Proteste um den America's Cup: Ein großes Unglück im Schatten des Vesuvs
Die Region um Neapel hat mit Übertourismus und Umweltverschmutzung zu kämpfen. 2027 soll der America's Cup dort starten – zu viel für viele Anwohner.
Wenn bei Procida die rote Sonne im Meer versinkt und den ehemaligen Italsider-Hochofen in ein gespenstisches Orange taucht, scheint der Golf von Neapel in einer zeitlichen Schwebe zu liegen. Auf der einen Seite wartet eine aufregende Zukunft, erkennbar an den Silhouetten der AC75-Rennjachten, die für den America’s Cup 2027, dem prestigeträchtigsten Segelevent der Welt, gerüstet sind und nur darauf warten, über das neapolitanische Meer zu rasen.
Auf der anderen Seite harrt eine Vergangenheit, die nie zu vergehen scheint: eine dreißig Jahre alte industrielle Wunde, aus der immer noch Gift strömt. Neapel bereitet sich darauf vor, einen der größten Sportwettbewerbe überhaupt auszurichten, und das auf einem sozialen und ökologischen Schlachtfeld. Besonders in Bagnoli, dem Stadtteil Neapels, der als Standort für das Regattadorf ausgewählt wurde, wird der America’s Cup mit Argwohn betrachtet: Hier befürchten die Menschen, dass das Event vieles eher schlimmer als endlich besser macht.
Fast ein Jahrhundert lang barg dieser Abschnitt der Phlegräischen Küste im Schatten des Vesuvs das Herz der italienischen Stahlindustrie. Italsider (ehemals Ilva) war nicht nur eine Fabrik; es war eine Stadt in der Stadt, die tausenden Familien Arbeit bot und das Wirtschaftswunder Süditaliens befeuerte. Doch die Umwelt zahlte den Preis für den Fortschritt. Als das Werk 1993 endgültig seine Pforten schloss, hinterließ es abertausende Quadratmeter vergifteten Terrains.
Das Gebiet um Bagnoli ist eines der verschmutzesten ehemaligen Industriegebiete Europas. Bodenproben legten die gesamte Palette chemischer Schrecken offen: Arsen, Blei, Zink, Quecksilber, polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und den stillen Killer Asbest. Der Strandsand besteht größtenteils aus Produktionsabfällen, das Baden im Meer ist seit etwa dreißig Jahren verboten. Den Meeresboden bedeckt eine Schlammschicht, die die Meeresfauna erstickt und die Küste zu einer ewigen „roten Zone“ gemacht hat.
Ob dieser Dauernaturkatastrophe kippte am 3. März diesen Jahres endgültig die Stimmung. Hunderte Anwohner, die Initiativen wie „No America’s Cup“, „Mare Libero Napoli“ und andere gebildet hatten, probten den Aufstand, als im Rathaus eine Anhörung zu dem hochklassigen Segelevent stattfinden sollte.
Kritik an Neapels Bürgermeister
Am Ende gab es zwar nur einen verhafteten Demonstranten. Der symbolische Schaden aber war enorm: Besonders Bürgermeister Gaetano Manfredi gab ein äußerst bemitleidenswertes Bild ab. Er verschanzte sich hinter Barrikaden und einem massiven Polizeiaufgebot, das ihn vor dem Volkszorn schützen sollte: Weiter voneinander entfernt können Volk und Volksvertreter gar nicht sein.
Dabei haben die Anwohnenden gar nicht unbedingt etwas gegen Segelsport – der immerhin vergleichsweise emissionsfrei daherkommt. Für sie steht nichts weniger als ihre Zukunft auf dem Spiel: „Wir warten seit Jahrzehnten auf die Sanierung von Bagnoli“, sagt Luigi, ein Bewohner der westlichen Vororte. „Und natürlich freuen wir uns, wenn dieser Teil von Neapel – der viel zu lange dem Verfall preisgegeben war – endlich wiederentdeckt wird. Aber bislang sieht es aus, als ob der ganze Mist weiter unter den Teppich gekehrt wird, statt ihn wirklich nachhaltig zu beseitigen. Eine Grundsanierung ist bitter nötig, aber sie sollte den Einwohnerinnen dienen, nicht einer kleine Elite, die nur an Jachthäfen und Hotels interessiert ist.“
Der America’s Cup wird als Auslöser für „wilde Gentrifizierung“ gesehen. Tatsächlich sieht der Plan den Bau neuer Luxushotelkomplexe und hochwertiger Unterkünfte vor, um die weltweite Segelelite willkommen zu heißen. Und das in einer Stadt, die seit Langem schon unter den Folgen des Übertourismus (Overtourism) leidet – das historische Zentrum hat sich in einen Themenpark für Touristen verwandelt, die Mieten in der Innenstadt sind unerschwinglich geworden. Die Anwohnenden befürchten, dass Bagnoli das nächste Viertel sein wird, das unter dem internationalen Ansturm zusammenbricht.
