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Regisseur über Rassismus„Die Fremdheit zerfrisst einen irgendwann“

Mit „Noah“ hat Regisseur Ali Tamim einen Film über rassistische Polizeigewalt gemacht. Der Plot wurde real, als in Oldenburg Lorenz A. erschossen wurde.

Still aus „Noah“: In einem Sinne auch autobiografisch Foto: Schuldenberg Films

Interview von

Wilfried Hippen

taz: Herr Tamim, Sie haben mit „Noah“ einen Film über und für Leute gemacht, die in Deutschland leben, aber nicht als Deutsche gelesen werden.

Ali Tamim: Genau! Schon als ich das Drehbuch zu „Noah“ geschrieben habe, war mir klar, dass dies ein Film „von uns und für uns“ sein sollte. Und wenn ihn jetzt jemand ansieht, der nicht „von uns“ ist, dann sehe ich das als einen Bonus. Aber es muss nicht sein.

taz: Ist der Film also autobiografisch, weil Sie da von ihren eigenen Lebensverhältnissen erzählen?

Tamim: Er ist autobiografisch in dem Sinne, dass die Dinge, die darin verhandelt werden, immer schon eine große Rolle in meinem Leben gespielt haben. Die Erlebnisse, von denen da erzählt wird, habe auch ich in irgendeiner Form erfahren müssen.

Bild: Max Kullmann
Im Interview: Ali Tamim

geboren 1988, wuchs in Berlin-Neukölln auf und studierte zuerst Jura und dann Regie an der Filmuniversität Konrad Wolf in Babelsberg. Sein erster Langfilm, „Noah“, hatte seine Weltpremiere beim Cairo International Film Festival 2025.

taz: Es geht im Film ja vor allem darum, dass man fremd in dem Land bleibt, in dem man lebt.

Tamim: Und diese Fremdheit zerfrisst dich irgendwann einmal. Sie macht wütend – vor allem aber sehr müde. Also muss man lernen, wie man damit umgeht. Und der erste Weg ist, dass man sagt: Man ist doch ein Deutscher. Man ist hier geboren und hat einen deutschen Pass. Aber das macht gar keinen Unterschied, weil die Leute einen nicht als einen Deutschen ansehen. Und dann muss ich mich fragen: Was bin ich denn dann? Das will ich in „Noah“ ausloten.

Als ich das Drehbuch geschrieben habe, hatte ich dabei Hanau im Kopf. Aber inzwischen habe ich gemerkt, dass der Kern des Films immer aktuell bleiben wird

taz: Im Mittelpunkt steht die Tötung des Titelhelden „Noah“ bei einer Polizeiaktion. Er selber tritt nie auf und auch von der Tat sprechen nur andere Protagonist*innen. Warum haben Sie diese indirekte Erzählweise gewählt?

Tamim: Es gab ein paar Bedingungen, die ich mir selber gesetzt habe. Eine davon war, dass wir den Gewaltakt selber nicht sehen. Für mich war immer klar, dass das Opfer Noah ein Symbol sein sollte. Für alle Prot­ago­nis­t*in­nen im Film, aber auch für jeden und jede, die „Noah“ sieht, symbolisiert er etwas anderes – und das ist gut so. Wenn ich die Tötung gezeigt hätte, dann wäre Noah einfach nur ein Gewaltopfer gewesen. Das wollte ich auf keinen Fall.

taz: Auch sonst zeigen Sie keine Diskriminierungen oder Gewaltakte.

Tamim: Das stimmt! Denn die zweite Bedingung, die ich mir selber gestellt habe, war, dass „wir“ am Ende gewinnen – dass also keiner von uns erschossen oder von der Polizei zusammengeschlagen wird.

taz: Haben Sie dann nicht einen utopischen Film gemacht?

Tamim: Absolut. Für mich geht es immer darum, in meinen Arbeiten eine Utopie zu finden. Das macht mir in der Kunst am meisten Spaß.

taz: Sie haben Ihren Film „Noah“ genannt. Aber es gibt in ihm so viele Bezüge auf die Geschichte von Moses in Ägypten, dass auch „Moses“ oder „Exodus“ gute Titel gewesen wären.

Tamim: Stimmt. Das alte Testament fasziniert mich extrem. Für mich sind diese Ansammlungen von Geschichten so etwas wie die Urtexte der westlichen Zivilisation. Ich habe das Gefühl, dass darin schon alles verhandelt wurde. Und ich frage mich immer: Wie kann ich mir das aneignen?

Die Filmvorführung

„Noah“ wird am 20. Mai um 18 Uhr im Rahmen eines Filmabends zu Rassismus und Polizeigewalt im Oldenburger Kino Cine k gezeigt.

taz: Sie haben seit 2022 an „Noah“ gearbeitet. In Oldenburg ist 2025 mit der Tötung von Lorenz A. das Gleiche passiert wie in Ihrem Film – und zwar bis ins Detail genau. Wie erklären Sie sich das?

Tamim: Als ich das Drehbuch geschrieben habe, hatte ich dabei Hanau im Kopf. Und ich habe damals gesagt, dass der Film schnell gemacht werden müsste, weil er gerade so aktuell war. Aber inzwischen habe ich gemerkt, dass der Kern des Films immer aktuell bleiben wird.

taz: Wenn „Noah“ jetzt in Oldenburg gezeigt wird, hat er dort ja einen ganz anderen Resonanzraum als an einem anderen Ort.

Tamim: Richtig. In Oldenburg wird der Film von den Menschen aus dieser Perspektive heraus gesehen werden. Und genau das sollen die Zuschauer und Zuschauerinnen ja auch machen. Sie sollen den Film in ihrem eigenen Kontext ansehen. Es ist ja nicht so, dass ich ihnen etwas auf die Nase drücken will.

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