Proteste gegen Francesca Albanese: Wie in einem schlechten Film
Am Montag wird die UN-Sonderberichterstatterin für Palästina, Francesca Albanese, in Berlin erwartet. Dagegen gibt es Proteste.
Die FDP ruft zum Protest auf. „Keine Bühne für Antisemitismus im Babylon“, postete der Berliner Landesverband der Partei am Mittwoch auf seinem Instagram-Kanal, und die FDP-Politikerin und Aktivistin Karolin Preisler ruft dazu auf, sich am Montagabend vor dem geschichtsträchtigen Babylon-Kino in Berlins Mitte zu versammeln. Dort wird die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese erwartet. Gemeinsam mit dem französischen Regisseur Christophe Cotteret soll sie der Vorführung der arte-Dokumentation „Disunited Nations – die UNO und der Nahe Osten“ beiwohnen und anschließend dem Publikum Frage und Antwort stehen. Laut Polizei sind insgesamt drei Protestkundgebungen vor dem Kino angekündigt.
Francesca Albanese ist für manche ein rotes Tuch. Sie ist seit 2022 „UN-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechtslage in den seit 1967 besetzten palästinensischen Gebieten“, so ihr vollständiger Titel. In dieser Funktion legt die italienische Juristin regelmäßig Berichte zu menschenrechtlichen Aspekten der israelischen Besatzung vor. Erst in der vergangenen Woche präsentierte die 48-Jährige einen neuen Bericht, diesmal zur Lage der rund 10.000 palästinensischen Gefangenen in israelischer Haft. Albanese beschuldigt Israels Regierung, seit dem 7. Oktober 2023 in großem Umfang systematisch Folter anzuwenden, und zitiert Beispiele für extrem grausame Misshandlungen wie Aushungern, schwere sexuelle Gewalt und Quälereien mit Todesfolge. Ihr Bericht trägt den Titel „Folter und Völkermord“.
Darüber hinaus hält Albanese Vorträge, gibt Interviews und ist in den sozialen Medien aktiv. Mit einzelnen Tweets sorgte sie immer wieder für Kontroversen. Nach dem Hamas-Massaker am 7. Oktober schrieb sie etwa, dessen Opfer seien nicht aus Antisemitismus getötet worden, sondern als Folge der israelischen Unterdrückung der Palästinenser. Nach einer Rede Netanjahus vor dem US-Kongress teilte sie auf der Plattform X einen Post, in dem man einen Vergleich mit Adolf Hitler sehen konnte.
Bisherige Besuche unter erschwerten Bedingungen
Schwerer wiegt aber wohl, dass die UNO-Sonderberichterstatterin der israelischen Armee vorwirft, in den besetzten palästinensischen Gebieten Kriegsverbrechen zu begehen und schon sehr früh von einem Völkermord in Gaza sprach.
Als Albanese im Februar 2025 nach Deutschland kam, wurden mehrere Auftritte von ihr nach politischem Druck kurzfristig abgesagt, darunter Vorträge an der Ludwig-Maximilians-Universität München und der Freien Universität Berlin. Albanese und ihre Gastgeber mussten in andere Räumlichkeiten ausweichen, wo die Veranstaltungen unter erschwerten Bedingungen und unter massiver Polizeipräsenz stattfanden.
Im Juli 2025 verhängte die US-Regierung unter Donald Trump harte Sanktionen gegen Francesca Albanese: Dazu gehören eine Einreisesperre in die USA, der Entzug ihres Visums sowie das Einfrieren sämtlicher Vermögenswerte in den Vereinigten Staaten. Die Sanktionen betreffen direkt ihren Ehemann, Massimiliano Cali, und ihre minderjährige Tochter. Sie können nicht mehr in die USA einreisen, kein Bankkonto eröffnen und dürfen ihr Haus in Washington D.C. weder besuchen noch verkaufen. Albanese bezeichnete die Maßnahmen als Einschüchterungsversuche im „Mafia-Stil“ und reichte Klage gegen die US-Regierung ein.
Rücktrittsforderungen nach Fake-Video
Im Februar 2026 gab es wieder Wirbel um sie. Die pro-israelische NGO „UN Watch“ setzte das Gerücht in die Welt, Albanese habe bei einem vom Nachrichtensender Al Jazeera organisierten Online-Forum Israel als „gemeinsamen Feind der Menschheit“ bezeichnet, und verbreitete ein entsprechendes Video. Die Außenminister Frankreichs und Deutschlands forderten den Rücktritt der UN-Sonderberichterstatterin von ihrem Posten, den diese ablehnte. Später stellte sich heraus, dass das Video mithilfe von KI manipuliert und die Aussage sinnentstellend verkürzt worden war.
Tatsächlich hatte Albanese die Länder kritisiert, die Israel bewaffnen und es unterstützen, und dass gewöhnliche Bürger und Bürgerinnen keine Kontrolle über Finanzkapital, Algorithmen oder Waffen haben. In diesem Zusammenhang sprach sie von einem „gemeinsamen Feind“. Später stellte sie klar, dass sie damit „das System“ gemeint habe, das Kriege wie jenen in Gaza ermögliche. Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot löschte daraufhin seinen Tweet, in dem er Albaneses Rücktritt gefordert und sie beschuldigt hatte, „empörende und verwerfliche Bemerkungen“ gegen Israel „als Volk und als Nation“ gemacht zu haben.
Der deutsche Außenminister Wadephul hält dagegen an seiner Rücktrittsaufforderung fest und behauptet, diese habe nichts mit dem bearbeiteten Video zu tun. Im Zuge der Affäre erhielt Albanese aber auch Unterstützung. Mehr als 100 Prominente aus der Kulturwelt bekundeten ihre Solidarität, darunter die britische Sängerin Annie Lennox und der US-Schauspieler Mark Ruffalo. Auch Amnesty International verurteilte die Angriffe auf Albanese.
Im Vorfeld wurde eine Absage gefordert
Zur gleichen Zeit wurde bekannt, dass Albanese nach Berlin kommen sollte. Prompt forderten der israelische Botschafter Ron Prosor, der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Volker Beck, und diverse pro-israelische Gruppen, die Veranstaltung abzusagen. Weil das Kino Babylon von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur finanziell gefördert wird, richtete sich diese Kritik auch an Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson. Diese sagte, der Auftritte von Albanese sei „nur schwer auszuhalten“, aber von der Kunstfreiheit gedeckt.
Der Geschäftsführer des Kinos, Timothy Grossmann, verweist gegenüber der taz auf Umfragen, wonach eine Mehrheit der Menschen in Deutschland Israels Vorgehen im Gazastreifen kritisch sieht und sich eine kritischere Haltung der Bundesregierung wünscht. Zu den Vorwürfen gegen Albanese, den Protesten vor seinem Kino und der Forderung, dem Kino die Förderung zu entziehen, äußerte er sich nicht.
Eine Filmvorführung im Metropolis-Kino in Köln in Anwesenheit von Francesca Albanese am Samstagabend ging mit Protesten vor der Tür, aber ohne Zwischenfälle über die Bühne. Eine weitere Veranstaltung ist am Sonntagabend in München geplant.
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