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Protest gegen Netflix auf der BerlinaleEnteignet die Enteigner!

Der Protest von Syn­chron­spre­che­r:in­nen auf der Berlinale zeigt: Wenn Konzerne Menschen ersetzen wollen, sollte der Spieß umgedreht werden.

Arbeiter:innen, hört die Signale: Der Kampf der Syn­chron­spre­che­r:in­nen geht alle etwas an Foto: Carsten Koall/dpa

D ass der Kapitalismus auf Enteignung basiert, ist seit Marx kein Geheimnis mehr. Marx war der Erste, der umfangreich nachgewiesen hat, dass sich Kapital eben nicht magisch vermehrt, wie es bürgerliche Öko­no­m:in­nen bis heute behaupten. Kapital vermehrt sich durch menschliche Arbeit – die aber nicht voll bezahlt wird, denn sonst würde ja nichts dazukommen. Das ist das Gesetz der Lohnarbeit, das das Leben im Kapitalismus heute noch genauso prägt, wie schon vor 150 Jahren.

Ausgerechnet der rote Teppich der Berlinale wurde am Samstagabend Ort eines Protests gegen eine besondere Form dieser Ausbeutung. Dutzende deutsche Syn­chron­spre­che­r:in­nen tauchten hier auf, mit Bildern „ihrer“ Schau­spie­le­r:in­nen und Plakaten, auf denen etwa „Keine Seele, kein Kunstwerk“ stand. Die Polizei schritt schnell ein: Nach einem Foto wurden die Spre­che­r:in­nen und die Ak­ti­vis­t:in­nen der Gruppe „Fairness jetzt“ zum Potsdamer Platz verwiesen, wo noch eine Rede gehalten wurde. Letztere Gruppe ist aus dem Umfeld der ehemaligen Letzten Generation entstanden und setzt sich für KI-Regulierung ein.

Hintergrund ist der aktuelle Boykottaufruf des Verbands Deutscher Syn­chron­spre­che­r:in­nen (VDS) gegen Netflix. Der Streaming-Konzern will die Spre­che­r:in­nen in Verträge drängen, die es Netflix erlauben würden, ihre Stimmen unbezahlt zum Training von KI-Systemen zu benutzen. Bei den Spre­che­r:in­nen hat das Empörung ausgelöst – Boykottaufrufe wurden laut. Aktuell würden etwa 800 der geschätzt 2.500 deutschen Spre­che­r:in­nen die Zusammenarbeit verweigern, sagte Patrick Winczewski vom VDS der taz, die deutsche Stimme von Hugh Grant und Tom Cruise.

was macht die bewegung?

Kundgebung gegen Alice Schwarzer

Manch ei­ne:r hält Alice Schwarzer ja immernoch für eine Feministin, die sich für die Selbstbestimmung von Frauen* einsetzt. Es sei denn natürlich, sind sind trans* oder non-binär, tragen Kopftuch, sind nach Deutschland geflüchtet oder ziehen sich knapp an. Dann stört Alice Schwarzer dann, die im übrigen auch findet, eine rechtsextreme Bundeskanzlerin Alice Weidel sei „trotz allem“ eine Ermutigung für Frauen. Naheliegend, dass sich gegen eine Lesung von Schwarzer protestiert formiert.

Dienstag, 24. Februar, Babylon Kino, Rosa-Luxemburg-Platz, 19 Uhr

Wie gehts weiter mit Rojava?

Die Lage in Rojava hat sich seit Jahresbeginn dramatisch verschärft. Islamistische Milizen der syrischen Übergangsregierung haben die Selbstverwaltung angegriffen, nur ein Abkommen konnte die Katastrophe eines Krieges gerade noch verhindern. Wie die aktuelle Lage ist, darüber diskutiert der Autor Christopher Wimmer, bei einem Kennenlernabend der iL Berlin.

