Reform der Wirtschaftswissenschaften: Eine andere Ökonomik nach Corona

Die Ausbildung an den Universitäten sei realitätsfern, kritisiert die Gruppe „Economists for Future“. Sie fordert ein Umdenken.

Ein Mann mit einer Maske aus Gold.

Ungleichheit, sollte in die Lehrpläne der Unis – hier ein Wohlhabender Mann in Pune in Indien Foto: reuters

HAMBURG taz | Corona trifft nicht alle gleich hart. Auch der Lockdown hat Gruppen und Regionen in der Welt unterschiedlich stark getroffen – und zeigt, dass Herkunft, Hautfarbe und Geschlecht „maßgeblich das Wohlergehen beeinflussen“. So heißt es jedenfalls in einem am Mittwoch veröffentlichten Aufruf der Gruppe Economists for Future.

Der offene Brief soll die Öffentlichkeit auf die anhaltende Mängellage in der ökonomischen Ausbildung hinweisen. Themen wie Ungleichheit, Biodiversität und Klima will das neue internationale Netzwerk endlich in den Lehrplänen der Universitäten verankert wissen. Allein die deutschsprachige Fassung wurde vorab von drei Dutzend Organisationen aus Wissenschaft und Zivilgesellschaft unterzeichnet, darunter die Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, Attac und die Arbeiterkammer Wien.

Ökonomische Grundlagenveranstaltungen wirken weit über die engen Fachgrenzen der Wirtschaftswissenschaften hinaus. „Allein in Deutschland lernen über 600.000 Studierende Semester für Semester hochgradig abstrakte, einseitige und weltanschaulich problematische Vorstellungen über Ökonomie“, sagte Lukas Bäuerle, Sprecher von Economists for Future, der taz. Studierende „aus aller Welt“, von Kenia bis Deutschland, von Großbritannien bis Chile, hatten im vergangenen Jahr das Netzwerk gegründet. Sie wollen der Klima- und Umweltkrise mit den Mitteln der Wirtschaftswissenschaft beikommen.

In ihrem Aufruf „Ökonomische Bildung reformieren“ kritisieren sie die universitäre Standardlehre aus mehreren Gründen: „Was hier über Wirtschaft beigebracht wird, hat keinerlei Bezüge zu realen ökonomischen Prozessen oder Erfahrungen.“ Im Zentrum der Ausbildung stehe die Einübung abstrakter Denkmethoden, die es Studierenden eher erschwerten, Wirtschaft wirklich zu verstehen. Der enge Lehrkanon ignoriere dabei sogar den Stand der ökonomischen Forschung und Erkenntnisse aus der interdisziplinären Zusammenarbeit beispielsweise mit Meteorologen.

Eine zukunftsfähige Ökonomik müsse konkrete wirtschaftliche Phänomene und Problemlagen wie die Klimakrise nicht allein besser verstehen, sondern auch „adäquate Lösungen aufzeigen“, fordert Bäuerle, der an der Cusanus Hochschule für Gesellschaftsgestaltung in Rheinland-Pfalz lehrt. Daher wurde der Aufruf verlinkt mit didaktischen Materialien und Best-Practice-Beispielen einer pluralen Hochschullehre. Die „Bildung des Zukunftsfähigen“ in der Lehre zu verankern, sei eine der wichtigsten pädagogischen Aufgaben der Stunde.

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