Rettungsaktion am Timmendorfer Strand: Der Wal ist frei
Die Aufregung um das gestrandete Tier war groß. Der Aufwand auch. Ob ihm das dauerhaft helfen wird? Für uns Menschen hat sich der Vorfall gelohnt.
H alt durch, Großer!“, schlagzeilte die Bild über ihrem Newsticker zur Wal-Rettung in der Lübecker Bucht und hatte natürlich einen Reporter vor Ort – der zwischen den rund 15 Kamerateams nebst Journalistenschar auch nicht mehr groß störte.
Der Youtuber und Tierschutzdarsteller Robert Marc Lehmann tauchte derweil vor dem Kopf des Wals herum, um dem Bild-Mann anschließend zu berichten: „Er hat richtig Angst“ – was man ihm angesichts dieser Begegnung natürlich nicht verdenken kann.
Aber es kam noch ärger, denn, wie der Newsblog des Stern titelte: „Walrettung in heißer Phase – Ministerpräsident reist an“. Sicherlich rechtzeitig, um im Livestream von „ZDF heute“ aufzutauchen. Und zweifellos geschickter, als erst einmal eine Partie Tennis spielen zu gehen. Zum Glück musste er nicht lachen.
Die Helfer vor Ort beklagten derweil, dass Gaffer die Rettungsarbeiten behinderten. Während Fachleute vor Ort grübelten, ob der Buckelwal nur deshalb ins flache Wasser geschwommen sei, um hier seine letzte Ruhe zu finden. Da hat er sich aber dann gehörig verkalkuliert.
Immerhin nicht mit der Dienstwaffe
Nachdem der etwa 12 bis 15 Meter lange und 15 Tonnen schwere junge Buckelwalbulle Montagnacht auf einer Sandbank vor dem Ostseebad Niendorf gestrandet war, beschäftigte sein Schicksal das ganze Land. Mehrere Rettungsversuche scheiterten. Erst rückte die Küstenpolizei an – immerhin nicht, um ihn mit der Dienstwaffe zu erschießen, ein Wal ist schließlich kein Wels.
Stattdessen versuchte sie, mit Booten so große Wellen zu erzeugen, dass der Wal ins tiefere Wasser gespülte würde. Das klappte ebenso wenig, wie mit einem Saugbagger eine Schneise ins Sediment zu schlürfen. Helfer drehten den massigen Körper Richtung Fahrrinne und hofften, der Wal finde bei höherem Wasserstand den Weg von selbst, aber der drehte sich einfach zurück. Am Donnerstag schließlich wurde mit einem Schwimmbagger eine Rinne bis an den Kopf des Tiers gebaggert. Der Versuch wurde abends zunächst abgebrochen, aber nun reichte es dem Wal offenbar, und im Schutz der Dunkelheit machte er sich endlich davon.
Kaum etwas steht so symbolisch für unser schwierige Verhältnis zur Natur wie der Wal, „Moby Dick“ lässt grüßen. Dessen schiere Größe und Kraft flößten dem Menschen Bewunderung ein, ihn zu bezwingen war ein Zeichen von Selbstermächtigung, des Herrschaftsanspruchs über die Welt. Was über Jahrhunderte ein Captain-Ahab-mäßiges Kräftemessen auf Augenhöhe war, wurde mit Beginn der Neuzeit zum rücksichtslosen und brutalen Abschlachten bis an den Rand der Ausrottung.
Die blutigen Bilder der Massaker waren im 20. Jahrhundert eine entscheidende Triebfeder der aufblühenden Naturschutzbewegung – Greenpeace wurde erst im Kampf gegen den Walfang groß und berühmt. Gleichzeitig folgte eine fast esoterische Verklärung, die Gesänge der Buckelwale waren zeitweilig so epidemisch wie Dieter-Bohlen-Hits und die Zuhörenden ähnlich geistig weggetreten. Heute schaffen es gestrandete Wale regelmäßig in die Weltnachrichten und lösen aufwendige Rettungsaktionen aus.
Immense Kosten, rührende Geschichten
Warum Wale stranden, ist ungeklärt. Was einen Buckelwal in die Ostsee verschlägt, ist schon klarer: Gelegentlich verirren die Tiere sich schlicht, wenn Neugier und Nahrung sie zu neuen Ufern treiben. Exkursionen in die Ostsee bekommen ihnen allerdings nicht gut, der niedrige Salzgehalt schadet ihrer Haut, wie im aktuellen Fall zu sehen. Zusätzlich hatte der Wal sich in alten Seilen verfangen, die sich bereits in die Haut eingeschnitten hatten. Vielleicht war er dadurch so angeschlagen, dass es ihn in die Lübecker Bucht trieb.
Dort verursachte seine Rettung nun immense Kosten, für die man ganze Krötenarten über Jahre retten könnte, und ein Medienspektakel, über das man sich, siehe oben, trefflich lustig machen kann.
Aber vielleicht brauchen wir angesichts aller Krisen und Kriege diese kleinen, anrührenden Geschichten. Vielleicht gerade, weil sie für ein Aufbegehren gegen die erdrückende Hoffnungslosigkeit stehen.
Die globale Gesamtpopulation von Buckelwalen beträgt heute wieder 135.000 Tiere. In den 1970ern waren es nur noch wenige tausend. Ein ermutigender Beleg für die Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen.
Dennoch: Das bedeutet auch, dass es auf der ganzen Welt gerade noch so viele Buckelwale gibt, wie Einwohner in Metropolen wie Heilbronn, Fürth oder Offenbach am Main leben. Auch wenn der Niendorfer Buckelwal nun zurück im Meer ist, stehen nach Meinung der Fachleute seine weiteren Chancen nicht gut. Aber, und vielleicht ist das die eigentliche Lehre vom Timmendorfer Strand: Ein Funken Hoffnung bleibt. Gemeinsam können wir es womöglich schaffen. Halt durch, Großer!
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