Rassistische Schmierereien in Neukölln: Spore-Initiative trotzt Hassgraffiti
Das Kulturzentrum der Spore-Initiative in Neukölln zeigt, wie man kulturelle Vielfalt verteidigt. Eine rassistische Schmiererei hat man entschlossen entfernt.
Letzte Woche wurde das Gebäude der Spore-Initiative in Neukölln Opfer eines gezielten Angriffs: In großen Buchstaben prangte an der Fassade das Wort „Remigration“ – ein aufgeladener Begriff, der in aktuellen politischen Debatten und in der Rhetorik der AfD eine zentrale Rolle spielt.
Das Graffito stieß bei Team und Nachbarschaft auf Entsetzen, zugleich auf entschlossene Gelassenheit: „Wir lassen uns nicht einschüchtern, aber wir sind alarmiert“, kommentierte Pressesprecher Gurmeet Singh.
Entdeckt wurde die Schmiererei am Mittwochmorgen; Videoaufzeichnungen zeigten eine vollständig vermummte Person, die ihr „Werk“ bereits am Montag um 3 Uhr früh angebracht hatte. Sofort reagierte das Spore-Team: Meldung bei einer Nachbarschaftswache, Anzeige bei der Polizei, transparente Kommunikation in den sozialen Medien.
Die Botschaft sei ein krasser Angriff auf die Werte, die das Haus verkörpere, betont Singh: ein multikultureller, vielfältiger Kulturort, „getragen von einem Team, das von Menschen verschiedener Herkunft – viele davon People of Colour – geprägt ist.“
Mehr als ein klassisches Kulturzentrum
Die Spore Initiative ist mehr als ein klassisches Kulturzentrum. Hier treffen sich Ausstellungen, Nachbarschaftsprojekte, Filmvorführungen, Workshops und Diskussionsrunden – viele davon rund um das Thema Klimagerechtigkeit. Zugleich wird das ökologische Wissen indigener Communitys vermittelt, deren Expertise in Europa oft noch völlig unbekannt oder längst verschüttgegangen ist.
Ein aktuelles Highlight ist die Ausstellung „How the Soil Remembers“, die sich komplexen Gartenökologien widmet: von lokalem Know-how über Fürsorge und Resilienz bis hin zum Fortbestehen kolonialer Machtstrukturen in den karibischen Überseegebieten Martinique und Guadeloupe, die noch immer zu Frankreich gehören. Die Ausstellung zeigt, wie eng ökologische Praxis mit sozialer Gerechtigkeit verbunden ist.
Das Spore-Team versteht sich als Vermittler zwischen Welten, als Brücke zwischen Menschen, die den Boden unter ihren Füßen als Lebensraum begreifen, und solchen, die sich oft von der sie umgebenden Natur entfremdet fühlen.
Gurmeet Singh, Spore-Initiative
Neben den Ausstellungen werden auch Panels, Workshops, Filmvorführungen und zahlreiche Angebote für die Nachbarschaft organisiert, zum Beispiel Bewegungsbaustellen für Kinder oder Projekte, wo Jugendliche kreatives Schreiben, visuelles Geschichtenerzählen und die Erstellung von Zines ausprobieren können. Die Vielfalt der Formate unterstreicht den Anspruch des Hauses: Wissen teilen, Dialog schaffen, Mut machen – aber auch Stellung beziehen in einer Welt, die von multiplen Krisen gebeutelt ist.
Dass nun ein politisch aufgeladener Begriff wie „Remigration“ an der Fassade auftaucht, trifft mitten ins Herz dieser Mission. Die Farbe sei sofort entfernt worden, doch der Vorfall habe gezeigt, dass Wachsamkeit und Solidarität notwendig sind, so Singh.
Vorfälle wie diese sind in Berlin leider kein Novum. Bereits vor über zehn Jahren gerieten Theateraufführungen ins Visier rechter Störer: Falk Richters Stück „Fear“ an der Schaubühne wurde wiederholt unterbrochen, und auch am Maxim Gorki Theater störten rechte Gruppen. Aus solchen Erfahrung heraus gründeten Kulturschaffende 2017 die Initiative „Die Vielen“, um Solidarität zu organisieren und kulturelle Freiräume zu schützen. Sie sind nach wie vor am Start.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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