und verließen Russland im März 2022.

taz: Sie kritisieren Russlands Krieg gegen die Ukraine. Welche Konsequenzen hat das für Sie in Russland?

Abgarjan: Bislang wurde ich noch nicht als „ausländische Agentin“ eingestuft. Vielleicht geht das auch nicht, weil ich keine russische Staatsbürgerin bin. Aber meine Bücher wurden aus russischen Bibliotheken verbannt und mein Name von Theaterplakaten entfernt. Trotzdem werden meine Stücke in Russland weiter gespielt – manchmal eben ohne meinen Namen.

taz: Trotzdem sind Ihre Bücher und Stücke in Russland weiterhin präsent. Warum ist es Ihnen wichtig, diese Verbindung beizubehalten?

Abgarjan: Mir ist wichtig, dass die Menschen in Russland meine Bücher weiter lesen können. Dort leben viele anständige Menschen, die den Krieg nicht unterstützen und unter dem leiden, was geschieht. Sie sollen nicht nur Propaganda hören, sondern auch andere Stimmen und andere Literatur kennenlernen. Es wäre falsch, alle Menschen in Russland zu Feinden zu erklären, man muss eine Brücke offenlassen. Denn eines Tages werden gerade diese Menschen gebraucht, um Verantwortung zu übernehmen, Reparationen für die Ukraine zu leisten und das Geschehene, soweit es überhaupt möglich ist, wiedergutzumachen. Ihnen müssen wir die Hand reichen.

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