Rapper Fakemink und Xaviersobased: Sie suchen und finden Entfremdung
Der Rap von Xaviersobased (New York) und Fakemink (London) offenbart einen Vibeshift weg von der Party hin zur Politik. Wie fett ist dieser Sound?
Es gibt auf Tiktok eine Nische, in der Revolutionsromantik auf das absolute Minimum heruntergebrochen mit modernem Rapsound verwoben wird. Man sieht dann zum Beispiel ein Video vom tanzenden New Yorker Rapper Xaviersobased, ergänzt durch die Beschreibung: „Bolschewistische Revolution 1917 found footage“. Man kann das als ultrasimplen Zugang zur Politik verstehen oder als großen Quatsch. Steckt womöglich mehr dahinter? Die neuen Veröffentlichungen der beiden Rapper Xaviersobased und Fakemink, liefern Antworten.
Der 22-jährige Xaviersobased (Xavier Lopez) kokettiert öffentlich damit, dass er bisexuell ist, er komponierte einen Song namens „trans rights“ und liefert in seinen Reimen immer wieder Zeilen gegen rechtsgerichtete Politik. Man kann das als Rap mit attitude verstehen. Vor allem transportiert seine Musik aber einen abwechselnd nihilistischen und hedonistischen Blick auf die Welt, der stellvertretend steht für eine Jugend, die mehrere Jahre an die Covid-Epidemie verloren hat.
Es macht Spaß, diesem Sound zu folgen, wie er auch auf dem neuen Album „Xavier“ ungewöhnlich vor sich hin pluckert. Synthetische Sounds wabern entrückt im Äther, mal knackt es, mal klatscht es, und irgendwann setzt Xaviers Stimme ein. Die Spannbreite dieser oft selbst produzierten Songs kreist dann zwischen Clicks und Cuts, die an Jan Jelinek erinnern, bis hin zu dem, was man früher mal „Cloud Rap“ nannte – und allem, was zwischen diesen beiden Polen möglich ist.
„Clorox“ zum Beispiel klingt wie der verschobene Blick aus einem Auto, das mit 200 Sachen über den Highway rast. Alles überlagert sich. Es wirkt so, als sei die Musik bei stundenlangen Jamsessions entstanden, als hätte Xavier seine Gedanken in Echtzeit in diese floatende Wolke integriert.
Xaviersobased: „Xavier“ (Bandcamp): live: 7. April 2026 Köln „Essigfabrik“, 8. April 2026 Berlin „Hole 44“
Fakemink: „The Boy who cried terrified“ (Etna/Vera/Vela)
Abgelenkt nonstop
Was gesagt wird, ist oft pubertär. Es wirkt wie ein schnell abgesetzter Kommentar bei Social Media mit dem latenten Gefühl zwar zu erkennen, aber noch nicht zu verstehen, warum alles irgendwie entrückt ist. Diese Musik offenbart eine Idee davon, wie es sich anfühlt, in einer digitalen Welt nonstop abgelenkt und abdriftend zu versuchen, den Fokus zu bewahren.
Fakemink aus London, der am Veröffentlichungstag seiner neuen EP „The Boy Who Cried Terrified“ 21 Jahre alt geworden ist, geht es ganz ähnlich. Schon der Titel deutet darauf hin, dass es ihm trotz Oberwasser wichtig ist, die eigene Verletzlichkeit zu verstehen, Tränen zuzulassen und sich damit von Härte als Währung für Männlichkeit zu lösen.
„Ayy, runnin’ through the night, I feel alone“, rappt Vincenzo Camille alias Fakemink auf „Blow the Speaker“ und vertont damit eindrucksvoll das Gefühl von Teenage-Angst. Sein Lösungsansatz: Lautsprecher aufdrehen, den Kopf durchpusten. Auch dafür funktioniert diese Musik gut.
Fakemink speist seinen Sound ähnlich wie Xaviersobased aus dem unendlichen Buffet der Genres, die sich seit Anfang des Jahrtausends entwickelt haben. Am wichtigsten ist, all die Bruchteile in eine Form zu gießen, die funktioniert und dafür sorgt, dass die Musik nicht zerfällt. Diese fragile Mischung aus Distortion und Gesang, aus verzerrter Stimme und linearen Beats ist der perfekte Unterbau für das Entfremdungsgefühl, das Fakemink zu vertonen versucht. „Like, maybe I’m an animal / Maybe half human / Life feels like a TV show, Truman“, singt er.
Xaviersobased und Fakemink sind beide Suchende, die sich und die Welt um sich herum genau beobachten. Es wird interessant sein, ihnen auch in ein paar Jahren bei der Analyse ihrer Beobachtungen zuzuhören. Bis dahin sind beide ein Garant für Sounds, die man so noch nie gehört hat. Auch das ist eine Errungenschaft in Zeiten, in denen generische KI-Musik das Internet flutet.
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