Fabio, dessen Familie seit mehr als fünf Generationen in Bagnoli lebt, ist ebenfalls nicht gegen den America’s Cup, befürchtet aber, dass er der lokalen Wirtschaft eher nicht zugutekommt: „Es wird die größte Immobilienspekulation der letzten fünfzig Jahre sein, die das Viertel und seinen Charakter für immer verändern wird – zum Nachteil der Menschen, die dort leben. Was wir aber nicht brauchen“, sagt er, „sind Hotels für Touristen, die nur für die Regatta kommen. Das Viertel muss sicher gemacht und durch ein ernsthaftes Projekt zurückgewonnen werden, das Spekulanten fernhält.“
Regierung und Verwaltung behaupten, „der America’s Cup sei ein positiver Schock“, also der Anstoß, um den Sanierungsprozess zu beschleunigen, der nach dreißig Jahren voller Skandale und Bürokratie ins Stocken geraten ist. Experten der Bürgerinitiativen prangern jedoch eine „kosmetische Sanierung“ an, die nur an der Oberfläche arbeitet, um das Gebiet für Touristen und mediale Verwertung zugänglich zu machen.
Eine echte Sanierung würde kontrollierte Ausbaggerungen und technische Arbeiten erfordern, die so derzeit nicht stattfinden. Die größte Angst der Bewohner Bagnolis ist, dass nach dem Ende der Regatta die tief sitzende Kontamination des Geländes bleibt, wo sie ist – tief versteckt unter einer Schicht aus Asphalt und Luxushotels.
Schlechte Erfahrungen
Dieses genauso tief liegende Misstrauen ist das Ergebnis jahrzehntelanger Misswirtschaft. Seit 1994 wurden Millionen Euro für gescheiterte Projekte wie „Bagnoli Futura“ ausgegeben, ein 2002 gegründetes öffentliches Unternehmen, das im Mai 2014 inmitten von Schulden und strafrechtlichen Ermittlungen in Konkurs ging.
Und die Stadt Neapel, die ohnehin international nicht den besten Ruf hat, steht wieder vor großen Herausforderungen. Einerseits verfügt sie über eine außergewöhnliche Anziehungskraft und einer einzigartigen geografischen Lage und kann so weltweite Aufmerksamkeit auf sich ziehen; andererseits sind ihre Politiker chronisch unfähig, die strukturellen Probleme anzugehen, was Umwelt und Gesundheit sowie das Soziale betrifft.
Bürgermeister Manfredi beharrt auf einer internationalen Revitalisierungsstrategie und sieht die Segelregatta als einzigartiges Schaufenster für ein modernes und dynamisches Neapel. Doch seine Bürger reagieren darauf mit Wut, was angesichts weiter steigender Zahlen von Atemwegserkrankungen in der Nachbarschaft und dem Umstand, sich im eigenen Zuhause wie unwillkommene Gäste behandelt zu fühlen, auch kein Wunder ist.
Der America’s Cup 2027 wird nicht nur ein Wettstreit zwischen Skippern und modernster Technologie sein. Er wird die soziale Belastbarkeit der drittgrößten Stadt Italiens auf die Probe stellen. Und wenn die Regatta über die Bühne geht – sofern die Winde weh’n schnell und ohne Rücksicht auf das, was unter der Oberfläche liegt – wird die Kluft zwischen Stadt und Bevölkerung voraussichtlich nur noch tiefer geworden sein.
Dabei liegen die Forderungen der Menschen von Neapel auf der Hand: Erst die Gesundheit, dann das Spektakel. Erst ein sauberes Meer für alle, dann Anlegestellen für Jachten. Während die Vorbereitungen auf den America’s Cup schon auf Hochtouren laufen, hat der Kampf um Bagnoli gerade erst begonnen.
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