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Präsidenschaftswahlen in PortugalHufeisen in Lissabon

Reiner Wandler

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Reiner Wandler

Portugals Sozialisten treten im Februar gegen die Rechtsextremen zur Stichwahl an. Und die Sozialdemokraten wissen nicht, auf wessen Seite sie stehen.

Präsidentschaftswahl in Portugal: Gefährliche Haltung Luís Monenegros von der sozialdemokratischen PSD Foto: Fernando Veluda/epa

P ortugals Konservative spielen mit dem Feuer. Die Sozialdemokratische Partei (PSD) von Ministerpräsident Luís Montenegro wird für den zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen am 8. Februar keine Empfehlung aussprechen. Sein politisches Lager sei dort nicht vertreten, begründet Montenegro diese Entscheidung. Er geht damit gleichermassen auf Distanz zum sozialistischen Sieger der ersten Runde, António José Seguro, und zum Zweiten, dem rechtsextremen André Ventura.

Montenegro signalisiert damit, dass es für die PSD keinen Unterschied mehr gibt zwischen denen, die die aus der Nelkenrevolution 1974 gegen die Salazar-Diktatur hervorgegangenen demokratischen Republik verteidigen und denen, die diese abschaffen wollen. Das heißt dann eben auch, es gibt für Montenegro keinen Unterschied zwischen demokratischen und sozialen Werten und Verherrlichung der Diktatur, die mit Hasskampagnen gegen Zuwanderer und allerlei Minderheiten einhergeht.

Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Die PSD normalisiert damit Venturas post-salazaristische Formation Chega (Genug) und damit die eigene Regierungspolitik. Schließlich stützt sich Montenegros Minderheitsregierung auf Chega. Längst hat Montenegro große Teile deren Politik übernommen. Ventura hetzt, Montenegro setzt um. So beim Einwanderungsgesetz und bei der Staatsbürgerschaft. Auf Montenegro und dessen PSD – einst integraler Bestandteil eben dieser portugiesischen Republik – ist nicht mehr zu bauen. Längst hat sie die Seiten gewechselt. Der Entscheid vom Sonntag zur Stichwahl besiegelt dies.

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Portugals Rechte ist so kopf- und vor allem prinzipienlos wie viele andere in Europa auch. Statt sich abzugrenzen, die Demokratie zu verteidigen, laufen die Konservativen überall in Europa den Neofaschisten hinterher, versuchen sie zu kopieren, in der Hoffnung so die Abwanderung der Wählerschaft zu verhindern. Bleibt zu hoffen, dass eine Mehrheit der Wählerschaft mehr an ihrer Republik hängen, als die konservativen Opportunisten.

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Reiner Wandler
Auslandskorrespondent Spanien
Reiner Wandler wurde 1963 in Haueneberstein, einem Dorf, das heute zum "heilen Weltstädtchen" Baden-Baden gehört, geboren. Dort machte er während der Gymnasialzeit seine ersten Gehversuche im Journalismus als Redakteur einer alternativen Stadtzeitung, sowie als freier Autor verschiedener alternativen Publikationen. Nach dem Abitur zog es ihn in eine rauere aber auch ehrlichere Stadt, nach Mannheim. Hier machte er eine Lehre als Maschinenschlosser, bevor er ein Studium in Spanisch und Politikwissenschaften aufnahm. 1992 kam er mit einem Stipendium nach Madrid. Ein halbes Jahr später schickte er seinen ersten Korrespondentenbericht nach Berlin. 1996 weitete sich das Berichtsgebiet auf die Länder Nordafrikas sowie Richtung Portugal aus.
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6 Kommentare

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  • Montenegro und seine PSD sind für die Stichwahl nicht relevant, mit 12% ist sein Kandidat auf Platz 5 gelandet. Und noch weniger relevant sind die Empfehlungen von beleidigten Parteiführern, die Bürger Portugals selbst wählen keinen Nazi zum Präsidenten.

  • Konservative Institutionen sichern autoritärer Politik die Macht – von Hitler über Franco bis Trump und Orban. Wann werden Konservative endlich ihrer geschichtlichen Verantwortung gerecht? In Deutschland zeigt sich das exemplarisch an der Union: Manche fühlen sich eher einer alten Zentrumspartei verbunden als den christlichen Werten, für die Walter Lübcke stand. Der Streit um das Denkmal vor dem Konrad-Adenauer-Haus macht deutlich, wie dringend die Union klare Grenzen zu autoritären Kräften – auch innerhalb der eigenen Partei – ziehen müsste.

    • @Yoriko N.:

      Mit dieser historischen Argumentation tun Sie sich jenen Gefallen.

      Leicht umformuliert:

      "Linke Institutionen sichern autoritärer Politik die Macht – von Stalin über Mao bis Honecker und Madura. Wann werden Linke endlich ihrer geschichtlichen Verantwortung gerecht? In Deutschland zeigt sich das exemplarisch an der Linkspartei: Manche fühlen sich eher einer alten KPD verbunden als den humanistischen Werten. Der Brandanschlag auf das Haus des Antisemitismusbeauftragten macht deutlich, wie dringend die Linkspartei klare Grenzen zu autoritären Kräften - auch innerhalb der eigenen Partei - ziehen muss."

      (Ergänzung: Im Gespräch mit der ZEIT berichtet der Mann, er habe nach dem Brand Empathiebekundungen von allen Bundestagsabgeordneten aus Brandenburg bekommen - außer von der Afd und seinen eigenen drei Parteigenossen, der Linkspartei.)

      Wenn Sie sagen wollen, dass es Mist ist, wenn Portugals Konservative nicht zu Demokraten anderer Parteien stehen, sagen Die es einfach direkt.

      Da wäre ich bei Ihnen.

      • @rero:

        ",,, tun Sie sich keinen Gefallen. "

        Die Autokorrektur...

    • @Yoriko N.:

      Der Streit um das Denkmal ist kaum überraschend – aufgestellt vor dem Bundesvorstand der CDU, war es von vornherein eine politische Aktion. Dass es dabei zu internen Kontroversen kommt, zeigt weniger fehlende Abgrenzung zu autoritären Kräften als die Spannungen über Strategie und Selbstinszenierung innerhalb der Partei.

    • @Yoriko N.:

      Die alte Zentrumspartei war linkskatholisch, wesentlich linker als die CDU jemals gewesen ist.