Proteste im südafrikanischen Soweto: Damals für Freiheit, heute gegen Migranten
Fünfzig Jahre ist der Schüleraufstand von Soweto her. Der Kampf um Perspektiven richtet sich nun nicht gegen die Regierung – sondern gegen Ausländer.
Fünfzig Jahre ist es her, seit am 16. Juni 1976 ein Schülerprotest in Südafrikas größtem Schwarzen Township Soweto blutig niedergeschlagen wurde. 176 Kinder wurden getötet, als die Polizei des damaligen weißen Apartheidstaates auf Tausende demonstrierende Schüler schoss. Sie protestierten gegen die Einführung der weißen Burensprache Afrikaans, als „Sprache der Unterdrücker“ angesehen, als verpflichtende Lehrsprache an Schwarzen Schulen. Hunderte weitere starben in den Monaten danach bei weiteren Protesten.
Der Schüleraufstand von Soweto gilt als wichtiger Auslöser des breiteren Schwarzen Widerstands gegen die Rassentrennung, der schließlich in den 1990er Jahren die Apartheid zu Fall brachte. Das demokratische Südafrika begeht seitdem den 16. Juni als Feiertag, genannt „Tag der Jugend“.
Die Freiheiten, die frühere Generationen unter Einsatz ihres Lebens erkämpften, müssten heute in echte Chancen für die Nachkommen umgesetzt werden, sagte Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa von der ehemaligen Befreiungsbewegung ANC (African National Congress) in einer Botschaft zum diesjährigen 50. Jahrestag. Diesem Ziel sei seine Regierung verpflichtet.
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„Vor fünfzig Jahren stand die Jugend gegen Ungerechtigkeit auf und forderte das Recht auf Lernen, auf Träumen und auf eine selbstbestimmte Zukunft“, sagte Ramaphosa. „Ihr Mut half, die Türen zur Freiheit zu öffnen. Unsere Generation hat die Verantwortung, dass diese Türen zu Chancen führen.“
Ausschreitungen gegen afrikanische Zuwanderer
Viele junge Menschen in Südafrika sind heute frustriert, weil sie trotz guter Ausbildung keine gute Arbeit finden, gab der Präsident zu – die Arbeitslosenquote in Südafrika liegt bei rund 30 Prozent. „Wir wissen, dass für viele junge Südafrikaner das Versprechen von Demokratie weit entfernt erscheint, wenn Arbeitsplätze knapp sind, Chancen außer Reichweite liegen und Qualifikationen nicht in eine Anstellung münden“, sagte er.
Inklusives Wirtschaftswachstum sei nötig, um daran etwas zu ändern. Deswegen betreibe seine Regierung Wirtschaftsreformen und investiere in Infrastruktur, dazu habe sie private Investitionszusagen von 890 Milliarden Rand (gut 47 Mrd. Euro) im vergangenen Jahr gesichert. Da das alleine noch nicht genügend Arbeitsplätze schaffe, gebe es weitere staatliche Förderprogramme für Jugendliche.
Das Selbstlob steht in Kontrast zu den Ereignissen der letzten Wochen, in denen Südafrika verbreitet Ausschreitungen durch Jugendbanden gegen afrikanische Zuwanderer erlebte, die mehrere Länder dazu gebracht haben, ihre Landsleute zu evakuieren. 2.745 Ausländer hätten in der vergangenen Woche das Land verlassen, gab Südafrikas Innenministerium am Sonntag bekannt.
Radikale selbst ernannte Bürgerwehren haben eine Frist bis 30. Juni gesetzt, dass alle afrikanischen Ausländer Südafrika verlassen sollen, da ihre Anwesenheit für die hohe Kriminalitätsrate und die hohe Arbeitslosigkeit verantwortlich sei – rund 3 Millionen afrikanische Migranten leben in Südafrika, etwa 5 Prozent der Bevölkerung.
Tedros Adhanom Ghebreyesus, WHO-Generalsekretär
Südafrika reagiert scharf
Am Wochenende eskalierte das zu einem diplomatischen Zwist mit dem äthiopischen Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus. „Es ist zutiefst erschütternd, eine weitere Welle ausländerfeindlicher Gewalt in Südafrika zu erleben“, sagte er am Sonntagabend und nannte insbesondere den Tod mehrerer Äthiopier und Mosambikaner.
„Dass Südafrika ausländerfeindlich wird, ist ein tragischer Verrat am Kampf des Landes für Unabhängigkeit und Freiheit. Afrikanische Nationen standen zusammen, um die Apartheid zu beenden; Äthiopien war stolz darauf, 1962 Nelson Mandela zu unterstützen und ihm einen Pass zu geben, damit er den Kontinent bereisen konnte, andere Länder halfen auf vielfältige Weise, politisch und finanziell.“ Sorgen über Zuwanderung müssten auf legale Weise behandelt werden, so der WHO-Chef. Kollektive Bestrafung von Zuwanderern und Milizengewalt seien inakzeptabel. „Südafrika verdient etwas Besseres. Afrika verdient etwas Besseres.“
Ein südafrikanischer Analyst, der aus Angst seinen Namen nicht genannt sehen will, sagte, die Worte des WHO-Chefs seien von „erheblichem moralischen, diplomatischen und politischen Gewicht“. Weil er ein so hochrangiger Offizieller sei und weil er direkt an Afrikas Solidarität mit Südafrikas Kampf gegen die Apartheid appelliere, seien sie „mehr als nur eine kritische Bemerkung – sie sind eine Warnung bezüglich Südafrikas Stabilität und Stellung in der Welt“.
Südafrikas Präsidentschaft reagierte scharf. Die getöteten Äthiopier seien Opfer des organisierten Verbrechens gewesen, Ermittlungen seien im Gange. Und der Tod mehrerer Mosambikaner werde ebenfalls untersucht, erklärte das Büro des Präsidenten.
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