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Neues Buch von Helga SchubertMein Geliebter, mein toter Geliebter

Was bleibt nach 60 Jahren tiefer Verbundenheit? Helga Schubert und blickt hinter die Fassaden des gemeinsamen Lebens mit ihrem verstorbenen Ehemann.

Es genügt ein einziger Buchstabe, in Helga Schuberts neuem Roman, damit klar wird: Etwas ist unwiederbringlich vorüber. Der Neologismus „Derden“, einst für ihren Ehemann erdacht, bedeutet aufgeschlüsselt nicht mehr „der, den ich liebe“, sondern: „Derden, der, den ich liebte“. Eine minimale Verschiebung, doch manifestiert der eingefügte Konsonant „-t-“ Schuberts Zugeständnis an die Vergänglichkeit des Irdischen.

Derden, ihr „Lebensmensch“, verstarb letztes Jahr im August und mit der Nacht vor seinem Tod setzt dieses autobiografische Buch, „Die Woche danach“, ein. Mit Sorgfalt wählt die Autorin ihre Worte. Entlang unzähliger Zeilenumbrüche, als atmete sie vor jedem Gedanken tief ein und aus, bewegt sich Schubert schreibend voran. Sie erkundet den sich ihr neu eröffnenden Raum, der sie mit der ontologischen Ambiguität von An- und Abwesenheit eines geliebten Menschen konfrontiert.

Sechzig Jahre tiefer Verbundenheit, davon erzählte Schuberts 2023 veröffentlichtes Prosawerk „Der heutige Tag. Ein Stundenbuch der Liebe“. Sie schilderte darin nicht nur Anfang und Werden ihrer Liebesbeziehung in der damaligen DDR, sondern auch ihren von der palliativen Pflege des Ehemannes bestimmten Alltag. Zehn Jahre lang pflegte Schubert den an Demenz erkrankten Derden – der mittlerweile im Rollstuhl saß – in ihrem gemeinsamen Zuhause in einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern.

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Das Miteinander war, trotz gesundheitlicher Einschränkung, voller zärtlicher Gesten und geteilter Welterfahrung, selbst wenn Letztere sich auf Haus und Garten beschränkte. Ihre Kommunikation fand durch Berührungen, das Vorlesen von Gedichten, gemeinsames Singen, Musikhören und das Beobachten der Natur statt. Noch in der Todesnacht lebte das Paar diese taktile und sinnliche Zweisamkeit. Was die Phänomenologie mit dem Begriff der zwischenleiblichen Resonanz zu erfassen versucht, lässt sich anhand der Lektüre von Schuberts Büchern „Der Tag“ und „Die Woche“ eindrücklich nachvollziehen.

Schubertsche Lakonie

Jene aufreibenden Jahre der Pflege waren auch Jahre des behutsamen Abschieds. Als Derden mit 98 Jahren stirbt, ist Helga Schubert darauf vorbereitet. Gedanklich sortiert durchlebt sie die ersten Stunden nach seinem Tod. Macht Anrufe, empfängt Menschen, die mit ihr am Totenbett wachen. Mit dem Polizisten zum Beispiel, der keine Leichen sehen kann, aber der 85-jährigen Schubert immerhin gut zuspricht: „Ich solle immer das Licht am Ende des Tunnels sehen, seine Mutter habe in meinem Alter auch noch einen neuen Mann gefunden.“

Das Buch

Helga Schubert: „Die Woche danach. Ein Stundenbuch der Hoffnung“. dtv Verlag, München 2026, 176 Seiten, 22 Euro

Selbst in Momenten wie diesen blitzt sie auf, die Schubertsche Lakonie. Als der Leichnam in die Obhut der Bestatter übergeben wird, kommt es jedoch zu einer von zwei Erschütterungen in diesem Buch: „Und dann hakten sie einen Reißverschluss ein und zogen ihn über seinem Körper zu, bis der Reißverschluss des grünen Seesacks über seinem lieben toten Gesicht geschlossen war. Auf diesen Reißverschluss war ich nicht gefasst.“

Vielfach in Kriminalfilmen reproduziert, lässt gerade dieses Bild Schubert in der neuen Realität ankommen, hoffend: „Sie werden ihn doch sorgsam lagern.“ Gegenstände werden gelagert, weshalb die Wortwahl zunächst objektivierend anmutet. Doch der Anblick des verhüllten Toten negiert die vom Paar etablierte Zwischenleiblichkeit radikal – ein Abstand tut sich auf und Schubert notiert akkurat, um 18:10 Uhr die Verantwortung abgegeben zu haben. Damit einher geht der Gewinn an Autonomie, die sich die „Übriggelassene“ nach und nach gewährt.

Auf diesem Entwicklungsprozess liegt der Fokus des Romans, worin Schuberts Phase einer reaktiven Depression, in zwei Sätzen umrissen, weitgehend als Leerstelle firmiert. Mit der für sie typischen Poetik der Destillation rückt die Autorin anstelle von Introspektion lieber Ereignisse und Begegnungen (mit Mensch, Tier und Pflanze) ins Zentrum. Sicht-, Hör- und Fühlbares wird dokumentarisch und mit Gespür für Prägnanz erfasst. Worauf es ankommt, weiß Schubert genau. Subtext entsteht bei ihr durch die Auswahl und Montage jener Erträge ihrer Beobachtungsfülle.

Die Mutterrolle ablegen

Im Vorgängerbuch „Der heutige Tag“ war Schubert mit Derden ständig über das Babyphone verbunden. Nabelschnur nannte sie es, die nun durchtrennt wird, indem die Witwe das Gerät aus dem Haus entfernt. Damit legt Schubert die übernommene Mutterrolle ab. Tägliche Routinen verändern sich, gelten nunmehr ihrem Wohlbefinden und nicht mehr allein Derdens. Selbstsorge, früher nahezu undenkbar, ist wieder möglich.

War lange Zeit Derden im Mittelpunkt, ist es nun Schubert, auf die ein prüfender Blick fällt. Eine befreundete Ärztin bemerkt im Gesicht der Autorin zufällig einen verdächtigen Fleck. Schubert kümmert sich sofort darum – noch vor Derdens Beerdigung. Außerdem bezieht sie ein neues Zimmer, ihre „Höhle“. Im Zuhause, das bis zu seinem Tod auf Derdens Bedürfnisse zugeschnitten war und dem man nicht ansieht, „dass es ein Zement-Asbest-Fertigteilhaus ist.“

Gegen Ende des Trauerjahrs wagt Schubert, hinter die Fassade ihres gemeinsamen Lebens zu blicken. Schmerz und Wut brechen sich Bahn, als sie sich eingestehen muss, bereits vor Derdens Erkrankung existentielle Kompromisse gemacht zu haben: Seinetwegen blieb sie in der von ihr verhassten „Zwergendiktatur“; seinetwegen verzichtete sie im wiedervereinigten Deutschland auf eine Karriere als Politikerin.

Die massivste und erschütterndste Erkenntnis betrifft jedoch etwas Grundsätzliches: Derdens Geringschätzung gegenüber Schuberts schriftstellerischer Arbeit. Wie die Autorin auf diese bittere Wahrheit hinschreibt und dabei die Komplexität von Trauer und Liebe beleuchtet, ist lehrreich zu lesen. Geschickt komponiert endet das Buch, wie es anfängt – mit einer Verschiebung. „Mein Geliebter, mein toter Geliebter“, lautet die allerletzte Zeile, und sie führt das Paar aus dem Bereich der Fürsorge zurück in den des Begehrens. Selbstbestimmt markiert sich Schubert als Geliebte und Individuum, und zwar als eines im Übergang.

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