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Ramadan in HamburgWarum mache ich das?

Seit neun Jahren macht unser Autor Ramadan in Deutschland. Jetzt, wo der Fastenmonat für ihn in Hamburg zu Ende geht, hat er gemischte Gefühle.

Am ersten Tag des Ramadan gemeinsam Iftar zu Hause in Hamburg Foto: Eman Helal/dpa

I n den letzten Tagen ist für viele Mus­li­m*in­nen der Ramadan zu Ende gegangen– auch hier in Hamburg, wo circa 150.000 Mus­li­m*in­nen leben. Für viele ist es eine besondere Zeit im Jahr, auf die sie sich lange freuen.

Ich habe schon mehrmals in dieser Kolumne und anderswo darüber geschrieben, wie und warum sich Ramadan für mich in Deutschland anders anfühlt. Ich habe mich dabei vor allem um die Frage gedreht: Wie findet der Ramadan seinen Platz in der deutschen und in meiner Hamburger Gesellschaft – und geht dabei etwas verloren?

Hier in Deutschland muss sich der Fastenmonat in einen Alltag integrieren, der von Geschwindigkeit, Effizienz und Leistung geprägt ist. In meinem Verständnis steht Ramadan aber für Geduld, Enthaltsamkeit und einen bewussten Umgang mit dem, was fehlt.

Die letzten Jahre habe ich festgestellt, dass eine zunehmende Kommerzialisierung des Ramadan der Versuch ist, eine Brücke zwischen diesen zwei Polen zu schlagen.

Hasskommentare unter Ramadan-Post von Edeka

Nach neun Jahren Ramadan in Deutschland stelle ich fest: Erst fand ich, er wurde ignoriert, dann konsumierbar gemacht – aber beides verfehlt, was er mir und vielen Mus­li­m*in­nen eigentlich bedeutet.

Dieses Jahr versuche ich also darüber zu reflektieren, wie ich diesen Ramadan in Hamburg erlebt habe. Zum einen habe ich mehr Fenster oder Haustüren gesehen, die geschmückt sind. Ich habe bemerkt, dass mein Kind den Ramadan zum ersten Mal wahrnimmt.

In den letzten Jahren hat der Ramadan für mich so viel vom Sozialen und Feierlichen verloren, das ihn eigentlich ausmacht.

Andererseits startete der Monat (in den sozialen Medien) mit einer Welle von negativen, zum Teil hasserfüllten Kommentaren unter einem Facebook-Post der Supermarktkette Edeka, mit dem das Unternehmen einen guten Start in den Ramadan wünschte.

All das bewegt mich. In den letzten Jahren hat der Ramadan für mich so viel vom Sozialen und Feierlichen verloren, das ihn eigentlich ausmacht. Das gemeinsame Erleben, das viele aus ihren familiären Herkunftsländern kennen, fehlt. Fasten wird dadurch zu etwas sehr Persönlichem und manchmal sogar zu etwas Einsamem.

Liegt im Hinterfragen des Fastens eine Stärke?

Ich werde häufiger gefragt und muss mich dadurch selber fragen: Warum mache ich das eigentlich?

Dabei, und das nur mal so am Rande, sind Mus­li­m*in­nen und ihre Feste gar nichts Neues in Hamburg. Schon im 18. Jahrhundert kamen Muslime als Händler und Matrosen in die Stadt. Später, in den 1960er und 1970er Jahren, wuchs die Community durch Arbeitsmigration, danach durch Fluchtbewegungen stark an.

Zurück zu dem Warum und Wie: Vielleicht liegt im Hinterfragen selbst auch eine Stärke. Wer begründen muss, warum er fastet, denkt wiederholt darüber nach, was das Fasten bedeutet. Und aus diesem Nachdenken entstehen manchmal neue Formen von Gemeinschaft: Iftar-Abende, zu denen auch Nichtfastende kommen. Abendessen-Einladungen, die vielleicht nicht den Traditionen entsprechen, aber liebevoll gemeint sind. Momente, in denen Ramadan nicht erklärt werden muss, weil er einfach geteilt wird. Neue Versuche, neue Traditionen, die auch zu Hamburg gehören wollen.

Ramadan in Hamburg bedeutet für mich zunehmend beides: Dass ich mich manchmal unsichtbar fühle und gleichzeitig den Wunsch habe, sichtbarer und stolz sein zu wollen.

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