Privatsphäre ist Luxus: Realitätsverlust muss man sich leisten können
Wer den Platz für Arbeit oder Sport mit anderen teilen muss, bekommt es unweigerlich auch mit deren Problemen zu tun: unangenehm, aber auch lehrreich.
I ch brauche keine Privatsphäre!“, schreibe ich einer Freundin, während ich auf einer Treppe in den engen Gassen Thagazouts sitze. Die Häuser hier in Marokko stehen dicht aneinander, sodass man zwangsläufig die Gespräche der Nachbar:innen mithört. Man kann sehen, wie Leute im Nachbargebäude ihre Wäsche aufhängen. Vor der Haustür stolpert man ständig in irgendwen rein. Leute bieten einem Essen an, von Vorgärten fehlt jede Spur.
Die Freundin antwortet: „Bei dir ist alles so ultimativ. Wenn du wieder hier bist, freust du dich eh, nicht mehr in ’nem Hostelzimmer zu pennen.“ Sie hat recht, mein Wunsch nach ständigem Menschenkontakt ist safe eine überspitzte Reaktion auf meinen Februar in Leipzig, der vor allem dadurch geprägt war, allein in meinem Zimmer Bad Bunny zu hören, weil die vereisten Bürgersteige es unmöglich gemacht haben, verletzungsfrei irgendwohin zu kommen.
In meinem Urlaub das Gegenteil: Ich teile mein Hostelzimmer mit vier anderen Menschen. Die Schnarchgeräusche nerven, aber abends treffen wir uns auf der Dachterrasse und trinken Gin, reden bis in die Morgenstunden. Hätte ich eine Woche in den Hiltons verbracht, hätte ich meine Ruhe – aber auch schreckliche Langweile, weil ich nur Zeit mit mir selbst verbracht hätte. Ein Leben für mich allein, wer hält das aus?
Das Husten der anderen
Hier geht es um das Deluxe im Begehren: Fakt ist, ich bin eben nicht super reich und mein Einkommen ist weit entfernt davon, es jemals zu werden. Seit ich klein bin, habe ich mir ein Zimmer mit meiner Schwester geteilt. Virginia Woolfs Standardwerk feministischer Literatur heißt Ein Zimmer für sich allein – in dem es auch darum geht, dass Raum für sich zu haben, eine Voraussetzung dafür ist, schreiben zu können.
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Wer reich ist und Zeit hat, muss sich nicht mehr mit anderen auseinandersetzen. Viele von uns müssen öffentlichen Raum nutzen. Wir haben keine Wahl, wir müssen im McFit zwanzig Minuten vor einer Beinpresse warten und das Husten unser Sitznachbarin in der Bibliothek hinnehmen. Und in einer WG zu leben, kann auch echt anstrengend sein.
Aber ich glaube auch, dass Räume für sich zu haben, uns nicht nur vereinsamen lässt, sondern auch dazu führt, dass wir verlernen, zu teilen und uns mit Bedürfnissen anderer auseinanderzusetzen. Wer alles für sich hat, kann sich mehr um seine eigene Karriere als um andere Menschen kümmern. Wer es sich leisten kann, mietet sich eher ein Arbeitszimmer, als in die Bib zu gehen. Oder von McFit zum Privatgym. Je reicher die Leute werden, desto absurder wird’s: Superreiche kaufen sich Inseln und überlegen, auf den Mars zu fliegen, wollen irgendwo sein, wo wir, das einfache Volk, einfach nicht mehr sind. Abschotten, abschotten, abschotten!
Wer nicht muss, der macht auch nicht
Wer nicht mehr muss, kann es sich leicht machen, geht seltener raus, verliert aber auch einen Blick auf die wirkliche Welt, darauf, wie man Kompromisse eingeht, ich kann ja nur machen, was ich will. Leute, die sich nicht mehr mit anderen auseinandersetzen, werden zwangsläufig unsympathisch, werden gemütlicher. Was ich sagen will: Öffentlichkeit führt zu Begegnung.
Ich will öffentlichen Raum nicht missen. In meiner Prioritätenliste ist Gemeinschaft so weit oben, dass ich gerne mal das Schnarchen aushalte, wenn ich dann abends in Thagazout zu einem Lagerfeuer eingeladen werde. Sicher ist für mich, dass ich mich einsam fühlen werde, wenn ich all meine Tätigkeiten, Arbeit, Sport, Lesen in private Räume verlagern würde und den ganzen Tag im Zimmer für mich allein bin, so weiche ich nämlich ständig der Möglichkeit aus, Leuten zu begegnen, denen ich mich verbunden fühlen könnte.
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