Proteste in Belarus – ein Jahr danach: Fotos aus einem anderen Leben

Vor einem Jahr protestierten Zehntausende Be­la­rus­s*in­nen gegen Machthaber Lukaschenko. Doch der ist immer noch da. Und die Angst ist zurück.

Protestierende in Belarus halden Schilder hoch.

Protest in Minsk: Der Beginn der Proteste ist ein Jahr her, doch Lukaschenko noch immer da Foto: Natalia Fedoseno/imago

In meinem Telefon ist nur noch wenig Platz, deshalb habe ich beschlossen, einige Fotos zu löschen. Und so klicke ich mich durch Fotos und Videos vom vergangenen Jahr und traue meinen Augen nicht. Das ist ein anderes Leben. Ein Leben, das es nicht mehr gibt. Die drei „Grazien“, wie die Be­la­rus­s*in­nen den Frauenwahlstab von Veronika Zepkalo, Swetlana Tichanowskaja und Maria Kolesnikowa genannt haben, halten in einem großen Stadtpark eine Wahlkampfveranstaltung ab.

Veronika spricht davon, dass viele Be­la­rus­s*in­nen wegen der ungünstigen wirtschaftlichen Lage weggingen: „Jedes Jahr, man stelle sich das vor, verlassen 40.000 Menschen Belarus. So viele Einwohner*innen, wie zwei mittelgroße Städte. Wir verlieren unser Volk!“

Aus heutiger Sicht erscheinen diese Worte naiv. Allein in diesem Jahr haben Hunderttausende Belarus den Rücken gekehrt. Der Exodus geht weiter, um sich in Sicherheit zu bringen. Diese Emigration ist erzwungen, ungerecht und schrecklich. Innerhalb von zwei Stunden packst du zusammen und denkst, dass du in einem oder zwei Monaten wieder zurückkehrst. Letztendlich findest du dich in einem unbekannten Land wieder, praktisch ohne Geld und das für mindestens ein halbes Jahr.

Genau das ist meiner Freundin Anna passiert. Sie musste überstürzt nach Vilnius ausreisen. Zuvor war sie von den Sicherheitsbehörden vorgeladen worden, weil sie sich in den sozialen Netzwerken geäußert hatte.

Oppositionelle: Maria Kolesnikowa und Wiktor Babariko

Ich klicke mich weiter durch die Fotos. Auf einem umarmt mich Maria Kolesnikowa und sagt: „Janka, ich werde dir niemals verzeihen, dass du es abgelehnt hast, für unseren Pressedienst zu arbeiten (für den Präsidentschaftskandidaten Wiktor Babariko)“. Sie lächelt dabei.

Maria kenne ich seit 2015. Da war sie noch Flötistin und pendelte zwischen Minsk und Stuttgart. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass Maria eine politische Führungspersönlichkeit werden würde, hätte ich das nicht geglaubt.

Heute verstehe ich: Hätte ich zugestimmt, für Babarikos Kampagne zu arbeiten, hätte ich heute diese Zeilen für die taz wohl nicht schreiben können. Denn ich wäre dort gewesen, wo Maria Kolesnikowa und Wiktor Babariko jetzt sind – im Gefängnis.

Und mir und meinem Kumpel Andrei Aleksandrow hätten 15 Jahre Freiheitsentzug wegen Landesverrats gedroht. Das ist schon Wahnsinn, wenn du Menschen hilfst, ihre Geldstrafen wegen der Teilnahme an einer Protestaktion zu bezahlen, und dir dann unterstellt wird, du würdest sie finanzieren.

Glaube an Veränderung

Und da, ein Foto von den ersten Protestaktionen. Frauen in weißen Kleidern haben eine Menschenkette der Solidarität gebildet. Ein Mann hat einen Arm voll Rosen gekauft und verteilt die Blumen. Wo habe ich sein Gesicht schon einmal gesehen? Ach ja, genau, das ist Stepan Latypow – der Mann, der jetzt nur deswegen in Haft ist, weil er Polizeikräfte gefragt hat, was sie im Hof seines Hauses täten.

Ein anderes Foto: Da stehe ich mit einem Plakat in der Hand, auf dem in belarussischer Sprache steht: „Zähl uns einfach!“ Das ist ein Appell an die Leiterin der Zentralen Wahlkommission Lidia Jermoschina, die verkündet hatte, dass 80 Prozent der Be­la­rus­s*in­nen für Alexander Lukaschenko gestimmt hätten. Freunde von mir waren Be­ob­ach­te­r*in­nen in Wahllokalen und wissen ganz genau, dass diese Zahl eine Fälschung ist.

Ich klicke mich weiter durch die Fotos und beginne zu weinen. Ich sehe Schau­spie­le­r*in­nen des Freien Theaters, sie drehen mit dem Regisseur Aleksei Polujan gerade den Film „Courage“, der auf dem Festival Berlinale Special gezeigt wurde. Sie alle waren gezwungen, das Land zu verlassen.

Ich sehe meine Kol­le­g*in­nen aus dem Presseclub, die seit Anfang des Jahres im Gefängnis sind, weil sie angeblich keine Steuern gezahlt haben. Wir lächeln alle, sind voller Hoffnung. Und tatsächlich, wir haben Mut geschöpft. Wir glaubten an Veränderungen. Aber da wissen wir noch nicht, wie schrecklich diese Veränderungen für uns werden würden.

