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Postpunkband „Jazz“ aus HalleMusik zum Untertauchen

Die Postpunkband Jazz geht mit ihrem krachigen Debütalbum „… der Irrtum hat mal wieder gewonn!“ auf Tour. Googelt sie mal!

Das kann ja heiter werden: Jazz aus Halle geben nur spärliche Informationen preis Foto: Jazz

„Pure Vernunft darf niemals siegen“, sangen Tocotronic 2005. Angesichts der Tatsache, dass das Ende des hart erkämpften 8-Stunden-Arbeitstags und die Investition von mehreren Millionen Euro zur Rettung eines todessehnsüchtigen Wals momentan als vernünftige Maßnahmen verkauft werden, scheint ihr altes Credo heute wichtiger denn je.

Extrem unvernünftig ist es übrigens auch, eine Band, die gar keinen Jazz spielt Jazz zu nennen. Rein aus Gründen der digitalen Auffindbarkeit zum Beispiel. Und zu guter Letzt ist ebenfalls nicht vernünftig, möchte man mehr über die Band wissen dafür die Begriffe „Jazz“, „Band“ und „Halle“ (von da kommt die Band nämlich) in die Suchmaschinen einzugeben.

Was zum Friedrich hab’ ich mir denn davon erhofft? Jedenfalls nicht, einen Vorschlag zu den zehn besten Jazzbands aus Halle zu bekommen. Es sei denn natürlich, die Band Jazz wäre darunter. Aber die Band Jazz macht ja gar keinen Jazz, sondern irgendwas mit Postpunk.

Um einiges surrealer

Jazz bringen mit ihrer Musik diesen strapazierten Genrebegriff auch ziemlich an seine Grenzen, beziehungsweise, sie setzen sich deutlich von anderen deutschsprachigen Künst­le­r:in­nen dieses Genres ab. Denn Jazz sind um einiges surrealer unterwegs als einige ihrer vermeintlichen Genre-KollegInnen, und jede Menge Experimentierfreude ist bei ihrem Werk auch dabei.

Jazz – Album und Tour

Jazz: „… der Irrtum hat mal wieder gewonn!“ (Turbo Discos); Live: 20. 5. 2026, Netto Arena, Halle; 21. 5. 2026, Hitness Club, Leipzig; 22. 5. 2026, Frappant, Hamburg; 23. 5. 2026, West Germany, Berlin

Man muss sich das klanglich so vorstellen, als hätte man einer Menge hyperaktiver und musikbegabter Kinder einen großen Haufen Instrumente bereitgestellt und sie einfach mal machen lassen. Kurz vor Ausbruch des kompletten Wahnsinns hat ein Erzieher noch mal eingegriffen, sanfte Anweisungen gegeben, damit doch noch Musik entstehen kann.

So oder so ähnlich haben Jazz also 13 Songs aufgenommen, die auf ihrem Debütalbum „… der Irrtum hat mal wieder gewonn!“ enthalten sind. Es ist vor zwei Wochen beim DiY-Label Turbo Discos erschienen. Eigentlich wird beim Sound von Jazz vor allem auf den Gebrauch von Synthies gesetzt. Das mit einer größeren Ansammlung an Musizierenden stimmt aber, denn auf der Bandcamp-Seite der Band werden als Sän­ge­r:in­nen mindestens zwölf Personen angegeben.

Offline is wonderful

Wobei auch viel gesprochen wird auf dem Album. Eine Angabe zu Spre­che­r:in­nen ist allerdings keine zu finden. Bis auf die Bandcamp-Seite gibt es zu der Band nahezu nichts. Selbst dann nicht, wenn man die Recherche etwas ausgiebiger angeht, als drei Suchbegriffe einzugeben.

Das ist aber erstaunlicherweise äußerst angenehm, weil dementsprechend auch nirgendwo Interviews oder Statements auftauchen, in denen Jazz dann beispielsweise darüber reden, was sie eigentlich von Tocotronic halten. Viel mehr ist es, als hätte man einfach ein Album im Plattenladen aus der Kiste gezogen, aufgelegt und weil’s gefällt, auch gleich mit nach Hause genommen.

Eine knappe Selbstbeschreibung gibt es vonseiten der Band dennoch: „Jazz’ debut LP is a German homage to the absolute frustration people call life, while also showing paths out of total resignation“, heißt es darin.

Mit Frust und Resignation ist sowieso am allerbesten zusammengefasst, um was es bei Jazz gefühlsmäßig geht. Auch wenn nicht immer alles von den Texten zu verstehen ist, die die Band singt – hier und da drücken die Synthies die Stimmen nämlich so runter, wie das pubertierende Jungs im Schwimmbad gerne mit den Köpfen ihrer Altersgenossen machen –, bleibt das, was man versteht, trotzdem sofort hängen.

Und man möchte sich diese Textzeilen direkt auf die Stirn tätowieren. Hier ein Best-of aus dem Song „Schmerz“: „Schmerz, es gibt ihn überall kostenlos“; „Er brach den Schmerz und verteilte ihn unter den Armen“; „Wir sind alle unendlich reich an Schmerz“. Und das ist wohl ein Fazit: „Wir trinken auf unser Leben, denn unser Leben ist unser Ziel“, aus dem Song „1+1“.

Also immer schön weiter irren, Bier aufmachen und um Himmels willen niemals vernünftig werden (oder Wale retten). Irrtum 1, Vernunft 0.

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