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Re­gis­seu­r*in über Live-Sex-Theater„Theater ist immer eine Art von Voyeurismus“

Einst lockte das Salambo mit echtem Sex auf die Große Freiheit in Hamburg. Ruby Rawson möchte diesen Ort in einen zeitgenössischen Kontext setzen.

Legendäres Sex-Theater: das Salambo, links auf der Großen Freiheit an der Reeperbahn, etwa 1968 Foto: ThomasFHH/Wikipedia Commoms/CC-BY-SA

Interview von

Mara Schaaf

taz: Ruby Rawson, was erwartet das Publikum bei „Obscene“?

Ruby Rawson: Es wird eine heiße queere Sex-Show mit vielen theatralen Momenten, Gesang und Theatertricks. Es wird lustig und humorvoll.

taz: Ihre Inszenierung ist eine queerfeministische Interpretation des Salambo-Klubs, des ersten Live-Sex-Theaters auf der Reeperbahn. Wieso wollen Sie dieses Theater wieder aufleben lassen?

Rawson: Mich hat das total fasziniert. Ich habe mich gefragt, was der Unterschied zwischen filmischer Pornografie und Live-Sex ist und wie dieser Live-Moment etwas beeinflusst, das eigentlich sehr privat ist. Theater ist immer eine Art von Voyeurismus, natürlich im Einverständnis. Beim Live-Sex-Theater wird dieses Anschauen und Angeschautwerden auf die Spitze getrieben. Außerdem geht es mir um machtkritische Strukturen am Theater und um die Frage, wie es ist, dieses intime Thema ins Theater zu bringen. Dabei habe ich meine Profession als Schau­spie­le­r*in mit einem persönlichen Interesse verbunden – ich interessiere mich sehr für Sexpositivität, sowohl in der Theorie, als auch in der Praxis.

Bild: Lola Nübling
Im Interview: Ruby Rawson

28 Jahre alt, in Hamburg aufgewachsen, ist Schau­spie­le­r*in und studiert Theaterregie.

taz: Wieso orientieren Sie sich dabei an den Inszenierungen des Salambo-Klubs?

Rawson: Weil es ein sehr spannender Ort mit vielen unterschiedlichen Menschen war. Im Salambo fand aber vieles auf einer sehr heteronormativen und exotisierenden Ebene statt. Wir wollen das aufgreifen und in einen zeitgenössischen Kontext setzen, mit einem kritischen Bewusstsein, was Gender und Race angeht. Der Fokus liegt bei uns aber mehr auf Lust als auf den Schattenseiten, die nur unser Ausgangspunkt sind. Wir gehen mit der Idee daran, wie es wäre, wenn solch ein Ort ein schöner Ort wäre, wo Menschen aufeinander aufpassen.

taz: Kann Sex-Theater emanzipatorisch sein?

Rawson: Auf jeden Fall. Der Zugang zu Pornografie ist sehr leicht und jederzeit verfügbar. Ich finde es wichtig, dem eine emanzipatorische und lustvolle Auseinandersetzung entgegenzusetzen – und dabei zu fragen, was queere und weibliche Sexualität, Safe Sex, Consent und persönliche Grenzen bedeuten. Das mit verschiedenen Körpern und in unterschiedlichen Konstellationen auf einer Bühne zu erleben, hätte mir als heranwachsender Person mit sexuellem Interesse sehr viel gebracht.

Das Stück

Performance „Obscene“, Premiere am Fr, 6.2., 20.15 Uhr, Lichthof-Theater, Hamburg; auch Sa, 7.2., 20.15 Uhr

taz: War Sex-Theater auch im Salambo emanzipatorisch?

Rawson: Meiner Einschätzung nach nicht. Aber diese Empfindung wurde, je mehr ich geforscht habe, immer uneindeutiger. Durch die vielen Gespräche mit verschiedenen Menschen hat sich ein komplexes Bild des Salambo ergeben. Außerdem möchte ich darüber nicht urteilen, weil ich es selbst nie erlebt habe.

taz: Wie haben Sie sich im Vorhinein über die Dar­stel­le­r*in­nen informiert?

Rawson: Wir haben recherchiert und mit Zeit­zeu­g*­in­nen geredet. Auf St. Pauli gibt es das Erotic Art Museum, wo man sich Fotos, die Speisekarte und Requisiten des Salambo sowie Videokassetten ansehen kann. Wir durften in das Archiv des Fotografen Günter Zint schauen, der so etwas wie der Hausfotograf des Salambo war. Außerdem hat die St.-Pauli-Historikerin Eva Decker ihr Wissen mit uns geteilt.

Sex mit verschiedenen Körpern und in unterschiedlichen Konstellationen auf einer Bühne zu erleben, hätte mir als heranwachsender Person mit sexuellem Interesse sehr viel gebracht

Ruby Rawson, Re­gis­seu­r*in

taz: Was haben Sie herausgefunden?

Rawson: Das Salambo war Arbeitsort und Zuhause vieler marginalisierter Personen, wie Mi­gran­t*in­nen und trans Frauen. Über diese Menschen ist aber sehr wenig bekannt. Teilweise kennt man sie nicht einmal beim Namen. Über den Gründer des Salambos, René Durand, gibt es aber ganze Bücher. Wir wollen diese Leerstelle aufzeigen und uns fragen, wer die Per­for­me­r*in­nen waren.

taz: Inwiefern bringt ihr dokumentarisches beziehungsweise historisches Material mit in die Inszenierung ein?

Rawson: Wir stellen berühmte Salambo-Nummern nach und setzen sie Ikonen aus der lesbischen Porno- und BDSM-Szene entgegen, wie zum Beispiel Krista Beinstein und Annie Sprinkle. Wir haben uns aber bewusst dazu entschieden, die Fotos, die es aus der Zeit des Salambo gibt, ebenso wie das Videomaterial, nicht mit in die Inszenierung zu integrieren. Wir wollen bei dem Live-Moment bleiben.

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