Dienstag, 24. Februar, B-Lage, Mareschstr. 1, 19 Uhr

Entrüstung – Berliner Friedenskonferenz

Deutschland pumpt Milliarden in die Waffenproduktion und spart an Sozialem und der Gesundheit. Die Jugend soll wieder für Deutschland kämpfen. Doch auch der Protest gegen diese Entwicklung wächst. Dafür steht auch die Berliner Friedenskonferenz, die unter dem Motto „Entrüstung“ den Widerstand organisieren will.

Konferenz: 27. Februar bis 1. März, City Kino Wedding, Anmeldung und Tickets hier

Tag X Görli

Am 1. März ist es so weit: Der Görli soll tatsächlich abgeschlossen werden. Das will jedenfalls der Senat, der weiter an dem Termin festhält. Zaun­geg­ne­r:in­nen haben Klagen und Proteste angekündigt. Am Sonntag findet unter anderem ein Rundgang durch den angeblich gefährlichsten Park Deutschlands statt.

Sonntag, 1. März, Wrangelstraße / Falckensteinstraße, 18 Uhr

Jetzt kann man sich diese Bewegung anschauen und dann über das Synchronsprechen streiten. Darüber, ob deutsche Synchros nun peinlich sind oder Kult, ob der Trend nicht eh dahin neigt, Serien und Filme im Original zu sehen. Man kann sagen, hier verteidigt ein überflüssig gewordenes Metier seine Zunft. Oder man sagt, dass die KI immer nur eine seelenlose Nachahmung sein kann.

Gesamtgesellschaftliche Bedeutung

Aber all das trifft nicht den Kern der Auseinandersetzung. Denn was die Syn­chron­spre­che­r:in­nen verhandeln, reicht, wie schon der Streik der Hollywood-Drehbuchautor:innen 2023, weit über das eigene Metier hinaus. „Es fängt mit Syn­chron­spre­che­r:in­nen und Über­set­ze­r:in­nen an, aber letztlich betrifft es alle Arbeitsbranchen“, sagte auch der Aktivist Ralph Thelen der taz. Das sei das Besondere am Protest des VDS: Dass dieser auch ein Aufruf sei, das Problem der unregulierten KI-Nutzung grundsätzlich anzugehen.

Dabei betont Winczewski, dass es nicht um Technologiefeindlichkeit gehe. „Wir wollen ein Regelwerk schaffen, damit KI für die Menschen nutzbar gemacht werden kann, und nicht destruktiv wird“, sagt er. Es gehe darum, dass sich der Konzern auf Augenhöhe mit den Spre­che­r:in­nen zusammensetzt, um Persönlichkeits- und Urheberrechte zu wahren. Die Gruppe Fairness jetzt tritt darüber hinaus für die Einrichtung eines gelosten Bür­ge­r:in­nen­rats ein, um gesamtgesellschaftliche Reglementierungen zu entwickeln.

Mit Marx gedacht besteht das Problem also darin, dass die fortschreitende Automatisierung menschliche Arbeitskraft zunehmend überflüssig macht, da sie durch Maschinen ersetzt wird. An sich muss das nichts Schlechtes sein, könnte diese Entwicklung doch auch eine Befreiung vom Zwang zur Arbeit bedeuten. Gegenwärtig jedoch verschärft der Abbau von Arbeitsplätzen vor allem die Ausbeutung – und wirft damit grundlegende Fragen nach der Sinnhaftigkeit der kapitalistischen Eigentumsordnung auf.

So gedacht, sind die Forderungen des VDS zwar richtig, aber noch ziemlich moderat. Immerhin will Netflix nicht mehr nur mit der Arbeitskraft der Syn­chron­spre­che­r:in­nen Profit machen, sondern ihnen ihre Stimmen ganz entreißen. Dagegen könnte man auch eine alte sozialistische Formel wieder aufgreifen: „Enteignet die Enteigner!“

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Timm Kühn
Redakteur
Chef vom Dienst bei der taz Berlin. Schreibt für die taz über soziale Bewegungen und mehr.

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