Ratsmitglied zum Bonner Schulfrühstück: „Eltern fehlt das Geld oder die Zeit“

Viele Kinder leben unter der Armutsgrenze. Der Chef des Bonner Schulausschusses, Tim Achtermeyer, erklärt, warum Schulen ein Frühstück anbieten sollten.

ein Junge stützt sein Kinn auf seine Hand

Nicht jedes Kind bekommt zu Hause vor der Schule etwas zu frühstücken Foto: imago/Westend61

taz: Herr Achtermeyer, der Schulausschuss hat einen interfraktionellen Antrag an die Stadtverwaltung gestellt, um Konzepte für ein mögliches Schulfrühstück an Bonner Schulen zu prüfen. Was genau ist der Gedanke dahinter?

Tim Achtermeyer: Der Ausschuss will damit prüfen lassen, ob ein mögliches Frühstück von Kindern in den Bonner Schulen eine Option ist, um Kinderarmut entgegenzuwirken. Wir beobachten schon seit längerem, dass viele Schüler in der Stadt ohne Frühstück in die Schule kommen. Die Gründe dafür können unterschiedlich sein. Entweder den Eltern fehlt das Geld – jedes fünfte Kind lebt in Bonn und ebenfalls bundesweit unter der Armutsgrenze – oder die Zeit, manche kommen ihrer Versorgungspflicht auch einfach nicht nach.

Was ist der Anlass für diesen Antrag, warum wird er gerade jetzt gestellt?

Kinderarmut ist vor allem ein bundespolitisches Thema und Sozialpolitik im bundespolitischen Zuständigkeitsbereich. Aus meiner Sicht passiert dort deutlich zu wenig. In der Kommune können wir nur sehr bedingt etwas dagegen tun, aber wir sehen die Konsequenzen. Wir haben uns in Bonn schon länger gefragt, wie wir kommunalpolitisch gegen Kinderarmut handeln können. Im Frühling hat dann der Runde Tisch gegen Kinder- und Familienarmut beschlossen, die Forderung nach einem Schulfrühstück zu stellen. Nun sind wir dieser Forderung mit mehreren Fraktionen nachgekommen.

Was ist bei dem Konzept eines Schulfrühstückes zu beachten?

ist Co-Vorsitzender der Grünen in NRW.

Wir wollen ein Instrument schaffen, was die Kinder die hungrig in die Schule gehen tatsächlich erreicht. Damit wollen wir ein Stück Chancengleichheit schaffen – immerhin schlägt sich ein hungriger Magen auch in den Verhaltensweisen und letztendlich in den Noten negativ aus. Die große Herausforderung dabei ist, die Kinder vor Stigmatisierung zu schützen. Wenn Mitschüler merken, dass ein Kind Frühstück von der Schule bekommt, sehe ich dir Gefahr, dass die Kinder Opfer von Stigmatisierung und Mobbing werden. Ich bin in meiner Kindheit eine Zeit lang in Kanada zur Schule gegangen. Dort mussten die Kinder, die ein vergünstigtes Essen bekommen haben, dieses in einem separaten Raum verzehren. Sie hatten es in der Schule oft schwer. Das gilt es zu vermeiden.

Leiter Bonner Grundschulen haben im General-Anzeiger Bonn Skepsis gegenüber eines Schulfrühstücks geäußert und beispielsweise davor gewarnt, Eltern dazu zu verpflichten, ihre Kinder in der Schule frühstücken lassen zu müssen. Was halten Sie von dem Einwand?

Der Einwand ist richtig. Egal wie das Instrument konkret ausgestaltet wird, es darf nicht nur in einer Frühstückspflicht in der Schule enden. Für viele Familien ist das Frühstück die einzige gemeinsame Mahlzeit am Tag, bei der der Tag besprochen wird und Zeit für Familie bleibt. Das wollen wir auf keinen Fall gefährden. Wir wollen nur verhindern, dass die Schülern, die kein Frühstück zu Hause bekommen – aus welchen Gründen auch immer – mit hungrigem Magen in der Schule sitzen.

Wir dürfen gleichzeitig die Schulen nicht überfordern. Das heißt, das Schulfrühstück darf kein Bürokratiemonster werden und muss gut geplant sein. Manch einer hat sehr große Vorstellungen, was den Rahmen angeht. Je nach Konzept bräuchte man zum Beispiel Personal, Räumlichkeiten, Lieferanten, und so weiter. Der Teufel liegt hier im Detail. Wir als Kommunalpolitiker sind der Komplexität dieser Planung mit seinen vielen Aspekten nicht so gewachsen wie unsere Fachverwaltung und haben deshalb auch den Antrag an diese gestellt.

Die Ratsfraktion der SPD hat im Schulausschuss beantragt, direkt einen Betrag von 500.000 Euro für dieses Projekt bereitzustellen. Diesen Antrag verwies der Ausschuss ohne Votum an den Finanzausschuss. Wieso?

Aus meiner Sicht wäre es Symbolpolitik, nun ohne irgendeine Grundlage einfach einen aus der Luft gegriffenen Betrag X für dieses Vorhaben bereitzustellen. Die sinnvolle Reihenfolge ist eher, dass nach unserem Antrag an die Stadtverwaltung ein Konzept von dieser ausgearbeitet wird. Darauf basierend muss dann die Berechnung vorgenommen werden. Erst dann können wir fundiert über Zahlen reden.

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