Nachbarschaftliche Solidarität in den Hinterhöfen

Ein anderes Foto: Ich binde mit meinen Nachbarn rote und weiße Bändchen an einen Zaun. Dann essen wir Torte und trinken Tee. Wir wissen noch nicht, dass bei den Betreibern des Hofchats auf Telegram bald Hausdurchsuchungen statt­finden und sie Belarus verlassen müssen.

Ich kann diese Fotos nicht löschen, sie sind meine Geschichte, meine Hoffnung. Das ist wie eine Retrospektive der Zivilgesellschaft, eine Fixierung der Ereignisse, wie der Faschismus im 21. Jahrhundert nach Europa zurückgekehrt ist.

Ja, ich weiß, dass das schrecklich klingt. Aber das, was in meinem Land passiert, das ist Faschismus und ein Genozid am belarussischen Volk. In Belarus hat eine verbrecherische politische Gruppe die Macht an sich gerissen, der nichts heilig ist und an deren Händen Blut klebt. Sie versucht, alle kritisch denkenden Menschen in die Emigration zu drängen.

Wenn eine Person nicht freiwillig geht, dann bedeutet das, sie fährt ein. Das Ergebnis ist: Es bleiben nur diejenigen, die für Lukaschenko, für „Stabilität“ sind. „Bei uns herrscht kein Krieg, ich habe Brot mit Butter.“ Das ist ein Satz, wie ein/e vorbildliche/r Be­la­rus­s*in nach Meinung der Staatsmacht sein sollte. Aber das ist eine Philosophie der Sklaverei.

Staatlicher Ausverkauf

Fragt mich jemand, welche Perspektiven ich sehe, sage ich mit Bedauern: Wir werden zum Schnäppchenpreis an Russland verkauft. Lukaschenko übergibt mein Vaterland an Präsident Wladimir Putin. Um seines eigenen Vorteils willen, ist er zu allem bereit. Er hat klar davon gesprochen, dass russische Panzer schon morgen einrücken könnten. Er glaubt nicht daran, dass ihn dasselbe Schicksal wie Ceaușescu (rumänischer Diktator, er wurde am 25. Dezember 1989 hingerichtet; d. Red.) ereilen könnte.

Aber offen gesagt ist Lukaschenko bereits ein politischer Leichnam. Und wenn Putin zu dem Schluss kommt, dass er eine Provinz Belarus braucht, wird Lukaschenko entfernt – physisch. Einen psychisch instabilen Gouverneur braucht Russland nicht. Leider muss ich feststellen, dass das belarussische Volk nicht so leidenschaftlich ist, wie die Ukrainer*innen. Es lässt zu, sich verspotten und aus dem Haus werfen zu lassen. Es lässt zu, dass seine Unabhängigkeit verkauft wird.

Das Ende der Euphorie

Noch vor einem Jahr waren wir voller Hoffnung, wir versuchten zu protestieren, doch jetzt ist die Zeit der Depressionen angebrochen – der Depressionen und Repressionen.

Die Menschen gehen nicht mehr auf die Straße. Niemand zündet mehr in der Öffentlichkeit Kerzen im Gedenken an die Gestorbenen an, niemand geht mehr in weiß-roter Kleidung hinaus. Wir sitzen still in der Küche und trinken verbittert Wodka. Und wir hoffen auf ein Wunder. Doch kann es ein Wunder geben, wenn wir nichts tun? Ich habe keine Antwort auf die Frage: „Was wird sein?“

„Uchodi!“, „Hau ab!“ Das war nur einer der Schlachtrufe, die 2020 in vielen belarussischen Städten zu hören waren. Der Adressat: Alexander Lukaschenko, der mit einer dreist gefälschten Präsidentenwahl am 9. August den Bogen endgültig überspannt hatte. Zehntausende Be­la­rus­s*in­nen gingen wochenlang auf die Straße.Ein Jahr danach bilanzieren belarussische Teil­neh­me­r*in­nen im taz-Panter-Workshop die Ereignisse. Ihnen allen ist gemein, dass ihr Wille, zu Veränderungen beizutragen, ungebrochen ist – allen Rückschlägen zum Trotz. Dieser Text ist erscheinen auf den Sonderseiten der taz-Panter Stiftung „Glaube, Liebe, Hoffnung“.

Ich lebe von Tag zu Tag und habe Angst, dass jemand an die Tür klopft. Ich versuche, so gut wie möglich meine Familie zu schützen. Ich will mein Land nicht verlassen. Hier ist mein Zuhause, meine Heimat.

Für die taz schreibe ich unter Pseudonym, damit sie mich nicht finden und in der Hoffnung, dass es Deutschland nicht egal ist, was in Belarus passiert.

Als wir uns mit der taz das „Minsker Tagebuch“ ausgedacht haben, konnten wir nicht ahnen, dass dieses Projekt so lange dauern würde. Ich möchte so gerne eine Folge schrei­ben, in der ich die Geburt eines neuen Belarus feiere, ohne Lukaschenko. An diesem Tag wird in Belarus der Sekt ausgehen, weil die Menschen auf den Straßen alle miteinander anstoßen. Ich glaube, dass dieser Tag kommen wird. Bestimmt.

Aus dem Russischen Barbara Oertel

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Mehr Geschichten über das Leben in Belarus: In der Kolumne „Notizen aus Belarus“ berichten Janka Belarus und Olga Deksnis über stürmische Zeiten – auf Deutsch und auf Russisch.

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